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Offenburg

Die Kita »Schneckenhaus« feiert 30-Jähriges

Vom Provisorium zur etablierten Tagesstätte: Langsam, aber stetig ins Ziel
30. April 2014
&copy Ulrich Marx

Angefangen hatte alles mit einem Seminar, das Schneckenhaus-Gründerin Jutta Kraus zum Thema »Freie Schulen« besuchte. Kritiker bezeichneten das daraus entstandene Kita-Konzept als Brutstätte für aufsässige Kinder. Längst aber hat sich die Kita etabliert: Morgen feiert das Schneckenhaus sein 30-Jähriges.

Farbkleckse auf dem Boden sind hier nicht schlimm. Ihre Schaukeln bauen die Kinder aus Autoreifen und Seilen einfach selbst. Beim Essen und bei spontanen Ausflügen bestimmen sie mit. »Schneckenhaus-Kinder haben Rückgrat, viele sind später Klassensprecher geworden«, sagt Kita-Leiterin Melanie Kimmig.
Zwei Jahre nach Gründung, 1986, bezeichnete CDU-Stadtrat Jess Haberer das damals noch Kinderladen genannte Projekt als Hort für »aufsässige Kinder« und »ideologisch gefärbte Erziehung«. Die als Tagesstätte gedachte Einrichtung sei von elitärem Charakter, die Methoden wendeten sich gegen bestehende Muster, befand der Politiker und Lehrer. Mit Kinderläden waren für viele Zeitgenossen Studentenunruhen und antiautoritäre Erziehung verbunden. Haberer sah »keinen quantitativen Bedarf«, als es darum ging, der Kita Förderungswürdigkeit zuzubilligen.

Große Verbundenheit

Doch erstens kam es anders, und zweitens als man denkt: Durch Mund-zu-Mund-Propaganda erfuhr die Kita immer mehr Zulauf. Inzwischen schickt die erste Generation der Schneckenhaus-Zöglinge, heute Anfang 30, ihren Nachwuchs in die Kita in der Friedrichstraße. Sie ist nunmehr Anlaufstelle für 50 Kinder zwischen dem ersten und dem zehnten Lebensjahr. »Einige Ehemalige haben zusammen studiert«, sagt die Leiterin. Viele kämen jedes Jahr zum großen Eisessen vorbei.
»Zu Beginn gab es gewisse Vorbehalte in der Öffentlichkeit«, sagt Jutta Hoog, die 1987 als Erzieherin anheuerte, nachdem die ersehnten Zuschüsse geflossen waren. »Wir galten als Ökos und Linke, die nach dem Prinzip ›Laissez-faire‹ erziehen.« Das noch kleine Elterngrüppchen, das sich intensiv am Werdeprozess der Kita beteiligte, kümmerte sich nicht nur um die Betreuung der Kinder, sondern baute Räume um und gestaltete das Gelände – bis heute eines der Prinzipien der Kindertagesstätte.
Im Jahr 1987 ging der Verein einen Schritt weiter und eröffnete die »Freie Schule Offenburg«. Grundlegendes Konzept war die freiwillige Teilnahme der Schüler. »Auch wollten wir weg vom Frontalunterricht«, sagt Hoog, »sozusagen dem Staat etwas entgegensetzen«.

Illegaler Unterricht

Über das Verbot der Schulbehörden setzte man sich hinweg. Das hatte Konsequenzen: Es hagelte Bußgeldbescheide gegen die Eltern, heißt es in der Rückbetrachtung von Kita-Mitgründerin Jutta Kraus: Der Offenburger Schulamtsleiter Niederer ließ sich nicht erweichen. Vielmehr drohte er mit Polizei und Sorgerechtsentzug, sollten die zehn Kinder nicht bald die reguläre Schule besuchen. Unterstützung bekamen die Schulverweigerer von Professoren der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Der behördliche Druck aber führte zum Ende des schulischen Experiments. Jahre später konnten die damaligen Streiter für freiwilligen Unterricht dennoch einen Erfolg verbuchen: die Gründung der »Freien Schule Spatz« in Offenburg, eine Ganztagsschule für Erziehungshilfe.

Jubiläumsfeier

Die Freie Kindertagesstätte Schneckenhaus feiert morgen, 1. Mai, ihren 30. Geburtstag. Dazu findet ein großes Fest auf dem Gelände, Friedrichstraße 63, rund um das Thema »Schnecke« statt. Für Besucher gibt es eine Tombola, Musik, Spiel- und Bastelaktionen, Getränke sowie Kulinarisches, das von den Eltern aus Bio-Lebensmitteln zubereitet wird. Zum Jubiläum können jetzt auch Kinder ab einem Lebensjahr die Kita besuchen.

www.freie-kita-schneckenhaus.de

Hintergrund

36 Tageseinrichtungen gibt es in Offenburg, darunter vier evangelische, zehn katholische, acht freie Träger sowie 14 städtische Einrichtungen. Aktuell werden dort 2544 Kinder betreut. Die Anmeldezahlen blieben in den vergangenen Jahren konstant. Jährlich wendet die Stadt laut Fachbereichsleiter Michael Hattenbach 20 Millionen Euro für die Kinderbetreuung auf. Das Land trägt 45 Prozent der Gesamtkosten, der Elternanteil beträgt neun Prozent. Die Angebotsspanne reicht, je nach Kita, von partieller bis ganztägiger Betreuung für Kinder vom ersten bis zum zehnten Lebensjahr. Das Angebot des Tagesmüttervereins umfasst dabei auch die Tagespflege für Kinder unter einem jahr. Zu den freien Einrichtungen zählen der Waldorf-Kindergarten, der Verein »Freie Schule« mit dem »Schneckenhaus«, die Ausländerinitiative Offfenburg mit dem »Bunten Haus« oder das Montessori-Zentrum Ortenau.
Informationen unter Telefon 0781/822587, E-Mail christina.grasser@offenburg.de

www.offenburg.de

 

 

Autor:
Nikolas Sohn