Offenburg

». . . aber so war er nicht«

Autor: 
Jürgen Rohn
Lesezeit 10 Minuten
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23. Januar 2007
Interview
Gestern Abend zeichnete die ARD zur besten Sendezeit (21 Uhr) innerhalb ihrer Serie »Die Erben« ein Porträt des Offenburger Verlegers Hubert Burda. Viele Weggefährten – auch aus Offenburg – kommen in dem Beitrag zu Wort. Hubert Burda (66) stand unserer Zeitung Rede und Antwort: Wie hat ihm der Film gefallen? Was hat ihn besonders bewegt? Und wo würde er die Autorin gerne korrigieren? ? Der Film beleuchtet das Verhältnis Ihrer Eltern, das familiäre Klima im Hause Burda und die schwierige Rolle des jüngsten Sohnes unter dem »Übervater« Franz Burda vor einem Millionen-Publikum. Damit muss man wohl leben, wenn man wie Sie mit Massenmedien sein Geld verdient? Hubert Burda: Damit kann man gut leben. Ich denke allerdings, dass der Film die Rivalität unter uns Geschwistern ein wenig überdramatisiert. Das kommt in fast allen Familien vor, nicht nur in den so genannten Dynastien. Hinzu kommt, dass der Film die Rolle meines Vaters als Übervater etwas überzeichnet. ? Im Film kommt er eher streng rüber. Burda: Stimmt. Man könnte fast Angst vor ihm bekommen. Aber so hab’ ich ihn nicht in Erinnerung, und so war er auch nicht. Er war jemand, der am Leben großen Spaß hatte und der diese Freude auch auf andere übertragen konnte. Viele Offenburger kennen ihn noch so. Im Film wird er – wie auch oft von den schreibenden Medien – überzeichnet. Dieses Bild wurde ein wenig von jenen Journalisten geprägt, die von meinem Vater recht undiplomatisch hinausbefördert wurden. Aber die langjährigen Mitarbeiter, Schönherr kommt ja in dem Film vor, schildern ihn ganz anders. Als jemanden, der alle 14 Tage ein Fest gefeiert hat, wenn er wieder Auflage gemacht hatte. Das Faustzitat »Ermuntere mit Liebe und mit Strenge« umschreibt am besten die Art, wie mein Vater mit seinen Mitarbeitern und mit uns umging. Die große Sohnesliebe unseres Vaters und die große Vaterliebe von uns kommen in dem Film leider nicht vor. ? Aber Sie hatten es nicht immer leicht? Burda: Bei aller positiven Lebenseinstellung hat er uns Brüder im Sinne der Dynastie und im Sinne der Nachfolge manchmal hart in die Pflicht genommen. Davon konnten wir alle drei ein Lied singen. Ich, der dann auf seinem ureigensten Gebiet, nämlich dem Verlag, antrat, war ganz nach der alten Handwerkstradition natürlich zuerst der Lehrbub’, später Geselle und erst am Ende selbst Meister. ? Vermutlich hätte Ihnen der Vater auch keinen Gefallen getan, wenn Sie es allzu leicht gehabt hätten. Burda: Um die Schlachten, die das Verlagsgeschäft mit sich bringt, zu bestehen, muss man aus einem bestimmten Holz geschnitzt sein. Ich glaube nicht, dass sich diese Fähigkeit herausgebildet hätte, wenn mir mein Vater alle Hindernisse aus dem Weg geräumt hätte. So manches wäre mir wohl nicht gelungen. ? Wie hat Ihnen der Film insgesamt gefallen? Ist es der Regisseurin Kathrin Pitterling gelungen, die Persönlichkeit Hubert Burda treffend zu beschreiben? Burda: Ich denke, das ist ihr insgesamt gut gelungen. Maria und ich haben den Film gemeinsam auf DVD gesehen und waren sehr beeindruckt von der akribischen Recherche des Filmmaterials und wie die Regisseurin das alles zusammengefügt hat. ? Aus Offenburger Sicht ist interessant, wie vernichtend Ihr Jugendfreund Peter Kammerer das provinzielle und reaktionäre Klima Offenburgs in den 50er- und 60er-Jahren schildert. War