Lahr

Gedenken an Deportierte: Ibert appelliert, sich einzumischen

Autor: 
Erika Sieberts
Lesezeit 3 Minuten
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23. Oktober 2020

Die Gedenkfeier im Friedrich-Ebert-Park mit OB Ibert bei der Kranzniederlegung. ©Christoph Breithaupt

80 Jahre ist es her, dass die in Baden, der Pfalz und dem Saarland Menschen jüdischen Glaubens ins französische Lager Gurs deportiert worden sind. Aus Lahr stammten 45 der mehr als 6500 Bürgerinnen und Bürger. 23 von ihnen wurden direkt aus Lahr verschleppt, die übrigen lebten zu diesem Zeitpunkt in anderen badischen Städten. Am Mittwoch hat OB Markus Ibert einen Kranz am Gurs-Stein auf dem Friedrich-Ebert-Park niedergelegt, es wurden Kerzen für jeden vorgelesenen Namen entzündet. Die Gedenkfeier war im Pflugsaal.

Der 22. Oktober 1940 sei für den Südwesten bedeutsamer als die Reichspogromnacht, sagte Oberbürgermeister Markus Ibert. „Er war ein entscheidender Schritt in die Vernichtung.“ Der Tag, nach dem die Gauleiter die betroffenen Gebiete der Reichsregierung nach Berlin als „judenfrei“ meldeten, habe bei der hiesigen Bevölkerung keine Reaktion hervorgerufen. „Eine Weile sah es so aus, als hätten wir daraus gelernt“, sagte Markus Ibert. „Aber diese Sicherheit haben wir heute nicht mehr“. Seine Bitte: „Bleiben Sie wach und sagen Sie auch einmal Stop!, wenn Sie sich daran stören, wie über andere geredet wird.“

Aufgrund der Hygieneregeln saßen nur 30 Gäste im Pflugsaal. Die vorbereitete Theateraufführung des Mittel- und Oberstufentheaters des Scheffel-Gymnasiums fiel aus, dafür wurde eine Gedichtcollage mit Bildern unter dem Titel „Mit Bleistift geschrieben im verplombten Waggon“ als Video gezeigt.

Anonymität, Ratlosigkeit und Angst

Auf den Bildern sah man Szenen jüdischer Rituale bei Tisch, das Abkommandieren durch Uniformierte und immer wieder Gesichter mit weißen Masken, die Anonymität, Ratlosigkeit und Angst vermittelten. 14 Sprecherinnen und Sprecher rezitierten Gedichte von Bonhoeffer, Enzensberger, Celan und vor allem Pagis. Dan Pagis, Literaturwissenschaftler, Dichter und Übersetzer, wurde 1930 in Rumänien geboren und starb 1986 in Jerusalem. Auch er hat Deportation und KZ-Haft erlebt, konnte 1944 entkommen und emigrierte nach Palästina. Nach einem seiner Gedichte wurde der Titel der Collage gewählt.

Live auf der Bühne saß einzig Albert Vetter am Flügel und brachte zwei bewegende Stücke: Die Nocturne in f-Moll „La séparation“ des russischen Komponisten Mikhail Glinka und von Ludwig van Beethoven, den zweiten Satz der Klaviersonate, opus 13, in c-Moll.

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Ibert spricht von „Vordenkern der Modernität“

 Ibert gab einen Einblick in die jüdische Geschichte Lahrs: 1862 habe der Stadtrat beschlossen, Juden als Bürger gleichzustellen. 1888 sei die erste jüdische Gemeinde in Lahr gegründet worden, die nach 52 Jahren mit der Deportation nach Gurs endete. „Ohne die liberalen Juden, Vordenker der Modernität, hätte es vieles in Lahr nicht gegeben“, sagte Ibert, auch nicht die Zigarettenfirma Roth-Händle.

Viele Juden hätten sich nicht vorstellen können, dass ihr Vaterland, für das einige im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten, sie im Stich lassen würde. „Doch den Menschen wurde alles genommen“, stellte Ibert klar. „Viele alte und geschwächte Menschen überlebten den ersten Winter in Gurs nicht.“ Für die übrigen sollte es noch schlimmer kommen. Für Tausende jüdischer Menschen endete ihr Leidensweg in den Vernichtungslagern. 

23 Stolpersteine

Wer überlebte, wurde die Erfahrungen von Verfolgung, Todesangst, Hunger und Verzweiflung nie wieder los, wie etwa Fritz Isenberg, geboren 1937, der in den USA überlebt hat. An diese Schicksale, an ganz reale Menschen, erinnern in Lahr 23 Stolpersteine vor den letzten Wohnhäusern der Deportierten.  

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