Gedenken im Salmen

Einblicke in das Leben in Föhrenwald

Autor: 
Bettina Kühne
Lesezeit 3 Minuten
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11. November 2019

Schauspieler Johannes Suhm aus Ebersweier trug mit der Schauspielgruppe „Futur II Konjunktiv“ und dem Theaterstück „Nicht von hier irgendwo“ zum Gedenktag bei. ©Iris Rothe

Im Salmen wurde am Sonntag den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus gedacht – und mit dem Theaterstück „Nicht von hier irgendwo“ verdeutlicht, wie lange das ihnen angetane Unrecht weiterwirkt. Oberbürgermeister Marco Steffens betonte die Wichtigkeit des Erinnerns – auch im Salmen.

Die Triumphe sind selten in Föhrenwald: Dort wurden Displaced Persons (DP) angesiedelt. Juden, die durch die Ausrottung ihrer Familien und die Deportation im Zweiten Weltkrieg heimatlos geworden waren. Einmal schafften sie es, sich zu wehren und die Polizei von außen zu vertreiben. 

Aber ansonsten war ihr Alltag geprägt von weiteren Demütigungen – sei es auf der Suche nach einem Arbeitsplatz, beim Spielen mit Gleichaltrigen oder gar bei der Verwaltung ihres DP-Camps. Dazu war ein „erfahrener SS-Mann eingesetzt worden“, zitiert Schauspieler Johannes Suhm einen Zeitzeugen. Der Schauspieler aus Durbach-Ebersweier gastierte gestern mit der Truppe „Futur II Konjunktiv“ im Offenburger Salmen und spürte am Gedenktag der Novemberpogrome im Jahr 1938 den Auswirkungen nach, die der Holocaust für die Überlebenden mit sich brachte. Die Schauspieler stützten sich bei ihrer Collage auf Erinnerungen und Bilder von DPs, die in Föhrenwald lebten – einer Siedlung, aus der die Juden auch wieder verschwinden sollten und die mit Hilfe des Christlichen Siedlungswerks vergessen werden sollte.

Da gab es werdende Mütter, die Angst vor ihrer Schwangerschaft hatten, weil sie im KZ so viele Kinder hatten leiden sehen, und Väter, die wieder aus Israel wegziehen mussten, weil sie während des Suez-Kriegs Angst um ihr Kind hatten: „Erst in Australien fand die Familie ihren Frieden“, sagte Friedericke Miller, die wie Alexandra Finder zitierte, erzählte und zusammenfasste.

Odyssee auf dem Meer

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Andere versuchten, den neuen Staat zu erreichen – und landeten nach einer Odyssee auf dem Meer, gekapert von den Engländern, nach wochenlanger Irrfahrt wieder in Deutschland. Die Lebensläufe wurden nicht stringent erzählt, mal ging es um den ruhelosen Vater, der es nur am Sabbat zu Hause aushielt, und viel später um dessen wiedergefundene Cousine – nur per Zufall hatte eine Bekannte die Familienähnlichkeit erkannt.

Kopfschütteln, Gänsehaut, Beklemmung – als das riefen die Erinnerungen bei den Zuschauern hervor, in denen Kinder darüber berichteten, dass sie über ihre im KZ getöteten Großeltern Fremden lieber nicht berichten mochten. 
Das Stück kulminiert im Selbstmord von Philipp Auerbach: Der Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte in München hatte an den Wiederaufbau eines jüdischen Lebens in Deutschland geglaubt und war Gründungsmitglied des Zentralrats der Juden. Doch dann verurteilten ihn die Häscher von damals zu zweieinhalb Jahren Haft, ohne dass er sich zu den Vorwürfen wirklich äußern konnte: Suhm berichtete mit Ironie über den verstrickten Staatsanwalt. Nach seiner Verurteilung brachte er sich selbst um.

Fadenvorhang

Die verworrene Verwobenheit deuteten die Schauspieler mit dem Verknoten und Entwickeln ihres Fadenvorhangs an, der für die Zeitdokumente auch als Projektionswand diente. 
Vor dem Schauspiel, das das Publikum zunächst verharren ließ, hatte Oberbürgermeister Marco Steffens an die Wichtigkeit des Erinnerns hingewiesen: Nicht in starren Formeln, sondern immer wieder anders. Der Salmen, der umgebaut und dann täglich geöffnet haben wird, solle als ehemalige Synagoge dazu beitragen.

Nur im Gedenken könne man die Demokratie verteidigen, so der OB. Er wies auf die wichtige Rolle der EU hin, die diese zur Verhinderung von Leid und Terror habe. 

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