Tod in Stalingrad

Ein junges Leben endet jäh

Von Karl-August Lehmann
Lesezeit 6 Minuten
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12. November 2022
August Schwarz war Kapuziner-Novize und im Krieg Soldat. 

(Bild 1/3) August Schwarz war Kapuziner-Novize und im Krieg Soldat.  ©Lehmann-Archiv

Am Volkstrauertag wird der Opfer von Krieg und Gewalt gedacht. August Schwarz aus Oberharmersbach wollte Kapuziner werden. Er starb mit 25 Jahren als Soldat in Stalingrad.

Wenn morgen, am Volkstrauertag, wieder der Opfer von Kriegen gedacht wird, dann jährt es sich zum 80. Mal, dass die Schlacht um Stalingrad vor ihrer entscheidenden Phase stand. Am 19. November 1942 begann die „Operation Uranus“ der Roten Armee. Nach wenigen Tagen war die VI. Armee mit über 260.000 Soldaten eingekesselt, unter ihnen auch der Kapuziner-Novize August Schwarz aus Oberharmersbach. Wie Hunderttausende Soldaten und Zivilisten zählte er zu den Opfern in dieser mörderischen Schlacht. Es war ihm nicht vergönnt, Heimat, Familie und seine Ordensgemeinschaft nochmals zu sehen und zu erleben.

August Schwarz, Jahrgang 1917, wächst als fünftes von zehn Kindern in der Oberharmersbacher Fischzucht Wilhelm Schwarz auf. Wie in seinem Lebenslauf anlässlich der Aufnahme in den Orden der Kapuziner zu lesen ist, reift bei dem damals jungen Ministranten der Gedanke, das Messopfer selbst feiern zu dürfen.

Nach der 5. Volksschulklasse ermöglichen ihm seine Eltern den Besuch der damals neu eröffneten Missionsschule im Kapuzinerkloster in Zell. Seinen Besuch des weiterführenden Gymnasiums in Bensheim an der Bergstraße schließt er mit dem Abitur ab.

Gute Noten, ein „Sittenzeugnis“ des Leiters der Klosterschule, Pater Otto Weber, und ein Empfehlungsschreiben des Oberharmersbacher Pfarrers Ludwig Tröndle öffnen ihm das Tor in den Kapuzinerorden.

Die weiteren bürokratischen Schritte – Gesundheitszeugnis, Erklärung über den freien und ungezwungenen Eintritt sowie die Zusicherung, nur die Gewährung des Lebensbedarfs zu beanspruchen – sind nur noch Formsache. Seine Charaktereigenschaften empfehlen ihn für diesen Lebens- und Berufsweg: ruhig, hilfsbereit, kameradschaftlich, pflichtbewusst, aufrichtig, bescheiden – und geprägt von einer tiefen Frömmigkeit.

Zusammen mit anderen jungen Männern erhält er am Ostermontag, 30. März 1937, in Stühlingen das Kleid des Heiligen Franziskus und seinen künftigen Ordensnamen „Frater Hilarin“. Ein Jahr später folgt dort die „einfache Profess“, sein Ordensgelübde.

Anschließend muss der junge Kapuziner-Novize für ein halbes Jahr zum Reichsarbeitsdienst. Zwei Semester Studium der Philosophie absolviert er an der Hochschule der Jesuiten in Frankfurt.

Uniform statt Habit

Der Zweite Weltkrieg stoppt den weiteren Weg Hilarins bei den Kapuzinern. Zwar wechselt er noch mit seinen Kursgenossen von Frankfurt nach Krefeld, dann aber holt ihn im Spätjahr 1939 der Krieg endgültig ein.

Statt seines einfarbigen brauen Habits mit Kapuze, einer um die Taille gebundenen Kordel (Zingulum) und Sandalen, trägt er künftig die graue Uniform der Wehrmacht mit Stahlhelm, Stiefeln und einem Koppelschloss  mit Hakenkreuz und der Inschrift: „Gott mit uns“.  

August Schwarz verschlägt es in den kommenden drei Jahren an verschiedene Frontabschnitte. Nach seinem Einsatz in Griechenland folgen 1942 die Kämpfe in der östlichen Ukraine (Charkiw) und Richtung Don (Region Kalmüken). Das nächste Ziel ist Stalingrad. Der Kampf um die Stadt, strategisch wichtig wegen ihrer Rüstungsbetriebe und der Lage an der Wolga, beginnt im September 1942.

