Kinzigtal

Literatur auf dem Scheiterhaufen

Autor: 
Claudia Ramsteiner
Lesezeit 3 Minuten
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24. Juni 2008
Gestern begannen in den Schulen die Schreibwerkstätten im »Hausacher Leselenz«: Seit zehn Jahren werden hier Jugendliche angeleitet, zu sehen, hinzusehen und das Gesehene in verschiedenen literarischen Gestaltungsmitteln zu verarbeiten. Von allen Laternenmasten flattert Poesie, im Rathaus, in den Lokalen, allerorten stehen die Bücher im Mittelpunkt des Geschehens. Hausach ist zu einer Literaturstadt geworden. Am Freitag las Colum McCann aus dem Roman »Zoli« vom Holocaust der Sinti und Roma in der Tschechslowakei. Ein großes Publikum feierte den irischen Autoren, der so einfühlsam schreiben und so wunderbar lesen kann. Heute vor 75 Jahren wurden als »krönender Abschluss nach einem Fest der Jugend« auf dem Hausacher Schlossberg bei der Sonnwendfeier Bücher verbrannt: in den Augen der Nationalsozialisten »Schmutz- und Schundliteratur«. Colum McCanns Bücher wären dabei gewesen, hätte es sie damals schon gegeben – und sicher viele mehr der »Leselenz-Autoren«. Vaterländische Lieder Nicht einmal ein halbes Jahr nach der Machtergreifung Hitlers zeigte die Gehirnwäsche der Nazis auch in Hausach bereits Spuren, waren die Journalisten infiziert oder ausgetauscht. Im »Kinzigtäler Anzeiger« wird am 27. Juni 1933 über den 24. Juni in Hausach berichtet. Nach einem »Fest der Jugend« auf dem Sportplatz fand anschließend die Sonnwendfeier auf dem Schlossberg statt: »Abends um 8.15 Uhr war dann Abmarsch zum Sonnwendfeuer auf dem Schloßberg. Mit welch frohem, glücklichen Herzen die Jugend den großen Gedanken des ersten gemeinsamen deutschen Sonnwendfestes aufgegriffen, das bewiesen die frohen Mienen der vielen Jungen und Mädels, die heute abend sich auf dem Schloßberg um das lodernde Feuer formierten. Die Stadt- und Feuerwehrkapelle leitete die Feier mit einem schönen Stück ein. Darauf sang der Gesangverein Liederkranz zwei vaterländische Lieder. Dann hielt der Jugendführer, Herr Herbener, beim Verbrennen der Schmutz- und Schundliteratur eine gut gewählte, sinnige Feuerrede. (...) Die sehr schön verlaufene Feier wurde dann mit dem Horst-Wessel-Lied und dem Deutschland-Lied abgeschlossen.« Der Versuch, Zeitzeugen jener Bücherverbrennung zu finden, ist nicht ganz einfach. Elisabeth Waidele und Heinrich Ecker waren damals gerade in die Schule gekommen. Sie erinnern sich nicht an eine Bücherverbrennung auf dem Schlossberg, beide wissen aber noch von einer öffentlichen Verbrennung von Büchern auf dem Sportplatz, die später stattgefunden haben muss. Helmut Leib, der damals als 18-Jähriger gerade von der Höheren Handelsschule in Freiburg zurückgekommen war, weiß noch, dass diese Bücherverbrennung stattgefunden hat. »Für mich hatte das etwas Befremdendes«, erinnert er sich. Er gehörte damals zur kleiner werdenden Gruppe des Gesellenvereins in der Kolpingfamilie, die sich »unter größten Schwierigkeiten noch zwei, drei Jahre erhalten konnte«. Ganz sicher habe er keine Bücher abgegeben und er glaubt auch nicht, dass viele Hausacher Bücher zum Scheiterhaufen brachten: »Die Hausacher waren nicht sehr politisch«. »Theatralische Frechheit« Manfred Schoch, Konrektor der Graf-Heinrich-Schule und Mitglied der Gruppe »Wider das Vergessen« erinnerte gestern bei der Schullesung mit Léda Forgó an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten vor 75 Jahren. Léda Forgó ist in Ungarn geboren und berührte mit »Der Körper meines Bruders«, der aufreibenden Geschichte einer Familie im kommunistischen Ungarn, die Hauptschüler. Veranstaltungen wie der Hausacher Leselenz mögen dazu beitragen, dass so eine »theatralische Frechheit«, wie Erich Kästner die Bücherverbrennung am 10. Mai in Berlin bezeichnete, nie mehr den Hauch einer Chance haben wird.
