Zell am Harmersbach

110 Jahre Harmersbachtalbahn

Autor: 
Karl-August Lehmann
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
12. Dezember 2014

(Bild 1/3) Ein vertrautes Bild für die Talbevölkerung: Die Dampflok der Harmersbachtalbahn in den 1950er-Jahren. Bei der Planung der Bahnstrecke hielten sich Hoffnungen und Ängste die Waage. ©Fotos/Repros: Lehmann-Archiv

Die Harmersbachtalbahn zwischen Biberach und Zell ist in diesem Jahr 110 Jahre alt. Längst ist sie als fester Bestandteil des Tals akzeptiert, doch das war vor über einem Jahrhundert nicht immer so, wie ein Rückblick zeigt.

Einer Epidemie gleich grassierte das »Eisenbahnfieber« in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Rasch wuchsen aus den rudimentären Schienensträngen quer durch Deutschland viele Verästelungen, getragen von vielen Erwartungen. Man sah enorme Einsparpotenziale beim Transport von Gütern in der rasch um sich greifenden Industrialisierungsphase, hoffte auf die Mobilität der Menschen und einen Zuwachs an Kommunikation.

Keineswegs mit allseitiger Freude wurde allerdings das Eisenbahnzeitalter im Harmersbachtal begrüßt. Vorurteile und Visionen, Hoffnungen und Ängste hielten sich in der Bevölkerung die Waage. Eine Gemengelage von Interessen, wie sie unterschiedlicher nicht hätte sein können, mischte die Bevölkerung untereinander und die Talgemeinden gegenein­ander auf. Fehlende Informationen zum Einen und ein wohl durch die Berge des Tales mitunter beschränkter Horizont zum Anderen förderten die Bahnerschließung nicht unbedingt, zumal bei zu fortschrittlichem Denken möglicherweise der Bannstrahl des halben Tales die Initiatoren treffen konnte.

Beim Bau der Schwarzwaldbahn in den 1860er-Jahren schlug die Stadt Zell a. H. vor, mit einem Tunnel von Steinach her den Anschluss an die Bahn zu erreichen. Nicht nur die Kostenfrage ließ dieses Ansinnen scheitern. Einziges Zugeständnis: die Station Biberach hieß bis 1919 »Biberach-Zell«, was die Biberacher auf die Palme brachte: »Sind wir denn ein Zinken von Zell?«

Die Berliner Firma Vering&Wächter, die später auch den Zuschlag für das Projekt erhielt, machte 1897 den Vorschlag, eine »Anschlussbahn« zu bauen. Ursprünglich sollte der Schienenweg nur bis zur Stadt Zell reichen, aber die Gemeinde Oberharmersbach forderte aus wirtschaftlichen Gründen: »Darum nicht nur nach Zell, sondern gleich nauf ins Harmersbacher Tal«.

Die Ernsthaftigkeit unterstrich Oberharmersbach mit der Bereitstellung von 100 000 Mark – ein Sturm hatte 1899 im Gemeindewald 12 000 Festmeter flach gelegt und dieser außerordentliche »Holzhieb« schuf die Grundlage für die richtungsweisende Investition. Jetzt galt es nur noch, die Badisches Landesregierung zu überzeugen – ohne deren Unterstützung hätte das Bahnprojekt beizeiten auf dem Abstellgleis gestanden.

Man warb mit den zahlreichen Gewerbebetrieben im Tal, dem Holz- und Steinreichtum, dem möglichen Aufbau des Tourismus und verstieg sich zu der Version, dass man mit einem Tunnel durch den Löcherberg das Harmersbachtal »unschwer mit der Renchtalbahn verbinden« könnte. Aus Kostengründen kippte nicht nur dieser Vorschlag, sondern die Bahn sollte auch definitiv im Ortsteil Riersbach enden, und nicht wie geplant, beim Gasthaus »Linde« im Ortsteil Zuwald.

- Anzeige -

Erst die Gründung eines Eisenbahnausschusses, dem Delegierte der Talgemeinden angehörten und dem Oberförster Hermann Schimpf, Leiter des Zeller Forstamtes, vorstand, setzte das Eisenbahnprojekt unter Dampf.  Schimpf wusste energisch und sachlich gleichermaßen die Skeptiker zu überzeugen.

