Friesenheim

»Man brauchte ein dickes Fell«

Autor: 
Anja Rolfes
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
25. Januar 2014
Seit 30 Jahren gibt es die Grüne Liste Umweltschutz im Gemeinderat. Redakteurin Anja Rolfes blickte mit den Gemeinderäten Joseph Hugelmann und Dietmar Kairies auf die vergangenen drei Jahrzehnte zurück (von rechts).

Seit 30 Jahren gibt es die Grüne Liste Umweltschutz im Gemeinderat. Redakteurin Anja Rolfes blickte mit den Gemeinderäten Joseph Hugelmann und Dietmar Kairies auf die vergangenen drei Jahrzehnte zurück (von rechts). ©Burkhard Ritter

Grüne Gedanken in den Gemeinderat bringen – das will die Grüne Liste Umweltschutz (GLU) seit mittlerweile 30 Jahren in Friesenheim. Ob das gelungen ist, darüber sprach der Lahrer Anzeiger mit zwei Männern, die von Anfang an dabei sind: Joseph Hugelmann (61) und Dietmar Kairies (62).

Herr Hugelmann, Herr Kairies, 1984 gründeten Sie mit zwölf weiteren Mitstreitern die Grüne Liste Umweltschutz. Brauchte das Friesenheim?

Dietmar Kairies: Sehr! Das Thema Umweltschutz war damals in Friesenheim keines. Die meisten von uns waren vom Studium in den Schoß der Heimat zurückgekehrt. Da, wo wir leben, sollte es lebenswert sein. Wir haben uns deshalb fast alle im BUND engagiert und auch einige Sitzungen im Gemeinderat besucht.

Kamen damals noch mehr Zuhörer als heute?

Kairies: Ja. Aber im Gegensatz zu heute war damals alles vernebelt.

Es wurde geraucht?

Joseph Hugelmann: Ja. Bis Christel Strauß-Röderer 1994 in den Gemeinderat einzog und den Antrag stellte, dass das verboten wird.

Zurück zu den Anfängen der GLU. Was stieß Ihnen bei den Besuchen im Gemeinderat auf?

Kairies: Einiges.

Hugelmann: Und das Problem war, dass wir vor den Sitzungen keine Informationen erhalten haben, was die Gemeinde plant. Da haben wir uns gedacht, es muss ein parlamentarisches Standbein her.

Kairies: Hauptauslöser war eine Gewässeruntersuchung. Da ging es um die Qualität der Friesenheimer Gewässer. Wir haben im Gemeinderat gefragt, ob das bekannt ist und wurden als Spinner abgetan.

Warum gingen Sie nicht unter das Dach der Grünen, die vier Jahre zuvor an den Start gegangen waren?

Hugelmann: Im Gegensatz zu heute gab es viele Berührungsängste. Wir wollten Ökologie in der Kommune machen und wollten uns nicht für Joschka Fischer rechtfertigen müssen. Parteistrukturen brauchen wir dafür nicht.

Kairies: Zudem gab es bei den Grünen Flügelkämpfe zwischen Realos und Fundis. Mit dem ganzen Zeug hatten wir nichts am Hut. »Grüne« war damals fast ein Schimpfwort. Es gibt auch Leute, die sind im BUND und der CDU. Die wollten wir ebenso erreichen.

Aber Sie fühlten sich dem Gedankengut der Grünen nahe?

Kairies: Auf jeden Fall.

Hugelmann: Wir wollten in Friesenheim nicht nur Fassadenbegrünung, sondern fundiertes ökologisches Verhalten. Brauchwasseranlagen zum Beispiel sind so ein Thema, das wir immer verfolgt haben. Da wurde uns gesagt: Wir haben ein Blockheizkraftwerk, das reicht. Und dann kamen die Anlagen doch. Eigentlich war es oft so: Wir haben das gefordert, was fünf, zehn Jahre später Allgemeingut war.

Kairies: Durch unsere Präsenz kann es nicht nur bei Lippenbekenntnissen bleiben. Obwohl wir alleine auch nichts erreichen können. Im Gegenzug müssen wir auch Kompromisse machen.

Hugelmann: Insgesamt hat sich aber auch die gesellschaftliche Position gewandelt.

Kairies: Die ersten ein oder zwei Legislaturperioden war das aber anders. Da waren wir schon gewissen Anfeindungen ausgesetzt gewesen.

Ich hätte eher gedacht, dass Sie belächelt worden sind. Grüne Belange in der Kommunalpolitik zu vertreten, war sicher noch nicht so selbstverständlich wie heute.

