Dekan Bürkle kritisiert

"Beten für AfD"-Flugblatt sorgt in Offenburg für Unmut

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31. März 2020
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„Deutschland, wache jetzt auf und fang heute noch an zu beten“: Ein Flugblatt, das in Offenburg verteilt wird und zum Beten fürs Vaterland und die AfD aufruft, sorgt für Wirbel. ©Sandra Biegert

Ein Handzettel landet zurzeit in Offenburger Briefkästen. Darin wird aufgefordert, für die Rettung des deutschen Volkes und die AfD zu beten – für Dekan Bürkle „eine Geschmacklosigkeit“.

„Ich seh’ direkt den Hitler vor mir!“, schaudert es Rentnerin Margret Mehls. „Widerlich!“, empört sich Kinderärztin Alexandra Stelzer. Beide Frauen wohnen in der Offenburger Oststadt und haben ungebetene Post erhalten: Ein Flugblatt ohne Absender mit der Überschrift „Rosenkranzkette für die Rettung des deutschen Vaterlandes“ landete in ihrem und weiteren Offenburger Briefkästen. 

Auf dem Flugblatt heißt es weiter: „Liebe Mutter Maria, Rosenkranzkönigin und Regina Germania! Hiermit übergebe ich dir alle meine Rosenkränze, damit du deine so sehr gewünschte Rosenkranzkette für die Rettung des deutschen Volkes, für die AfD und alle deine Anliegen bilden kannst“. Der Text endet mit dem Appell: „Deutschland, wache jetzt auf und fang heute noch an zu beten.“

Auch Dekan Matthias Bürkle hat Kenntnis davon. Schon zum Ende der Sommerferien 2019 sei ihm von der Verteilung dieses „unsäglichen Flugblatts“ berichtet worden. Damals habe er es für das Beste gehalten, die Sache durch Nichtbeachtung totlaufen zu lassen. 

Scharfe Kritik

Nachdem das Flugblatt nun im Frühjahr erneut verteilt wurde, äußert er sich auf OT-Anfrage – und übt scharfe Kritik an den Verfassern. Vielen Katholiken bedeute die Marienverehrung sehr viel, stellt Bürkle fest. Sie wendeten sich an sie mit der Bitte um Fürsprache in ihren Anliegen und Nöten. All diesen Beterinnen und Betern gegenüber sei dieser Text „eine Geschmacklosigkeit und Unverschämtheit“, denn ihre Mariengebete gingen keinesfalls in die hier beschriebene Richtung.

Bürkle: Titel gibt es nicht

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Den Titel Maria Regina Germaniae gebe es in der katholischen Kirche nicht. „Maria wurde laut dem Johannes-Evangelium von Jesus am Kreuz hängend allen Menschen zur Mutter gegeben (Joh 19,26f) und nicht einer Nation“, stellt Bürkle klar. Jesus selbst habe durch sein Verhalten immer wieder seine große Wertschätzung für alle Menschen unabhängig von ihrer Nationalität, ihres Geschlechts, ihres Berufs oder ihres Standes zum Ausdruck gebracht. Bürkle verweist hier auf das berühmte Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Der Dekan stellt weiter fest, dass Gebete für eine bestimmte politische Partei dem Christen grundsätzlich nicht anstünden. Vielmehr sei eine gewisse Neutralität geboten. „Zum Gebet für die AfD aufzurufen, das ist jedoch in meinen Augen eine Haresie, das heißt der Aufruf steht im Widerspruch zu unseren religiös-kirchlichen Glaubensgrundsätzen“, betont Bürkle. Das Menschenbild der AfD sei mit dem biblisch, jüdisch-christlichen Menschenbild des Christentums und der katholischen Kirche nicht vereinbar. Wer rechtspopulistische Parolen verbreite, wer das Gebot der Nächstenliebe allen Menschen gegenüber unabhängig von ihrer Hautfarbe, Rasse oder Religion nicht anerkenne, der stehe nicht auf dem Boden der katholischen oder aller christlichen Kirchen.

Beten fürs Volk ja, aber…

„Das Gebebt für das eigene Volk darf in unserem Gebetsleben seinen Platz haben“, so Bürkle, „aber nie so, dass damit auf populistische Weise einem Patriotismus der Weg bereitet wird und andere Völker und Nationen ausgeschlossen werden.“

Für einen Katholiken könne es letztlich keine Ausländer geben. „Wir sind eine Weltkirche“, betont der Seelsorger. Das sei ja gerade das Schöne, dass sich Christen in jeder katholischen Kirche auf dieser Erde „daheim“ fühlen könnten. 

INFO I: Verteilt haben soll das Flugblatt laut Alexandra Stelzer übrigens ein älterer Mann, der sich auf Nachfrage als „Herr Künstel von der Kirchengemeinde“ vorgestellt habe. Ein solcher ist Dekan Bürkle­ nicht bekannt. 

INFO II: Einen Straftatbestand erfülle der Inhalt des Flugblatts laut dem Staatsschutz nicht, teilt Polizeisprecher Ansgar Gernsbeck vom Polizeipräsidium Offenburg mit. Zu beanstanden sei allerdings das fehlenden Impressum. Die Polizei prüfe deshalb den Vorgang und leite die Erkenntnisse zur Weiterverfolguung an die Staatsanwaltschaft weiter.

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