Am 1. Juli 1902 genehmigte der Karlsruher Landtag das Gesetz zum Bau einer normalspurigen Bahn von Biberach nach Oberharmersbach. Noch immer gab es den einen oder anderen Gegner. Pfähle und Profile der abgesteckten Trasse wurden entfernt, Grundstücksbesitzer forderten »Liebhaberpreise«. Dennoch: Am 6. April 1904 folgte der erste Spatenstich, Bautrupps mit Italienern trafen kurz darauf ein. Mit Spitzhacke, Schaufel und Lore wurden auf der 10,6 Kilometer langen Strecke 46 000 Kubikmeter Erde abgetragen und 70 000 aufgeschüttet. Der Höhenunterschied beträgt 119 Meter, die größte Steigung zwei Prozent, nur 20 Prozent der Strecke liegen in der Horizontalen. Der kleinste Krümmungshalbmesser misst 200, der größte 1000 Meter. In gerader Linie sind 73 Prozent der Streck verlegt.

Noch einmal gab es größeren Wirbel. Unter den Italienern gab es ein tödliche Messerstecherei, die Polizei ermittelte wegen eines Sittlichkeitsverbrechen und im »Adler« in Zell brach in einer Kammer ein Feuer aus, knapp einen Monat nach dem großen Stadtbrand im Juli 1904, der die ganze Häuserzeile entlang der Hauptstraße einäscherte.

Erst durften Schulkinder mit dem »Bähnle« fahren, einen Tag später dampfte die gezierte Lok durchs Tal.

Der erste Bauzug machte sich am 23. September 1904 auf die Strecke, an der ein Bahnhof nach dem anderen fertiggestellt wurde. Am 12. Dezember 1904 durften die Schulkinder des Tales als Erste mit dem »Bähnle« fahren, einen Tag später dampfte die gezierte Lokomotive durchs Tal, begrüßt an den Bahnhöfen mit Böllerschüssen, Musikkapellen und Bürgerwehrformationen.

Die Feier hielt man im Gasthaus »Sonne« in Oberharmersbach ab. Hermann Schimpf wurde für seine Verdienste um den Bahnbau zum ersten Oberharmersbacher Ehrenbürger ernannt. Ein junges Mädchen namens Elise Halter sagte den Prolog zur Bahneröffnung auf. Ihr war es vorbehalten, 1979 beim 75-jährigen Jubiläum der Nebenbahn Biberach-Oberharmersbach im Gasthaus »Posthörnle« die Strophen noch einmal auswendig zu zitieren.

Info

Ein  Film  zum Bahn-Jubiläum

Zum 110. Geburtstag der Harmersbachtalbahn lädt das Filmarchiv Oberharmersbach am Mittwoch 17. Dezember, um 20 Uhr zu einem Vortrag mit historischen Bildern ins Gasthaus »Posthörnle« ein. ein. Ein Tonfilm erinnert an die gelungene Feier zum »75-Jährigen« aus dem Jahre 1979. Der Eintritt ist frei.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Offenburg