Kairies: Nein. Die Reaktionen der Bürger waren positiv: Gut, dass ihr antretet, hieß es.

Und im Gemeinderat?

Hugelmann: Da waren es teilweise eher spöttische Bemerkungen. Man brauchte schon ein dickes Fell, um alles auszuhalten, was einem an den Kopf geworfen wurde.

- Anzeige -

Haben Sie nach dem Super-GAU in Tschernobyl 1986 ein Umdenken in puncto Umweltschutz in Friesenheim festgestellt oder war die Katastrophe zu weit weg?

Hugelmann: Ja, das habe ich erlebt. Beim Dorffest sind zum Beispiel Leute auf mich zugekommen, die sonst nicht mit mir geredet haben, die mich fragten, wie ich das jetzt mit dem Salat mache.

Kairies: Tschernobyl war nicht wegzudiskutieren.

Was schätzten Sie als den größten Erfolg ein, den die GLU im Gemeinderat erzielt hat?

Hugelmann: Wir hatten in vielen Punkten Recht. Der Flugplatz zum Beispiel. Wir haben von Anfang an gesagt: Das kann nicht funktionieren. Inzwischen ist die Mehrheit in Friesenheim auch kritischer geworden.

Kairies: Tempo 30 flächendeckend geht auf uns zurück.

Hugelmann: Strom aus regenerativen Quellen ist auch auf unserem Mist gewachsen.

Kairies: Das Gedenken an die Juden ist uns ebenfalls wichtig. Wir haben zum Beispiel den Antrag auf die Stolpersteine gestellt.

Konnten Sie an der Denke der anderen Fraktionen etwas verändern?

Hugelmann: Das Wichtigste ist, dass sie uns ernst nehmen.

Wo sind Sie in 30 Jahren gescheitert?

Kairies: Dazu fällt mir nichts ein.

Hugelmann: Wir müssen uns für nichts schämen.

Seit 1994 waren Sie mit vier Leuten im Gemeinderat vertreten. Seit 2009 sind es nur noch drei, obwohl Sie im Vergleich zu 2004 ein leicht verbessertes Ergebnis hatten. Woran lag es?

Kairies: An der Abschaffung der unechten Teilortswahl und am ungerechten Auszählungsverfahren, das d’Hondtsche Höchstzahlverfahren, das die stärkste Fraktion bevorteilt, nämlich die CDU. Und da die CDU im ganzen Land davon profitierte, hatte die Landesregierung auch kein Interesse daran, etwas zu ändern.

Hugelmann: Aber da jetzt das Saint-Laguë/Schepers-Verfahren angewandt wird, haben wir die Hoffnung, dass wir wieder vier Plätze bekommen.

Wie grün lebt die GLU eigentlich privat? Essen Sie nur Bio und verzichten auf ein Auto?

Kairies: Sepp ist konsequenter. Er ist ein Vorbild.

Hugelmann: Ich habe aber ein Auto. In der WG haben wir ein Gemeinschaftsauto. Zum Transportieren von großen, schweren Dingen ist das schon gut. Und ja: Ich kaufe Bio und ernähre mich seit 40 Jahren vegetarisch. Aber ich kenne auch CDUler, die Vegetarier sind.

Treten Sie beide in fünf Jahren noch mal an?

Kairies: Nein. Wir hatten jetzt schon mit dem Gedanken gespielt aufzuhören, aber da Christel Strauß-Röderer nicht mehr antritt, wollten wir nicht alle drei gehen. Dann hätte die Gefahr bestanden, dass die GLU untergeht. So kommen ein oder zwei neue Leute von uns in den Gemeinderat, die dann die Nachfolge antreten können.

Informiert

Am Freitag, 31. Januar, 19.30 Uhr, feiert die GLU mit der Gruppe »Stimmband« ihren Geburtstag in der Sternenberghalle.

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
  • 13.05.2019
    »Schöne Zeit« – der zeitlose Weingenuss
    Fruchtig, farbenfroh und voller Lebensfreude – so zeigt sich der neue »Schöne Zeit«-Weißwein der Durbacher WG. Der Name ist Programm und steht für zeitlosen Genuss für jedes Alter – aus dem Herzen des Durbachtals.
  • 09.05.2019
    Experten von Steinhof Fitness in Oberkirch beraten
    80 Prozent der Deutschen haben Rückenschmerzen - viele sogar chronisch. Ursache dafür ist in den allermeisten Fällen eine mangelnde oder falsche Bewegung. Die Experten von Steinhof Fitness in Oberkirch zeigen, wie Rückenschmerzen künftig der Vergangenheit angehören können - und beraten kostenlos.
  • 07.05.2019
    Mitgliederversammlung
    Es war eine geheime Abstimmung beim SV Berghaupten. Doch danach stand fest: Die Führungsmannschaft bleibt bis 2021 im Amt. Robert Harter wurde erneut die SVB-Präsidentenwürde zuteil.  
  • 01.05.2019
    Relaxen und Genießen im Renchtal
    Das neugestaltete Ringhotel Sonnenhof in Lautenbach im Renchtal begrüßt seine Gäste mit einer einzigartigen Kulisse am Fuße des Schwarzwaldes. Ob im Restaurant, bei den Spa-Angeboten, für Tagungen oder Hochzeiten – der Sonnenhof ist die ideale Adresse zum Relaxen und Genießen.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Lahr

