Hausach
Dossier: 

Pflegeheim im Ausnahmezustand

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25. März 2020

(Bild 1/2) Die Hauswirtschafterinnen des Seniorenzentrums Am Schlossberg nähen derzeit am Fließband Schutzmasken für die Pflegekräfte, um die Bewohner wenigstens notdürftig vor einer Tröpfcheninfektion zu schützen. ©Claudia Ramsteiner

„Die physische und psychische Belastung der Altenpflegekräfte war noch nie so hoch wie jetzt“, sagt Dietmar Haas vom Hausacher Seniorenzentrum Am Schlussberg. 

Hausach. Ratternde Nähmaschinen bestimmen das Bild in der Tagespflege des Seniorenzentrums „Am Schlossberg“. Dort, wo zu „normalen“ Zeiten Menschen betreut werden, die morgens gebracht und abends wieder abgeholt werden, entstehen jetzt Mundschutzmasken aus dreilagigem Stoff. Alte Menschen müssen jetzt genauso wie die Kinder zu Hause betreut – die Corona-Pandemie wirbelt gerade das Leben aller durcheinander. 

„Bei uns herrscht Ausnahmezustand“, sagt Heimleiter Dietmar Haas – und spricht da sicher für alle Pflegeheime. Einmal täglich trifft sich das Führungsteam zur Krisensitzung – auch am Wochenende. Eines der wichtigsten Themen: „Wie können wir die Betreuung so verändern, damit das Personal mehr Zeit für die betreuten Menschen hat?“ Denn diese dürfen erstens von den Angehörigen nicht mehr besucht werden und müssen zweitens in ihren Wohngruppen auf Abstand bleiben.

Eine Art „Einzelhaft“, die viele alte Menschen überhaupt nicht nachvollziehen können und die alle sehr schmerzt. So wird jetzt nicht mehr in den einzelnen Wohngruppen gekocht, sondern zentral in der Tagespflege. Damit haben die Hauswirtschafterinnen Zeit, sich mehr um die Betreuung der Bewohner zu kümmern, damit diese nicht vereinsamen. Für die Küche der Tagespflege werden ehrenamtliche Helfer gesucht, damit noch mehr Kräfte frei werden, die die Bewohner „auffangen“ könnten. (siehe Aufruf I). 

Mangelnder Schutz

Die Angehörigen erhalten von der Heimleitung regelmäßig Mails mit den wichtigsten Informationen. „Von den Mitarbeitern kommen ebenfalls viele Ideen, wie man den Kontakt aufrecht erhalten könnte – etwa per Skype oder Whatsapp-Videoanruf“, sagt Dietmar Haas. Er geht davon aus, dass dieser Zustand noch mindestens drei Monate anhalten wird. 

Ein großes Problem ist die mangelnde Schutzausrüstung. Der Verband habe zwar mitgeteilt, Schutzmasken kämen über das Gesundheitsamt – in den Pflegeheimen käme aber nichts an. „Zuerst kommen die Krankenhäuser, das ist ja auch richtig“, sagt Haas. Es fehle auch an Schutzkitteln, die immer dann über der Dienstkleidung getragen werden, wenn Menschen mit ansteckenden Krankheiten gepflegt werden, auch bei Influenza oder dem Novovirus. 

„Bereits Anfang Februar, als sich in China die Pandemie abzeichnete, wollten wir uns damit eindecken, aber schon damals wurde der vierfache Preis verlangt“, ist Pflegedienstleiterin Manuela Schuler entsetzt, dass es Menschen gibt, die mit der Not mehr Geld verdienen wollen.

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Jeder hat Angst, er könnte Überträger sein

Die psychische Belastung aller Pflegekräfte und Mitarbeiter sei sehr hoch. Denn nachdem nun das Pflegeheim abgeriegelt ist, ist klar: Falls dieser Virus hier hereinkommt, wird er von einem Mitarbeiter eingeschleppt. Und jeder habe eine Riesenangst davor, ausgerechnet er könnte dieser Mitarbeiter sein. „Aber wir können ja nicht im Pflegeheim wohnen, wir haben ja alle trotzdem Außenkontakt“, erklärt Manuela Schuler. Dieser würden freiwillig von allen auf ein Minimalmaß heruntergefahren.

