Schiltach

Wie Schiltach vor 111 Jahren zu seinem SPD-Ortsverein kam

Autor: 
Hans Harter
Lesezeit 3 Minuten
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16. August 2019

Die Ansichtskarte, vor 1914, zeigt den SPD-Vorsitzenden ­August Bebel, der die Arbeiter mit dem »freien Wahlrecht« zum Sieg führt. Am Boden zertritt er das preußische »III-Klassen-Wahlrecht«. ©Privatarchiv C. Kohlmann

Seit 1897 gibt es die SPD in Schiltach, ins Leben gerufen von Kleinhandwerkern und Industriearbeitern. Nach einem ersten Hoch und anschließendem Tief dauerte es noch rund zehn Jahre, bis 1908, vor 111 Jahren, ein »sozialdemokratischer Wahlverein« gegründet wurde.

Die älteste bestehende deutsche Partei ist die SPD, die sich diesen Namen 1890 gab. Zum 2. November 1897 heißt es im Protokollbuch des Schramberger »Arbeitervereins«, dass »nunmehr in Schiltach die Gründung eines politischen Vereins gelungen sei«. Dies war der Beginn einer hiesigen SPD-Ortsgruppe, die von Kleinhandwerkern und Industriearbeitern getragen wurde.

Sie machten hier erstmals bei den Reichstagswahlen 1881 auf sich aufmerksam, als 83 der 218 wahlberechtigten Männer sozialistisch stimmten (38 Prozent). Das Klassenbewusstsein der Karlin-Arbeiter sah der junge Otto Hörth damals in ihren »bleichen, hohlwangigen Gesichtern«: »Sie waren von einer verbissenen Unzufriedenheit gezeichnet, einem Haß, der sich gegen die lohndrückenden Ausbeuter, gegen die besitzende Klasse überhaupt richtete«. 

Wenig überliefert

Von der ersten SPD-Ortsgruppe ist wenig überliefert, die Wahlergebnisse verschlechterten sich wieder, und 1906 zählte sie zu den »eingegangenen«. Vor allem das hiesige Bürgertum akzeptierte die »Sozis« nicht, was sich darin zeigte, dass die Wirtschaften die organisierten Arbeiter nicht duldeten. Ausnahme war der junge Sonnenwirt Christian Bühler – »sonst wäre man oft gezwungen gewesen, Versammlungen unter freiem Himmel abzuhalten«. 

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Auch die Firmen spielten ihre Macht aus: Ein Karlin-Arbeiter, der den »Volksfreund«, die badische SPD-Zeitung, verteilte, wurde 1905 »auf’s Bureau gerufen, wo man verlangte, dies zu unterlassen, im anderen Falle er die Arbeit verlassen müsse«. Der »Volksfreund« geißelte dies als »Unternehmerterrorismus«: »Dafür, daß der Arbeiter dem Unternehmer seine Reichtümer zusammenschanzen hilft, muß er sich auch noch seine staatsbürgerlichen Rechte einschränken lassen« – Klassenkampf und Klassenrhetorik auch in Schiltach. 

Umschwung vor 111 Jahren

Der Umschwung kam 1908: Eine »Volksversammlung« mit einem SPD-Abgeordneten hatte 100 Besucher: »Ein Ehrentag für die Schiltacher Arbeiterschaft«. Mit diesem Rückenwind erfolgte am 29. März die Gründung eines »sozialdemokratischen Wahlvereins«, sodass, wie es heißt, »der Kampf des Proletariats auch hier seine guten Früchte trug«. Vereinslokal war die »Sonne«, Vorsitzender der Sattler Georg Bühler, sein Stellvertreter Johann Flad, Kassierer war Georg Dieterle, Schriftführer Wilhelm Wöhrle, Beisitzer Mathias Grimminger und Georg Wolber. Man zählte 27 Mitglieder, ihr Ziel war, dass aus der »liberalen Hochburg Schiltach eine sozialdemokratische wird«. Auch verwies man darauf, dass jetzt »in einem Städtchen von 1800 Einwohnern, drei politische Vereine bestehen«, was für ein großes politisches Interesse der damaligen Schiltacher spricht. 

Der Trend hielt an: 1910 kamen 250 Leute zu einer Versammlung, die »größte, die bis jetzt stattgefunden hat«. 1912 wählten 210 Männer die SPD (48 Prozent), sodass sie hier stärkste Partei war, vor den bürgerlichen Nationalliberalen und dem katholischen Zentrum. Doch rührten sich auch die Gegner: »Auf Veranlassung des Verkündigers der christlichen Liebe« wurden SPD-Plakate heruntergerissen. Als die Genossen im Mai 1912 auf den Schlossberg kamen, lag dort eine gefällte Tanne: »Sie hatte ihr Leben lassen müssen, weil sie so unvorsichtig war, am 1. Mai eine rote Fahne von ihrem Wipfel wehen zu lassen.« Damals gab es auch Frauen-Versammlungen, die das Frauen-Wahlrecht forderten. Für diese und andere demokratische Reformen bedurfte es aber erst der Revolution der Soldaten und Arbeiter im November 1918.  

  • INFO: Der Beitrag beruht auf Nachrichten der SPD-Parteizeitung »Der Volksfreund«.

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