August Schwarz hat die Stadt Stalingrad wohl selbst nie erreicht, seine Kameraden und er sind rund 35 Kilometer westlich der Stadtgrenze zwischen Don und Wolga eingesetzt und damit am äußersten Rand des „Kessels“, in dem die Rote Armee am 22. November rund 260.000 Soldaten der deutschen Wehrmacht eingeschlossen hat.  

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Die großspurig angekündigten Versorgungsflüge mit Lebensmitteln, Kleidung, Munition und Treibstoff reichen von Anfang an nicht aus. Instabile Wetterverhältnisse mit winterlichen Temperaturen und die Lage an der Front lassen den Nachschub zu einem Glücksspiel verkommen; die Rationierung ist unausweichlich.  500 Tonnen Güter täglich hätten eingeflogen werden müssen, jeweils 250 Starts und Landungen. Nur ein Bruchteil davon kommt tatsächlich an, die Zahl der Flüge schrumpft von Tag zu Tag. 

Die Einflugschneisen für die Flugplätze Pitomnik und Gumrak stehen ebenso im Flakfeuer der Roten Armee wie Basargino und der ganz im Südwesten des Kessels gelegene Landeplatz Karpovka-West. Hier ist August Schwarz zuletzt mit seiner Kompanie stationiert. Diese Einheit war erst Ende November aus Luftwaffenpersonal neu zusammengestellt worden und wird jetzt im Erdkampf eingesetzt.

Anfang Dezember 1942 herrscht Winterwetter. Immer wieder aufkommender Nebel erschwert die Sichtverhältnisse und damit auch den Nachschub der eingeschlossenen Soldaten. Immer weniger Flugzeuge landen oder werfen Versorgungsgüter ab, immer unsicherer und lückenhafter. In der Nacht zum 5. Dezember 1942 hatte es 20 Zentimeter geschneit. Mit Tagesanbruch setzt Sprühregen ein, aufkommender Nebel verschlechtert erneut zeitweise die Sicht.   

„Heldentod“

Die letzten Stunden des kurzen Lebens von August Schwarz – er war jetzt gerade 25 Jahre alt - lassen sich anhand der Schilderungen seines Freundes Fritz Gerstung aus Solingen, der an seiner Seite kämpfte, und des Oberleutnants und Kompanieführers Blümke ungefähr rekonstruieren. Die beiden informieren mit ihren Briefen die Eltern Wilhelm und Zäzilia Schwarz über den „Heldentod“ ihres Sohnes.

Die Kameraden auf einem Vorposten des Flugplatzes, die am Morgen des 5. Dezembers 1942 angegriffen werden, brauchen Munition. Unter anderem wird August Schwarz für diesen Auftrag abkommandiert.

Die Rote Armee setzt inzwischen verstärkt Scharfschützen ein. Sie waren an allen Frontabschnitten gefürchtet. Einer von ihnen wird August Schwarz zum Verhängnis. „Ein wohlgezielter Schuß“, so schreibt Gerstung an die Eltern Schwarz nach Oberharmersbach, durchschlägt den Stahlhelm. August Schwarz ist sofort tot. Seine Kameraden bringen den leblosen Körper in die Unterkunft zurück.

„Am 6. Dezember 1942 fand er mit andern Kameraden in Karpovka-West seine letzte Ruhestätte“ schreibt Gerstung weiter, und Kompanieführer Blümke lässt die Eltern wissen. „Er hat sein höchstes, sein Leben, für Führer, Volk und Heimat geopfert…Die Privatsachen Ihres Sohnes sind sichergestellt und werden Ihnen, so wie die Möglichkeit dazu besteht, zugesandt werden.“

Die sich ständig verschlechternde Lage im immer enger werdenden Kessel macht dies allerdings unmöglich. Der tief gefrorene Boden vereitelt auch die übliche Beisetzung in einem Grab. Die Gefallenen werden oftmals nur notdürftig mit Schnee zugedeckt.

Anfang Januar verlagert sich die Front nach Nordosten. Am 10. Januar 1943 überrennt die Rote Armee, unterstützt von stundenlangem Artilleriefeuer, diesen Frontabschnitt mit dem Landeplatz Karpovka-West und dem Ort Karpovka. Der Moloch Krieg hinterlässt seine Spuren. Panzerketten und Granaten durchwühlen die Erde um den Flughafen Karpovka…

Nach der Kapitulation in Stalingrad am 2. Februar 1943 gehen rund 90.000 Soldaten in Gefangenschaft. Nur etwa 5.000 kehren bis 1955 in ihre Heimat zurück.

August Schwarz war nicht dabei.

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