es wirklich so schlimm? Burda: Ich hab’ das nie so empfunden wie er. Peter ist normalerweise nicht so eifernd. Das hat mich überrascht. Alle Teenager haben das Gefühl der Enge, aus der sie sich befreien wollen. Früher ging man auf die Walz, schaute sich die Welt an und wenn man erkannt hatte, was an der Heimat recht und was schlecht ist, kehrte man zurück. So gelangte ja auch mein Großvater nach Philipsburg, wo dann die Geschichte des Druck- und Verlagshauses Burda ihren Anfang nahm . . . ? . . . die danach bald sehr eng mit Offenburg verknüpft ist. Burda: Für mich besteht einer der Erfolge meines Unternehmens darin, dass wir in den großen Städten in München, Hamburg, Berlin bis hin nach Moskau tätig sind, aber das Herz in Offenburg schlägt. Hier ist der Hauptsitz. Und mit dem Medienpark, mit Burda Direct, Burda Digital, dem Druck und weiten Teilen der Verwaltung sind hier nach wie vor ganz zentrale Bereiche. Die Erfolgsgeschichte großer Familienunternehmen hat sehr stark damit zu tun, dass sie in der speziellen sozialen Struktur der mittelgroßen Städte verwurzelt sind. In diesem Klima entstehen immer wieder neue Familienunternehmen. Denken Sie bei uns in der Ortenau an Printus, Herrenknecht, die Macks mit dem Europark oder an Werner Kimmig in Oberkirch, einen der erfolgreichsten TV Produzenten Deutschlands. ? Für Offenburg war es damals ein großer Schock, als Sie die Bunte und andere Redaktionen nach München verlegt haben. Der Film bietet dafür eine Erklärung an: Sie seien aus dem direkten Einflussbereich der Titanen-Eltern geflüchtet. Burda: Das war nicht so. Ich hatte es ja mit dem Vater abgesprochen. Es war damals sehr schwer, einen bestimmten Typus von Redakteur in Offenburg zu halten. Die hatten das Gefühl, dass sich die Welt in Hamburg und München schneller dreht. Und so war das Offenburger Potenzial für die Redaktionen in Zeiten starker Expansion einfach zu klein. Es gab tolle Leute, aber eben nicht genug. Ich habe dann meinem Vater vorgeschlagen, mit einigen Redaktionen nach Stuttgart zu gehen. Aber das hat ihm nicht geschmeckt. Und da er Anfang der 50er-Jahre mit der Sürag den Bayrischen Rundfunkverlag in München in der Meininger Straße 5 gegründet hatte, sagte er: »Bis de in Stuttgart unde bisch, bisch auch schun hinter Augsburg.« So fiel die Wahl auf München. ? Tut es eigentlich weh, wenn man im Film mit verlorenen Schlachten wie der Einstellung von »M« oder mit der Super-Zeitung-Katastrophe konfrontiert wird? Burda: Natürlich schon. Aber mir war immer bewusst, dass man im Leben etwas wagen muss und dass das Scheitern auch dazu gehört. Medien sind ein extrem risikobehaftetes Geschäft, und dennoch hatte ich immer das Aufbrechen im Kopf. Vieles war für mich wie eine Winter-Erstbesteigung. Aber ich wusste immer, dass man sich absichern muss, um jederzeit wieder ins Basislager zurückzukommen. Genau so wichtig wie der Aufbruch ist daher die Bereitschaft, eine Expedition im Zweifel rechtzeitig abzubrechen. Das ist geglückt. ? Mit verlorenen Schlachten kann man umso besser umgehen, wenn hinterher ein 18. Januar 1993 alles überstrahlt. Im Film heißt das »Aufnahme in den Verleger-Olymp«. Wann haben Sie eigentlich realisiert, dass das riskante Projekt »Focus« tatsächlich geglückt ist? Burda: Noch bevor wir gestartet sind. Es war der 6. Oktober 1992. Da hat mir Markwort die ersten 30, 40 Seiten gezeigt. Er und ich haben uns ideal ergänzt in der Vorstellung, wie ein Nachrichtenmagazin der Zukunft aussehen