Friesenheim

Sie kennt neun Kultusminister

Autor: 
Anja Rolfes
Lesezeit 5 Minuten
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11. April 2015
Ingeborge Schöffel-Tschinke steht seit 1987 an der Spitze des Landesschulbeirats. Sie wohnt seit drei Jahren in Oberschopfheim.

Ingeborge Schöffel-Tschinke steht seit 1987 an der Spitze des Landesschulbeirats. Sie wohnt seit drei Jahren in Oberschopfheim. ©Anja Rolfes

Das Herz des Landesschulbeirats pulsiert in Oberschopfheim. Hier lebt Ingeborge Schöffel-Tschinke. Seit 1987 ist sie Vorsitzende des Gremiums. Erst im Oktober 2014 wurde sie für weitere drei Jahre gewählt. Ihr Engagement in Sachen Schule reicht noch viel weiter zurück – wobei der Begriff Engagement nur dürftig beschreibt, mit welcher Leidenschaft sie ihr Amt ausfüllt.

Seit wann genau sich Ingeborge Schöffel-Tschinke der Bildung verschrieben hat, ist schwierig einzugrenzen. Zu ihrem Alter schweigt sie, sagt nur: »Ich bin wahrscheinlich älter als ich aussehe«. Von zwölf Kultusministern, die seit Gründung des Landes Baden-Württemberg am Ruder waren, kennt sie immerhin neun. Der erste, mit dem sie in Kontakt kam, war Wilhelm Hahn, von 1964 bis 1978 Kultusminister. »In den 60er-Jahren gab es Diskussionen. Jedes Kind sollte ins Gymnasium«, erinnert sich Schöffel-Tschinke. »Hahn wollte die Dinge auf seine Art umsetzen, über die Wirtschaftsaufbaugymnasien. Das in Offenburg war eine tolle Schule. Aus dem Raum Kinzigtal kam oft eine ganze Klasse zusammen. Aber dann reduzierte sich das wieder, weil jeder größere Ort eine Realschule bekam« und die Wege damit nicht mehr so weit waren.
Eigene Initiative
In dieser Zeit war Schöffel-Tschinke schon aktiv, diskutierte im Beirat, der Hahn beriet, mit. Später saß sie im Vorstand des Landeselternbeirats. »Da war Alois Graf von Waldburg-Zeil Vorsitzender.« Das war zwischen 1972 und 1981. Zu der Zeit war sie in Offenburg Vorsitzende des Gesamtelternbeirats. »Die Fahrradwege in der Stadt gehen auf unsere Initiative zurück«, erzählt sie. Gefährliche Stellen wurden gesucht, auf Dias gebannt und der Stadtverwaltung präsentiert.
Oder wer kennt heute nicht »Lerne die Sprache des Nachbarn«? »Damals fuhren die Eltern samstags zum Einkaufen nach Straßburg und die Kinder fragten immer: Mama, was heißt das? Mama, was hat der Mann gesagt? Da machten wir uns Gedanken«, erinnert sich Ingeborge Schöffel-Tschinke. »Die Frau eines französischen Offiziers hat unseren Kindern dann Französisch-Unterricht gegeben.« Später wurde die Eltern-Initiative als Programm flächendeckend an der Rheinschiene eingeführt.
»Damals habe ich für Französisch in den Grundschulen gekämpft«, sagt Schöffel-Tschinke. Und heute? »Wenn man zu einer anderen Überzeugung kommt, muss man das sagen dürfen. Wir bekommen Probleme, wenn wir nicht die Notwendigkeit anerkennen, dass Englisch wichtiger für unsere Kinder ist. Das brauchen sie später im Berufsleben.«
Ihre eigenen Kinder – vier Jungen, drei Mädchen – waren es letztendlich auch, die sie immer mehr für das Thema Bildung entflammen ließen. Beruflich hatte Schöffel-Tschinke einen anderen Weg eingeschlagen. Sie wuchs in Achern auf, fing in Würzburg ein Studium der Psychologie und Medizin an, aber bevor sie das beenden konnte, erkrankte ihre Mutter an ALS. »Da war es selbstverständlich, dass ich sie pflegte.« Das Medizin-Studium schloss sie nie ab, das Psychologie-Studium später, als die Familie Kind für Kind größer wurde, dann schon. In Teilzeit arbeitete sie als Psychotherapeutin.
Zu ihrer Berufung Bildung kam sie, »weil ein Kind ein Vierteljahr lang nur stundenweise mit Unterricht versorgt wurde. Das hat mich dazu gebracht, mich einmal näher mit der Schule zu beschäftigen«, erinnert sie sich. Das führte sie schließlich bis in den Landesschulbeirat, in den sie in den 80er-Jahren berufen wurde und an dessen Spitze sie seit 28 Jahren steht – ehrenamtlich wohlgemerkt. Pro Woche fährt sie 1200 Kilometer und arbeitet mindestens 60 Stunden.
Ingeborge Schöffel-Tschinke ist eine Frau mit Erfahrung und das scheint auch der jetzige Kultusminister Andreas Stoch (SPD) zu schätzen. »Ich habe noch nie einen so regen und intensiven Kontakt zur Amtsspitze gehabt wie zur Zeit«, sagt sie. »Das ist sicher der Tatsache geschuldet, dass ich das Bildungssystem seit Hahn kenne.« Dabei wird der Landesschulbeirat »un­ideologisch geführt«. Das war seit der Gründung 1953 so und das ist auch Schöffel-Tschinke wichtig: »Wir stellen die Dinge unabhängig von jeder Politik dar«.
»Noten sind nicht alles«
Die 72 Mitglieder drehen in den Vorlagen des Kultusministeriums eine Idee nach der anderen herum und bilden sich dann eine eigene Meinung dazu. Hinter dem Konzept der Gemeinschaftsschule stehen der Beirat und seine Vorsitzende zum Beispiel voll und ganz. Wer mit Schöffel-Tschinke redet, dem wird klar, warum. Es ist das Individuelle, dass der Fokus auf den einzelnen Schüler gerichtet wird, das ihr an dieser Schulart gefällt. »Noten sind nicht alles«, findet sie und erzählt von jungen Menschen, die trotz schlechter Schulabschlüsse mit der richtigen Förderung in der richtigen Firma dennoch ihren beruflichen Weg gingen.
Ihr eigenen sieben Kinder haben auch ihre Plätze im Leben gefunden. »Ich habe das Glück, dass sich alle positiv entwickelt haben und heute in Situationen und Positionen sind, die man sich als Mutter wünscht«, sagt Ingeborge Schöffel-Tschinke. »Und schuld daran sind mehrheitlich die Lehrer.« Und das ist genau der Grund, warum sie sich seit Jahrzehnten leidenschaftlich für die Bildung engagiert.