Gestern begannen in den Schulen die Schreibwerkstätten im »Hausacher Leselenz«: Seit zehn Jahren werden hier Jugendliche angeleitet, zu sehen, hinzusehen und das Gesehene in verschiedenen literarischen Gestaltungsmitteln zu verarbeiten. Von allen Laternenmasten flattert Poesie, im Rathaus, in den Lokalen, allerorten stehen die Bücher im Mittelpunkt des Geschehens. Hausach ist zu einer Literaturstadt geworden. Am Freitag las Colum McCann aus dem Roman »Zoli« vom Holocaust der Sinti und Roma in der Tschechslowakei. Ein großes Publikum feierte den irischen Autoren, der so einfühlsam schreiben und so wunderbar lesen kann. Heute vor 75 Jahren wurden als »krönender Abschluss nach einem Fest der Jugend« auf dem Hausacher Schlossberg bei der Sonnwendfeier Bücher verbrannt: in den Augen der Nationalsozialisten »Schmutz- und Schundliteratur«. Colum McCanns Bücher wären dabei gewesen, hätte es sie damals schon gegeben – und sicher viele mehr der »Leselenz-Autoren«. Vaterländische Lieder Nicht einmal ein halbes Jahr nach der Machtergreifung Hitlers zeigte die Gehirnwäsche der Nazis auch in Hausach bereits Spuren, waren die Journalisten infiziert oder ausgetauscht. Im »Kinzigtäler Anzeiger« wird am 27. Juni 1933 über den 24. Juni in Hausach berichtet. Nach einem »Fest der Jugend« auf dem Sportplatz fand anschließend die Sonnwendfeier auf dem Schlossberg statt: »Abends um 8.15 Uhr war dann Abmarsch zum Sonnwendfeuer auf dem Schloßberg. Mit welch frohem, glücklichen Herzen die Jugend den großen Gedanken des ersten gemeinsamen deutschen Sonnwendfestes aufgegriffen, das bewiesen die frohen Mienen der vielen Jungen und Mädels, die heute abend sich auf dem Schloßberg um das lodernde Feuer formierten. Die Stadt- und Feuerwehrkapelle leitete die Feier mit einem schönen Stück ein. Darauf sang der Gesangverein Liederkranz zwei vaterländische Lieder. Dann hielt der Jugendführer, Herr Herbener, beim Verbrennen der Schmutz- und Schundliteratur eine gut gewählte, sinnige Feuerrede. (...) Die sehr schön verlaufene Feier wurde dann mit dem Horst-Wessel-Lied und dem Deutschland-Lied abgeschlossen.« Der Versuch, Zeitzeugen jener Bücherverbrennung zu finden, ist nicht ganz einfach. Elisabeth Waidele und Heinrich Ecker waren damals gerade in die Schule gekommen. Sie erinnern sich nicht an eine Bücherverbrennung auf dem Schlossberg, beide wissen aber noch von einer öffentlichen Verbrennung von Büchern auf dem Sportplatz, die später stattgefunden haben muss. Helmut Leib, der damals als 18-Jähriger gerade von der Höheren Handelsschule in Freiburg zurückgekommen war, weiß noch, dass diese Bücherverbrennung stattgefunden hat. »Für mich hatte das etwas Befremdendes«, erinnert er sich. Er gehörte damals zur kleiner werdenden Gruppe des Gesellenvereins in der Kolpingfamilie, die sich »unter größten Schwierigkeiten noch zwei, drei Jahre erhalten konnte«. Ganz sicher habe er keine Bücher abgegeben und er glaubt auch nicht, dass viele Hausacher Bücher zum Scheiterhaufen brachten: »Die Hausacher waren nicht sehr politisch«. »Theatralische Frechheit« Manfred Schoch, Konrektor der Graf-Heinrich-Schule und Mitglied der Gruppe »Wider das Vergessen« erinnerte gestern bei der Schullesung mit Léda Forgó an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten vor 75 Jahren. Léda Forgó ist in Ungarn geboren und berührte mit »Der Körper meines Bruders«, der aufreibenden Geschichte einer Familie im kommunistischen Ungarn, die Hauptschüler. Veranstaltungen wie der Hausacher Leselenz mögen dazu beitragen, dass so eine »theatralische Frechheit«, wie Erich Kästner die Bücherverbrennung am 10. Mai in Berlin bezeichnete, nie mehr den Hauch einer Chance haben wird.

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