75 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs

Wie ein Schiltacher das Kriegsende erlebte

Hans Harter
Lesezeit 4 Minuten
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24. April 2020

Hier sind auf einem Foto aus dem Jahr 1941 oder 1942 Schiltacher Hitler-Jungen und Arbeitsdienstler zu sehen. Sie mussten alle in den Krieg, viele kamen nicht zurück. ©Repro: Hans Harter

Hans Wörhle aus Schiltach wurde als 17-Jähriger in den Zweiten Weltkrieg geschickt. Er berichtet als ein Vertreter der später „verlorene Generation“ genannten jungen Menschen über schreckliche Erlebnisse und wie er der Gefangenschaft entgehen konnte.

Der Schiltacher Hans Wöhrle wurde 1927 geboren, wie der Politiker Hans-Dietrich Genscher, der Kabarettist Dieter Hildebrandt, der Schriftsteller Günter Grass. In ihrem Jahrgang teilten sie das gleiche Schicksal: Aufgewachsen in der Krise der Weimarer Republik; eingeschult, als Hitler an die Macht kam; von Jugend an in den Nationalsozialismus integriert; 1944 als letzter Jahrgang regulär einberufen – und 17-jährig in den Krieg geschickt. 

Wer überlebte, dem standen in der Bundesrepublik Karrieren offen. Doch irgendwann gab es Vorwürfe: Als bei einigen Prominenten herauskam, dass sie als Jugendliche in der NSDAP oder bei der Waffen-SS waren, wurde dies als Verstrickung in deren Verbrechen ausgelegt.

„Freiwillig“ gemeldet

So 2006 dem Schriftsteller Günter Grass: Er hatte sich zur Marine gemeldet, wurde aber der Waffen-SS überstellt. In sie, eine als fanatisch und brutal geltende Elitetruppe, strebten manche, um „dem Führer den besten Dienst zu leisten“.

Viele wollten ihr jedoch auch entkommen. Ein Mittel war, sich rechtzeitig „freiwillig“ zur Wehrmacht zu melden, mit Wahl der Waffengattung und einem „Annahmeschein“, durch den die SS keinen Zugriff mehr hatte. 

So erlebte es auch der Schiltacher Hans Wöhrle: 1944 zum Reichsarbeitsdienst nach Horb einberufen, mussten sie eines Tages antreten: „SS-Leute fuhren vor, und es hieß, wer den Annahmeschein von Marine, Heer oder Luftwaffe hat, kann abtreten. Alle anderen wurden in die Waffen-SS aufgenommen.“

Er hatte bereits „vorgesorgt“ und sich „freiwillig“ zur Luftwaffe gemeldet, die ihn im Oktober 1944 holte. Nach der Grundausbildung fand er sich im Februar 1945 bei der neunten Fallschirmjägerdivision wieder, im Brückenkopf Greifenhagen, östlich der Oder. 

Geburtstag im Erdloch

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„Der Marsch an die Front ging im Schneetreiben, bei einer Rast setzten wir uns an den Straßenrand, ich mich auf eine Erhöhung im Schnee, die sich als toter Soldat herausstellte. Die Front kam näher, Granaten heulten heran. Von einigen älteren Kameraden lernten wir, wann man sich hinwerfen musste.

Dann: Panzerbegleitung, Angriff fahren, Häuserkampf mit Flammenwerfern. Einmal lagen wir in einem Wald, die ‚Stalinorgeln‘ heulten. Wir legten uns unter die Panzer und haben so überlebt. In Greifenhagen gingen wir als letzte über die Brücke ans westliche Ufer. Am 6. März 1945 wurde ich 18 Jahre alt, allein in einem Erdloch.“  

Weiter berichtete Wöhrle: „Ende März waren wir im Oderbruch bei Küstrin. Wir lagen bei einem Gutshof, gegenüber dem russischen Brückenkopf, und hatten uns eingegraben, 150 Meter entfernt waren die Russen. Die Luftwaffe versuchte die Oderbrücken zu zerstören, mit ‚Huckepack‘-Fliegern.

Das war jeweils eine Heinkel 111, gefüllt mit Sprengstoff, darauf eine Messerschmitt 109. Es war ein Spektakel, wie sich die Me 109 absprengten und steil gegen den Himmel emporzogen. Es gab riesige Detonationswolken. Alle waren sprachlos, keiner dachte ans Schießen.“ 

Die „Schlacht um Berlin“

Am 16. April 1945 griffen die Russen zur „Schlacht um Berlin“ an. „Wir mussten den Rückzug antreten, über Müncheberg, Buckow, großer Müggelsee ging es zurück. Wir wurden von den Russen überholt, eingekesselt und mussten den Rückzug freikämpfen. Am 20. April waren wir im bald eingeschlossenen Berlin. Der Versuch, auszubrechen, misslang. Am 2. Mai 1945 kapitulierten wir in der Schultheiß-Brauerei“, erinnerte sich der Schiltacher.

Alle Waffen seien dann auf einen Haufen geworfen worden und Hans Wöhrles Einheit kam in Gefangenschaft. „Mir selbst gelang es, aus dem Marsch der Zwölfer-Reihen zu fliehen: Ich sprang in eine Kellerruine und ließ die Gefangenenkolonnen vorbeiziehen. Kurz darauf wurde am 8. Mai die Kapitulation verkündet. Da war ich bei einer Berliner Familie, die mir Zivilkleider gab und mich bis Ende Juni versteckte“, erzählte der Schiltacher. 

Der Krieg, in den Wöhrle und unzählige andere als junge Menschen gepresst wurden, war für die Jahrgänge 1926/27 ein einziger Kampf ums Überleben: als Flakhelfer, Jungsoldaten, Volkssturmjungen, Gefangene.

Um ihre Jugend betrogen, hat man sie „verlorene Generation“ genannt. Spätere moralische Anklagen sollten jenen gelten, die sie in ideologischer Verblendung und Größenwahn in Zwang, Not und Todesgefahr gebracht haben. 

  • Lesetipp: Alfred Neven DuMont (Herausgeber): „Jahrgang 1926/27. Erinnerungen an die Jahre unter dem Hakenkreuz“ (2007).

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