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Ausgezeichnet

Alles aufzuzählen, was Ingeborge Schöffel-Tschinke geleistet und erreicht hat, würde den Rahmen dieser Seite sprengen. Gewürdigt wurde sie für ihre Leistungen bereits mehrfach: mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland, mit der Landesmedaille von Baden-Württemberg und mit dem »Ordre des Palmes Académiques – Der Orden der Akademischen Palmen« von Frankreich.

Stichwort

Landesschulbeirat

1953 wurde in Baden-Württemberg der Landesschulbeirat ins Leben gerufen. Er »ist kein behördlicher Apparat, sondern beruht auf echter Partnerschaft zwischen Bevölkerung und Staat. Er verzichtet aus guten Gründen auf die Austragung parteipolitischer Auseinandersetzungen«. So formulierte Professor Hans Wenke von der Universität Tübingen das Ziel des Gremiums. In ihm sitzen Vertreter der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände, Lehrer, Schüler, Eltern, Kirchen, Religionsgemeinschaften, kommunalen Landesverbände und der Berufserziehung der Schüler-Mitverantwortlichen. Dazu kommen weitere persönlich berufene Mitglieder. Der Landesschulbeirat berät Vorlagen des Kultusministerums und macht aber auch selbst Vorschläge, wo und wie das Bildungssystem verändert werden kann.

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