Hauswirtschafterinnen des Pflegeheims nähen derzeit hunderte Umbindemasken aus Stoff. „Das ist eine einfache Möglichkeit, die Bewohner wenigstens notdürftig vor Tröpfcheninfektionen zu schützen und jedenfalls besser als gar nichts“, erläutert Schuler. Sehr wichtig wären aber zusätzlich die FFP-2-Masken mit Filter, die einen Schutz für die Pflegenden bieten, falls  sich tatsächlich ein Bewohner mit dem Virus ansteckt. (siehe Aufruf II). 

Sehr dankbar ist die Leitung des Pflegeheims Firmen aus Wolfach, Hornberg und Oberwolfach, die solche Masken teilweise zum dreifachen Preis einkauften und nun dem Heim zur Verfügung stellten. Das seien zwar keine medizinischen Masken, aber auch hier gilt: Lieber etwas weniger als gar nichts. 

Fragen ohne Antworten

„Wir hatten noch nie im Leben eine so große psychische Belastung“, sagte Haas. Man versuche seit Wochen, die schlimmsten Szenarien zu durchdenken: „Wie organisieren wir uns, wenn das Personal knapper wird? Wie lange hält dieser Dauerzustand an mit den geringen Ressourcen?“ So viele Fragen, die keiner beantworten könne, und gleichzeitig müsse man gegenüber den anvertrauten Menschen Sicherheit und Zuversicht ausstrahlen.

Markus Söder habe am Sonntag in einer Diskussion angedeutet, was passiert, wenn die Kapazitäten in den Krankenhäusern nicht ausreichen: „Dann müssen in den Pflegeheimen Opfer gebracht werden.“ 

Man profitiere nun etwas davon, dass man das Personal der Tagespflege mit einsetzen könne, aber auch die relativ hohe Fachkraftquote zahle sich nun aus. In den letzten Jahren habe man noch sechs Fachkräfte aus dem Ausland ausgebildet, „darum sind wir gottfroh, jetzt kommen ja leider keine mehr rein“, so Haas. Und man profitiere davon, dass das gesamte Führungsteam schon seit Bestehen im Haus sei und in diesen Krisenzeiten sehr gut Hand in Hand arbeite. 

Stichwort

Schutzmasken

Das Hausacher Seniorenzentrum Am Schlossberg bittet Firmen darum, FFP-Masken, die sie nicht selbst dringend brauchen, zur Verfügung zu stellen. Auch genähte Mundschutztücher werden gern noch angenommen sowie Maler-Schutzanzüge. Dies alles entspricht zwar nicht den medizinischen Standards, ist aber besser als gar kein Schutz. Das Ortenau Klinikum betrachte es als „Arbeitgeberpflicht, Mitarbeitern ausschließlich originalverpackte, CE gekennzeichnete, damit geprüfte und zugelassene Produkte als persönliche Schutzausrüstung überlassen“, schrieb Kliniksprecher Christian Eggersglüß am Montag in einer Pressemeldung. Die Pflegeheime sind offensichtlich schon einen Schritt weiter in ihrer Not. 

Stichwort

Küchenhelfer

Das Seniorenzentrum Am Schlossberg sucht ehrenamtliche Helfer für die Küche, damit die Hauswirtschafterinnen mehr in der Betreuung der Bewohner mitarbeiten können. Wichtige Kriterien: keine bestehenden Atemwegserkrankungen, kein Aufenthalt in einem Risikogebiet, kiein Kontakt mit einem positiv bestätigten Covid-19-Fall. Die Ehrenamtlichen müssten nicht in Vollzeit zur Verfügung stehen, sondern würden abwechselnd eingesetzt. Wer helfen will, kann sich von Montag bis Freitag zwischen 8 und 16 Uhr unter • 0 78 31/96 91 20 melden. 

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