Nicht aufhören, an NS-Verbrechen zu erinnern

87-köpfige badische Delegation besuchte Gedenkfeier in Gurs

Autor: 
red/tap
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01. November 2019
Irina Katz, Vertreterin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, zitierte bei der Gedenkveranstaltung aus dem Abschiedsbrief der Freiburgerin Theresa Levy.

Irina Katz, Vertreterin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, zitierte bei der Gedenkveranstaltung aus dem Abschiedsbrief der Freiburgerin Theresa Levy. ©Stadt Offenburg

Gedenken als Antwort auf Antisemitismus und moderne Formen des Fremdenhasses: Eine 87-köpfige badische Delegation verbrachte ein Wochenende in Gurs, um einer Gedenkfeier für die von den Nazis deportierten Juden beizuwohnen.

Gurs ist eine idyllische kleine Kommune mit 400 Einwohnern am Fuß der Pyrenäen. Es liegt zwischen Pau und Biarritz an der Atlantikküste. Ausgerechnet dort spielte sich eine besonders brutale Episode der europäischen Geschichte ab. Die dritte französische Republik richtete im Südwesten Frankreichs mehrere Auffanglager ein, als ab 1939, als Franco Barcelona erobert hatte, Soldaten der republikanischen Armee und Freiwillige der Internationalen Brigaden über die Pyrenäen fliehen mussten. 
Eines der größten dieser Lager wurde in Gurs errichtet. Es war der Karlsruher Oberbürgermeister Günther Klotz, der 1957 nach der Veröffentlichung eines Zeitungsberichts über den Verfall des Friedhofs Gurs, die Initiative zu dessen Instandsetzung und Pflege ergriff.

Zwischen dem 22. und 24. Oktober 1940 hatten die Nazis mehr als 6500 jüdische Mitbürger aus Baden, der Pfalz und dem Saarland deportieren lassen. Die Verantwortlichen des Vichy-Regimes steckten diese Menschen in das Lager Gurs. Dort fanden sie unmenschliche Bedingungen vor. Das Lager war ringsum von Stacheldraht eingezäunt und streng bewacht. Es bestand aus 382 primitiven, rund 145 Quadratmeter großen Baracken, in denen jeweils bis zu 60 Personen untergebracht waren. 

Das Essen war spärlich, die wenigen sanitären Anlagen in einem katastrophalen Zustand. Viele, vor allem ältere Menschen, starben an Entkräftung, Epidemien oder aus Mangel an Medikamenten. Nur wenigen gelang die Flucht.

Etwa ein Drittel der nach Gurs verschleppten Juden wurden zwischen 1942 und 1944 in die Vernichtungslager im Osten gebracht. Für sie war Gurs zur „Vorhölle von Auschwitz“ geworden. In der Nachkriegszeit hatte der Verband der jüdischen Gemeinschaften der Basses-Pyrénées zwar bereits 1945 ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer errichtet. Doch der zunächst noch gepflegte Friedhof verwilderte im Lauf der Jahre immer mehr. 

Hier nun wurde die kommunale Arbeitsgemeinschaft zur Unterhaltung und Pflege des Deportiertenfriedhofs aktiv. Gemeinsam mit Werner Nachmann, Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Badens, schmiedete Klotz diese AG, der heute 16 Kommunen angehören sowie der Bezirksverband Pfalz. Offenburg ist seit 2002 Mitglied. 

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1073 Gräber

Der neu gestaltete Friedhof, auf dem sich 1073 Gräber befinden, ein Mahnmal sowie eine Gedenkhalle, wurde 1963 feierlich eingeweiht. Seither findet dort alljährlich Ende Oktober eine Gedenkfeier mit Delegationen der badischen Städte in Gurs statt.

Am vergangenen Wochenende machten sich 87 Repräsentanten der 16 Städte auf den Weg, darunter auch geschichtsinteressierte Schüler. Die deutsch-französische Gedenkfeier am Ehrenmal dauerte drei Stunden. Bürgermeister Michel Forcade erinnerte vor der Kulisse von sechs wackeren Standartenträgern daran, dass auch heute noch Millionen Menschen vor diktatorischen Regimen weltweit auf der Flucht sind. Kulturbürgermeister Andreas Osner, Konstanz, mahnte: „Wir dürfen nicht aufhören an die NS-Verbrechen zu erinnern – angesichts rechtspopulistischer Tendenzen!“ Er dankte ausdrücklich den anwesenden Jugendlichen für ihre Präsenz: „Das ist ein Weg, unsere Demokratie zu verteidigen.“

Am Montagmorgen schilderte der 93-Jährige Hans Flor aus Heidelberg, dessen Mutter Jüdin war, die Etappen der Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung jüdischen Lebens nach 1933. Da er als sogenannter Halbjude erst im Februar 1945 ins Durchgangslager Theresienstadt deportiert wurde, als die russische Armee nicht mehr weit weg war, überlebten er und sein Vater. Zu Fuß brauchten sie 14 Tage, um wieder nach Heidelberg zu kommen. 

Auf die AfD angesprochen, sagte Flor: „Das ist eine furchtbare, eine ganz schlimme Sache. Diese Menschen haben nichts gelernt. Was mich furchtbar aufregt ist, dass es weltweit nach rechts geht.“ 

Ernst Otto Bräunche, Leiter des Stadtarchivs in Karlsruhe, beschrieb eindrücklich, wie der Antisemitismus aus der Weimarer Republik schließlich unter den Nationalsozialisten zur verheerenden Staatsideologie wurde.
 

Hintergrund

"Voller Trauer"

Irina Katz, Vertreterin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, zitierte aus dem Abschiedsbrief der Freiburgerin Theresa Levy, die sich vor dem Abtransport das Leben nahm: „Ich scheide voller Trauer über die Schmach, die meinem Volk der Juden von meinem Volk der Deutschen angetan wurde.“ Jugendliche aus Konstanz schilderten, wie sich bei ihnen aufgrund ehrenamtlicher Grabpflegearbeiten und angesichts der Baracken in anderen Lagern Südfrankreichs „Bilder mit Schattierungen unfassbaren Leids“ gebildet hätten.

Info

Pläne

Die Gemeinde Gurs plant für die Zukunft ein französisch-deutsches-spanisches Memorial, ein Museum. Hauptproblem ist die Finanzierung.

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