Schnelle Schätzchen am Start
vor 1 Stunde
Für Auto-Fans ist die Ried-Rallye, die am Samstag zum dritten Mal stattfand, eine spannende Angelegenheit. Denn hier können liebevoll hergerichtete Wagen vergangener Jahre in Aktion bewundert werden.
Die Zukunft von Kindern verbessern
vor 3 Stunden
Die von Melanie Sälinger initiierte Benefiz-Veranstaltung »Ein Fest der Hoffnung« zugunsten krebskranker Kinder hätte am Wochenende ein deutlich besseres Echo verdient gehabt. Die Besucher, die kamen, erlebten unter anderem musikalische Beiträge.
Um das Thema »Traumwelten« ging es dieses Jahr beim Kunstprojekt der Lebenshilfe.
Ein Spaziergang durch Traumwelten
vor 3 Stunden
Es ist die Vielfalt der Ideen und der Techniken, die die Besucher jedes Jahr Anfang November zur Lebenshilfe nach Offenburg lockt. Bei der aktuellen Veranstaltung »Kunst und Wein« waren nun Bilder und Objekte zum Jahresthema 2018 »Traumwelten« zu sehen.
Auf der Suche nach Abenteuern
vor 3 Stunden
Paul und Hansen Hoepner haben beim Förderverein der Gewerblich-Technischen Schule Offenburg zwei Stunden ohne Punkt und Komma von ihrer Reise, einmal um die Welt ohne Geld, berichtet.
Der Kinzigtäler
vor 3 Stunden
Meistens ist klar, wofür ein »d« am Heck eines Autos steht – Diesel. Doch immer häufiger taucht dieser Buchstabe bei Stellenanzeigen auf, immer in der Kombination m/w/d. Doch was bedeutet das eigentlich? Die Abkürzungen für männlich/weiblich sind mittlerweile jedem geläufig. Aber d?
Die Basar-erfahrenen Inner-Wheel-Damen behalten die Nerven, während Kundinnen und einige Kunden sich in Scharen durch das reizvolle Angebot stöbern.
»Es ist eine heiße Schlacht«
vor 3 Stunden
Einen regelrechten Ansturm gab es am Samstag auf die beim Basar des Inner Wheel Clubs angebotenen Waren im Saal der evangelischen Auferstehungsgemeinde. Und das, obwohl sich das Angebot in den vergangenen Jahren geändert hat.
»Gott hat für Sorgen ein offenes Ohr«
vor 3 Stunden
Der christliche Chor »Joy & Hope« (»Freude & Hoffnung«) zeigte ein eindrucksvolles und mitreißendes Konzert in der schmucken St.-Johannes-Kirche in Dundenheim. Unter der musikalischen Leitung von Katja Tscherter-Kaufmann sang das Ensemble am Sonntag eine breite Auswahl an einfühlsamen...
Herbstkonzert mit Gästen
vor 3 Stunden
Das Herbstkonzert des Nordracher »Chors der Klänge« stand in der Hansjakob-Halle im Zeichen des zehnjährigen Dirigentenjubiläums von Viktor Kraus. Der Gesangverein »Frohsinn« Oberharmersbach und die Nordracher Solistin Hannah Essig bereicherten den gelungenen Konzertabend.  
Hohberg - Diersburg
vor 10 Stunden
Entspannt, kreativ und voller Freude – so präsentierten sich die Abteilungen des TV Diersburg beim Sport­abend am Samstag. Für die Zuschauer in der voll besetzten Gemeindehalle war es ein abwechslungsreiches Vergnügen.
Schon gezeichnet: Der Natursteinbelag des erst im Sommer mit einem großen Fest eingeweihte »neue« Lindenplatz weist bereits deutliche Gebrauchsspuren auf.
Zwischenbilanz zur Innenstadt-Neugestaltung
vor 11 Stunden
Der neu gestaltete Lindenplatz ist gelungen und kommt gut an: Das war der Tenor, als es am Montagabend im Gemeinderat um den aktuellen Stand beim Innenstadtprogramm »Go OG« ging. Allerdings störten sich die Stadträte daran, dass der Natursteinbelag bereits stark verschmutzt sei – nicht der einzige...
Offenburg - Zunsweier
vor 11 Stunden
Die Bürgergemeinschaft Umwelt Kienberg/Hohhölzle feierte am Samstag mit einer Feierstunde im Foyer der Sporthalle ihr 25-jähriges Bestehen.
Mitglieder wählten neuen Vorstand
vor 12 Stunden
Der VfR Elgersweier hat ein neues Vorstands-team. Peter Busam schied in der Hauptversammlung als Vorstandssprecher aus, bleibt aber Jugendleiter.

Das könnte Sie auch interessieren

Nachts Auto zu fahren strengt die Augen an – für Brillenträger kommen oft noch weitere Sichteinschränkungen dazu. Dagegen gibt es jetzt aber spezielle Gläser.
Dunkle Jahreszeit
15.11.2018
Im Herbst und Winter kann es für Autofahrer auch mal ungemütlich werden, denn Wetter- und Lichtverhältnisse sorgen für eine schlechte Sicht. Besonders für Brillenträger wird das unter Umständen zum Problem. Spezielle Autofahr-Brillengläser schaffen hier aber Abhilfe.
Anzeige
Weltgrößtes Adventskalenderhaus
14.11.2018
Bereits seit mehr als 20 Jahren erweist sich das Gengenbacher Rathaus in der Adventszeit als magischer Anziehungspunkt: Es verwandelt sich mit seinen 24 Fenstern in das weltgrößte Adventskalenderhaus. Diesmal werden erneut Bilder von Andy Warhol präsentiert. 
Anzeige
Café Räpple in Bad Peterstal-Griesbach
09.11.2018
Ob im Stehen oder im Sitzen, mit Bier oder Wein – Tapas sind leckere Häppchen, die in gemütlicher Atmosphäre am besten schmecken. Genau das bietet das Café Räpple am 21. November mit einem ganz besonderen Schwarzwald-Tapas-Abend mit Gerichten aus eigener Herstellung.
Anzeige
Fachgeschäft in Offenburg
07.11.2018
Ob in der Arbeit oder zu Hause - einen Großteil des Tages verbringen viele Menschen mit Sitzen. Doch Sitzen ist nicht das Gesündeste für den Rücken. Rückenschmerzen sind die Folge. Und so ist es besonders wichtig, auf eine möglichst rückengerechte Haltung zu achten. "Rückengerecht leben" bietet als...
Anzeige