Hausacher Stadtschreibertagebuch

Slawe seiner selbst: In Deutschland war ich lange kein Deutscher

Autor: 
Martin Piekar
Lesezeit 2 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
11. August 2020

Martin Piekar ist der 31. Hausacher Stadtschreiber. ©Claudia Ramsteiner

Seit Anfang Juli lebt Martin Piekar als Stadtschreiber im Hausacher Molerhiisle. Der Leselenz-Stipendiat schreibt jeden Mittwoch für die Leser des Offenburger Tageblatts am Stadtschreiber-Tagebuch mit. 
 

Haben Sie auf dem Ausländeramt gesessen, und Ihre Mutter hat Ihre Hand so fest gedrückt? Eigentlich will ich egal sagen. Ist es aber nicht. Mein erster bester Freund wurde abgeschoben. Ich weiß gar nicht mehr, wie er hieß, nennen wir ihn Dean – er wurde mit fünf Jahren mitsamt seiner Eltern nach Bosnien abgeschoben.

Mein zweiter bester Freund ist Tamile, Thushj, er floh aus Sri Lanka zur Zeit des Bürgerkriegs. Wir kennen uns nun seit über 21 Jahren, und ich werde ihn nach Hausach einladen (denn ich finde, er sollte diese Stadt kennenlernen). Er ist Künstler, und wir tauschen uns häufig aus, wir betreiben nicht dieselbe Kunst, und doch sind wir beide Künstler. Für meine Mutter ist er ihr drittes Kind. Er wird sehr häufig gefragt, wo er wirklich herkomme. Frankfurt reicht den meisten als Antwort nicht.
Ich bin in Deutschland geboren und habe mit 27 deutsche Papiere bekommen. Als ich das erste Mal nach Polen flog, nutzte ich meinen deutschen Ausweis als Dokument, ich fand das nur fair. Auf der polnischen Botschaft in Köln wurde ich immer kritisch beäugt. Man sprach mich zur Probe polnisch an – aber ich konnte jeder Probe standhalten.

- Anzeige -

Sarrazins Thesen

Eine Großmutter einer Ex-Freundin von mir sagte: Ach wie gut, wir haben seit über 70 Jahren in Europa keinen Krieg. Ich sprang fast auf vor Wut. Ich denke ab und an an Dean. Heute weiß ich, ich war vor Abschiebung sicher, aber meine Mutter drückte meine Hand so fest, dass ich Angst bekam. Thushj wurde letztens in der Bahn gefragt, was seine Abstammung wäre. Er sagte: „Homo sapiens. Du wohl nicht so.“

Letztens in Hausach wurde ich gefragt, ob ich einige von Sarrazins Thesen wirklich für falsch hielte. Ja, ich gestehe. Ich halte sie von Grund auf für falsch, da sie davon ausgehen, dass manche Menschen nun mal so sind. Sie verbergen, dass Menschen immer noch suggeriert wird, sie gehören irgendwo nicht hin. Wissen Sie, in Deutschland war ich lange kein Deutscher und in Polen kein Pole. Aber in Hausach wurde ich immer als ich akzeptiert. Danke.
 