muss – mit modernen Infographiken, und das Ganze mit neuester digitaler Technologie produziert. Das ist bis heute so. Der Erfolg eines Verlegers hängt nicht zuletzt davon ab, die richtigen Chefredakteure zu finden. Der Verleger ist der Produzent, der Chefredakteur der Regisseur. ? Hätte vielleicht auch die Super-Zeitung geklappt, wenn der Regisseur Prinz geblieben wäre? Burda: (lacht) Möglich. Aber was ich nicht weiß ist, ob ich dann den Focus gemacht hätte. ? An einer Stelle des Films müssen Sie sich eigentlich geärgert haben. Wo nämlich Thomas Middelhoff sagt, Sie hätten Mark Wössner so heiß auf das Internet gemacht, dass Bertelsmann mit AOL schließlich zehn Milliarden Dollar verdient habe. Ein Riesenkompliment, aber das Geld hätten Sie doch lieber selber verdient? Burda: Da hab’ ich mich auch geärgert. Aber dafür hat mir Wössner unseren Anteil an RTL zu einem sehr hohen Preis abgekauft. Jürgen Todenhöfer hat das damals verhandelt. Das war Geld, dass für unsere Pläne damals sehr wichtig war. ? Ein spannendes und risikoreiches Geschäft. An einer Stelle sagen Sie, Sie hätten unzählige Schlafanzüge durchgeschwitzt. Und später werden Sie zitiert, dass Sie Ihre Aufgabe dennoch nie als Arbeit empfinden. Wie geht das zusammen? Burda: Ich glaube, ein Boris Becker hat vor Wimbledon auch seinen Schlafanzug durchgeschwitzt. Der Druck und die Verantwortung machen einen manchmal schlaflos, aber wer das nicht gerne macht und sich nicht selber permanent motivieren kann, der wird nie zu Höchstleistungen kommen. ? Ihre Frau Maria Furtwängler sagt in dem Film, Sie würden die Aufgabe, das Erbe zu wahren und zu mehren, nicht als Last empfinden, sondern buchstäblich leben. In einigen Jahren werden Ihre Kinder vor dieser Herausforderung stehen. Burda: Unsere Kinder sind jetzt 17 und 15, und ich würde mich sehr freuen, wenn sie ins Unternehmen gehen. Sie sind ganz unterschiedliche Typen. Jakob ist mehr ein Kaufmann. Elisabeth kommt sehr nach meiner Mutter, was sie auch immer so empfunden hat. Wenn Gott mir eine gute Gesundheit gibt, dann kann ich vielleicht in zehn Jahren beurteilen, ob die Kinder die Kraft und die Neigung haben, ins Unternehmen zu gehen. Zwischen mir und den Kindern kommt eine Epoche, in der das Management das Haus leiten wird. Danach müssen die Kinder sehen, ob sie das Erbe als Belastung oder als reizvolle Herausforderung sehen. ? Das wiederholt sich von Generation zu Generation. Burda: Meine beiden Brüder und ich sind uns vollkommen einig, dass die Teilung des Unternehmens vor 20 Jahren das Beste war, was wir machen konnten. Jeder hat seinen Lebensinhalt gefunden und geht darin auf. Ich konnte mich in dieser Arbeit, die mir auf den Leib geschnitten ist, entfalten. Wären wir zu dritt geblieben, wären wir bei den wegweisenden Entscheidungen nie einer Meinung gewesen und hätten die Weiterentwicklung des Unternehmens blockiert. ? Der Film lehrt, dass Erben schwieriger ist, als es sich Lieschen Müller vorstellt. Ist Vererben einfacher? Burda: Ich habe bei dem Film mitgemacht, weil ich zeigen wollte, dass Erben eine große Verantwortung mit sich bringt. Schon im Rom, wie es Cicero beschreibt, war es für das Ansehen eines Menschen von größter Bedeutung, sich seines Erbes würdig zu erweisen und das Vererben verantwortungsvoll zu regeln. Das gilt noch heute, und zwar für große Familienunternehmen genauso wie für mittlere und kleine. Verantwortung ist keine Frage von Größe.

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