Schutterwald

Das Geheimnis des Bomberabsturzes im Wald

Autor: 
Clemens Herrmann
Lesezeit 4 Minuten
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21. Januar 2017

Die McErlane-Crew (hintere Reihe von links): Captain John Thomas McErlane †1945, 2. Lieutenant Earl H. Hansen †1994, 1. Lieutenant Paul J. Manouvier †1999, 2. Lieutenant James S. Pillsburg. Vordere Reihe: Sergeant J. Lorin Pence †2010, S/Sergeant Robert E. Dennard, T/Sergeant William E. Rambo jr. †2009, S/Sergeant Michael Rappolo †2004, S/Sergeant Hunter H Dunn †1980. ©David Dennard

Ein schweres Kapitel Zeitgeschichte im Zweiten Weltkrieg: Der Absturz eines amerikanischen viermotorigen­ B-17 Bombers im Gemeindewald Schutterwald konnte nun aufgeklärt werden.

In seinem Buch »Kindheit unter Kreuz und Hakenkreuz« beschreibt Eugen Hansmann als Zeitzeuge den Absturz eines amerikanischen Bombers am 21. Januar 1945, einem Sonntag, zur Mittagszeit in den Wald gegenüber von Müllen. Ein weiterer Augenzeuge war Edgar Kranz aus Langhurst. Beide verfolgten mit entsetzten Augen, wie sich das Drama am Himmel abspielte. Es hatte den ganzen Morgen geschneit und die Wolken hingen tief, als ein Bomberschwadron über den Wolken das Dorf überflog. Aus dem gleichmäßigen Brummen der Motoren hörten Hansmann und Kranz später eine Maschine, die mit stotternden Motoren (zwei Triebwerke auf der linken Seite waren total ausgefallen) förmlich »heran-kroch«, durch die Wolkendecke brach und von den beiden klar zu sehen war. Der Bomber kam aus nördlicher Richtung, machte östlich des Dorfes eine Schleife Richtung Langhurst. Eugen Hansmann zählte sieben Fallschirme, die östlich des Dorfes bei der Bahnlinie herabschwebten. 

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Schlitten gefahren
Edgar Kranz fuhr in Langhurst mit anderen Kindern Schlitten, als der Bomber genau auf die Kindergruppe zuflog. Man sah in Erstarrung das Ende für die Kinder und das Dorf kommen, als der Pilot mit letzten Reserven Gas gab und mit aufheulenden Motoren die Maschine in Richtung Wald lenkte. Einen Moment später hörte man eine fürchterliche Explosion. Die Maschine war in den Wald gestürzt und explodiert. Edgar Kranz ist noch heute überzeugt: »Der Pilot hat uns Kinder gesehen und mit seiner letzten Aktion unser Leben und das vieler Bürger gerettet.«
Hansmann von südlicher Seite, Kranz von nördlicher Seite und eine Reihe Bürger kämpften sich durch den gefallenen, tiefen Schnee durch den Wald an die Absturzstelle. Beißender Qualm durchzog den Wald. Lebensgefährlich für alle war das Explodieren der Munitionsketten der Bordmaschinengewehre. Der Pilot hing zerfetzt in der Maschine und Geäst. Ein Ortsbekannter in SS-Uniform betätigte sich in ekelhafter Weise als »Leichenfledderer«, indem er versuchte, dem Piloten die Bomberjacke auszuziehen und drohte den Umstehenden mit der Pistole. Die mit dem Fallschirm abgesprungenen Kameraden blieben von einem Suchtrupp im tiefen Schnee zunächst unentdeckt, kamen aber später in deutsche Gefangenschaft.   
Einer von ihnen klopfte verletzt am Marienhof neben der Bahnlinie an. Vermutlich vom Verwalter, Herr Roos, wurde der amerikanische Soldat mit dem gummibereiften Pferdefuhrwerk ins Offenburger Krankenhaus gefahren. Der Pilot wurde von Eugen Hansmanns Vater Valentin, damals Leichenschauer, geborgen, mithilfe seines Sohnes eingesargt und auf dem Schutterwald Friedhof beerdigt, später exhumiert nach Amerika überführt.
Fasziniert von diesem Bericht in Hansmanns Buch, »Unter Kreuz und Hakenkreuz« forschten nun Edgar Kranz’ Schwiegertochter Christiane und Sohn Reiner, die bei Karlsruhe wohnen, nach Hintergründen und der Crew. Fündig wurden sie bei einem Veteranenverein (R. Swank) in den USA, deren Mitglieder helle Begeisterung über das Interesse aus Übersee für dieses Kriegsereignis zeigten. 
Bereitwillig förderte dieser Veteranenverein Infomaterial aus seinen Archiven, die diesen militärischen Vorgang nach über 70 Jahren fast vollständig nachvollziehbar macht. Die Crew gehörte zum 385th Bomberschwadron, nach ihrem kommandierenden Offizier, Colonel Elliot Vandevanter, »Vans Tapfere« genannt, war mit ihren B-17 Bombern in Great-Ashfield in Suffolk, Vereinigtes Königsreich, stationiert. Die Gruppe führte den berühmten Angriff auf die Focke-Wulf-Werke in Marienburg vom 9. Oktober 1943 an und verlor nur zwei von 100 Flugzeugen. 
Bis ins Frühjahr 1945 folgten durch die Bomberschwadrone mit Tausenden von Flugzeugen weitere Bombardierungen deutscher Städte. Am 21. Januar 1945 gegen Mittag bombardierte das 385te Bomberschwadron zum wiederholten Male die badische Stadt Mannheim. Dabei wurde unter anderem das Flugzeug B-17 Fortress mit dem Namen »Honey Chile« (Liebling, Kleines) von der deutschen Flak getroffen (die amerikanischen Besatzungen hatten die Angewohnheit, ihre Flugzeuge mit Kosenamen oder Pin-up-Bilder zu verzieren. 
Der Bomber flog unter der Leitung ihres Piloten, Captain John Thomas McErlane aus St. Paul/Minnesota. Weitere Crewmitglieder waren Co-Pilot, Navigator, Funker, Bomberschützen, Maschinengewehrschützen. Der schwer beschädigte Bomber löste sich aus dem Schwadron und suchte sein Heil in der Flucht Richtung Schweiz. 

Nach Amerika
Über der Ortenau musste das Flugzeug aufgegeben werden. Captain McErlane befahl seiner Mannschaft mit dem Fallschirm abzuspringen mit den Worten: »Springt ab, ich komme nach« (später protokollierte Aussage eines Kameraden). Die Kameraden konnten sich retten, kamen noch eine Zeit bis Kriegsende in Gefangenschaft, gingen später in Amerika verschiedenen Berufen nach und erreichten meist ein ansehnliches Alter. Einer von ihnen, William Rambo, kämpfte noch im Korea-Krieg, starb im August 2009 und liegt auf dem Heldenfriedhof Arlington begraben. 
Für Captain John Thomas McErlane gab es keine Rettung. Er starb am 21. Januar 1945 im Schutterwälder Wald. 

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