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kinzigtal

vor 1 Stunde
Außenstelle Schiltach/Schenkenzell
Die Leiterin der Außenstelle Schiltach/Schenkenzell der Volkshochschule (VHS) Ortenau Simone Albrecht präsentiert das Programm fürs Wintersemester, das am 28. September beginnt. 
vor 8 Stunden
Hauptversammlung
Wahlen gab es in der Hauptversammlung der Ruhmattenschimmel am Freitag im Dorfgemeinschaftshaus in Bollenbach. Für die nächste Fasnachtssaison würde man eine Glaskugel brauchen, die aber niemand hat.
vor 11 Stunden
Musikfest
Frederic Belli lud am Wochenende Spitzenmusiker zu einem dreitägigem Musikfest in den Schlosshof ein.  Geboten wurden wundervolle Konzerte in einem wundervollen Ambiente.
vor 14 Stunden
Hornberg
Dank im Schnitt mit fünf Helfern an den vergangenen Wochenenden und mit schon mehr als 120 Arbeitsstunden und dem Einsatz des Bauhofs, der Maschinen zur Verfügung stellte und die groben Aushubarbeiten erledigte, nimmt die Freizeitanlage Schwickersbach immer mehr Gestalt an.
vor 17 Stunden
Gästeerhrung im "Klösterle Hof"
Seit 1973 kommt Josef Ernst aus Meschede meist zwei Mal im Jahr in den „Klösterle Hof“. Für seinen sage und schreibe 75. Aufenthalt wurde der Sauerländer geehrt.
19.09.2020
Mittleres Kinzigtal
Das Talgeflüster ist ein ironischer Wochenrück- und -ausblick der Kinzigtal-Redakteure jeden Samstag. 
19.09.2020
Serie "Wasser-Fälle" (11)
Wolfachs Wetterexperte Franz Schmalz setzt sich im Interview mit dem Klimawandel und Niederschlägen auseinander und erklärt, ob es wirklich immer trockener wird. 
19.09.2020
Rohbauarbeiten fast abgeschlossen
Viele Erdbewegungen in den Wäldern im Welschbollenbacher Tal warfen bei der Bevölkerung viele Fragen auf. Aus diesem Grunde informierten  Ortsvorsteher Andreas Isenmann und der Vorsitzende der Teilnehmergemeinschaft „BZ-Verfahren Welschbollenbach“ Jürgen Schmid in der Ortschaftsratssitung am Montag...
19.09.2020
Wolfach
Schichtwechsel nach fast zwei Jahrzehnten gewissenhafter Arbeit: Norbert Hilberer gibt Aufsicht am Wolfacher Grünschnittplatz ab.
19.09.2020
Schiltach
Trotz Nasslagern und Pandemie-Unsicherheit: Die FBG Schiltach/Lehengericht blickte am Donnerstag optimistisch nach vorn. Die Kooperation mit der FVS soll fortgeführt werden.
19.09.2020
Mühlenbach
Ein großes Lob für die Mühlenbacher Büchereileiterin Maria Neumaier gab es in der Gemeinderatssitzung am Mittwoch von Bürgermeisterin Helga Wössner. 
18.09.2020
Hausach
Hildegard Geyer, Tochter der legendären „Hirsch“-Wirtsfamilie Metzger, schreibt an einer Chronik des ehemaligen Gasthauses „Hirsch“ in Hausach und hofft auf weitere Bilder. 

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Curvy Queen bietet trendy Mode bis Kleidergröße 60.
    16.09.2020
    Coole Looks bis Kleidergröße 60 / Drei tolle SSV-Shoppingtage
    Das Bekleidungsgeschäft Curvy Queen in der Offenburger Platanenallee bietet eine große Auswahl an Plus-Size-Mode. Vom 17. bis 19. September gibt es beim Sommerschlussverkauf die starke Mode zu reduzierten Preisen.
  • Voller Einsatz für die Patienten: Das Reha-Sport-Team vom Offenburger RehaZentrum - Sabrina Weidner, Sarah Figy, Mario Truetsch und Lars Bilharz (v. l.)
    15.09.2020
    Neue Kurse starten im Oktober – jetzt anmelden!
    Fit werden, fit bleiben: Dieses Ziel hat sich das Team des RehaZentrums in Offenburg für seine Kunden auf die Fahnen geschrieben. Hier bekommt jeder sein maßgeschneidertes Therapie- und Fitnessprogramm. Wer langsam wieder in Bewegung kommen will oder an einer Grunderkrankung, wie Rückenschmerzen...
  • Alexander Benz (von links), Michel Roche, Thomas Kasper, Erhard Benz und Erika Benz stehen an der Spitze des Top-Life.
    07.09.2020
    Top-Life Berghaupten: Die Adresse für Gesundheit und Fitness
    Gesundheit und Fitness haben eine Adresse in der Ortenau: Seit 1996 ist das Top-Life Gesundheitszentrum Benz KG in Berghaupten Ansprechpartner Nummer eins, wenn es in der Region um private Gesundheitsvorsorge, Wellness und medizinische Versorgungsangebote geht.
  • Die Vereine im ewo-Gebiet haben die Chance, für ihre Nachwuchsmannschaften zu gewinnen.
    28.08.2020
    Vereinsaktion #Ballwechsel: Energiewerk Ortenau und Partner suchen trickreiche Teams und deren Fans
    Ballkünstler gesucht! Das Energiewerk Ortenau (ewo) startet zusammen mit starken Partnern die Vereinsaktion #Ballwechsel: Wer seinen Club vorschlägt, eröffnet ihm die einmalige Chance, ein Fest und jede Menge Equipment im Gesamtwert von mehr als 5000 Euro zu gewinnen. Alles, was die meistgevoteten ...