vor 6 Stunden
Lahr
Die 28. Lahrer Fußball-Grundschulmeisterschaften haben am Freitag auf der Klostermatte alles das gezeigt, was diesen Sport ausmacht. Spielfreude, Gemeinschaftssinn und Anfeuerung – wer Zeuge davon wurde, nahm viele Eindrücke mit.
vor 9 Stunden
Lahr
Mit 300 Akteurinnen – darunter nicht wenige Akteure – hat der TV Lahr am Wochenende Maßstäbe gesetzt. Zur Show »Jukebox«  Wochenende im Parktheater, präsentierten die verschiedenen Abteilungen eine bunte und lebendige Darstellung.
vor 12 Stunden
Friesenheim - Oberschopfheim
Der »Winzerhügel« am südlichen Ortseingang Oberschopfheims verspricht ein Schmuckstück zu werden. Am Freitag wurden 150 Weinstöcke eingepflanzt.  
vor 15 Stunden
Lahr
Beim Institut für Ausbildung und Training in Lahr haben am vergangenen Freitag 191 Polizeimeisteranwärter und -anwärterinnen, davon 60 Frauen und 131 Männer des Einstellungsjahrgangs Frühjahr 2019, ihren Diensteid abgelegt.
18.05.2019
Lahrer Stadtgeflüster
Die Nachricht über den bekanntesten Obdachlosen Alfons hat die gesamte Bevölkerung in Lahr bewegt. Was sonst noch Lahr bewegte - unser Stadtgeflüster
18.05.2019
Friesenheimer Kolumne »Umgekrempelt«
Eigentlich ist Walter Holtfoth als Rock-DJ bekannt. In seiner eigenen Kolumne »Umgekrempelt« meldet sich der 62-Jährige einmal in der Woche zu Wort und schreibt über Themen, die unterhalten, aufregen oder einfach nur Spaß machen.
18.05.2019
"Tschüss Gemeinderat" Meißenheim (2/2)
Seit zehn Jahren sitzt Otto Meier im Gemeinderat Meißenheim, seit 39 Jahren Hans Spengler. Beide treten bei der Kommunalwahl am 26. Mai nicht mehr an. Was haben sie in ihren langen Jahren am Ratstisch erlebt? Was haben sie noch vor? Der Lahrer Anzeiger liefert in den Abschiedsporträts Antworten....
18.05.2019
»Blick ins Amtsblatt« Schwanau (58)
Kurioses und geschichtlich Interessantes findet sich beim »Blick ins Amtsblatt« Schwanau. In der Serie des Lahrer Anzeigers werden die »Schätze« aus den Jahren 1972 bis 2000 ans Licht gebracht – immer samstags. Heute: erstes Halbjahr 1996.  
18.05.2019
Schwanau
Die Tischtennis-Freunde Schwanau/Meißenheim blicken in ihrer Hauptversammlung auf ihr sportlich erfolgreichstes Jahr zurück.
18.05.2019
Lahraus, Lahrein
Unser Bürkle Paul war dieses Mal mit seiner Renate beim Ohrendoktor.
17.05.2019
Hauptversammlung
Eine neue Verordnung namens Usta-VO sorgt für noch mehr Bürokratie. Auf der Hauptversammlung der Lahrer Nachbarschaftshilfe am Donnerstagabend im Ludwig-Frank-Haus waren die Mitglieder des Vorstands dennoch optimistisch, dass es weitergehen wird. 
In der Luisenschule tagt der Lahrer Gemeinderat – bald auch mit der AfD am Tisch?
17.05.2019
Lahr/Schwarzwald
Eine neue Partei will in den Lahrer Gemeinderat. Mit acht Kandidaten auf der Liste kämpft die Alternative für Deutschland um Stimmen bei der Kommunalwahl am Sonntag, 26. Mai. Hat sie eine Chance? Eine Analyse.