Offenburg

»Es waren Jahre des Grauens«

Autor: 
Florian Pflüger
Lesezeit 5 Minuten
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11. Juli 2015
Sigmund Nissenbaum konnte als junger Mann nach dem Aufenthalt im KZ-Außenlager Offenburg fliehen. Das Foto zeigt ihn nach seiner Befreiung in Sträflingskleidung, aber mit einer Aktentasche der SS-Aufseher, die er zur Sicherung von Beweismaterial an sich genommen hatte.

(Bild 1/2) Sigmund Nissenbaum konnte als junger Mann nach dem Aufenthalt im KZ-Außenlager Offenburg fliehen. Das Foto zeigt ihn nach seiner Befreiung in Sträflingskleidung, aber mit einer Aktentasche der SS-Aufseher, die er zur Sicherung von Beweismaterial an sich genommen hatte. ©privat

Leib Nissenbaum war Nummer 15699. Diese Zahl wurde ihm im Konzentrationslager Flossenbürg an der Grenze zur heutigen Tschechischen Republik eintätowiert, wo er – wie seine Söhne – in einem Steinbruch arbeiten musste. Er war einer von mehr als 600 Häftlingen, die Ende März 1945 in das Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof in der Artilleriekaserne in Offenburg gebracht wurden – und einer derjenigen, die dort nicht überlebten. Genauso wie 40 weitere wurde er am 12. April 1945 von den Aufsehern erschlagen. Das Massaker war der Tiefpunkt eines der dunkelsten Kapitel der Offenburger Stadtgeschichte.

Dass wir heute mehr über Leib Nissenbaum wissen als seine Häftlingsnummer, ist im Wesentlichen seinem Sohn Sigmund zu verdanken. Dass der Jude Leib Nissenbaum 35 Jahre alt war, als Adolf Hitler 1933 an die Macht kam, dass er mit seiner Frau und fünf Kindern »friedlich und in bescheidenem Wohlstand« in Warschau lebte, wo er eine Ziegelei betrieb, wie Sigmund Nissenbaum für die Nachwelt festgehalten hat.

1981 bei Gedenkfeier in Offenburg

Es ist alles andere als selbstverständlich, dass Sigmund Simon Nissenbaum überhaupt im Jahr 1981 im Rahmen einer Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof in Offenburg über das Schicksal seiner Familie berichten konnte. Schließlich war er damals ebenfalls nach Offenburg transportiert worden, um Blindgänger zu entschärfen und die kaputten Bahnanlagen zu reparieren. Im Gegensatz zu seinem Vater überlebte er.

Seine Erinnerungen legen auf bedrückende Weise Zeugnis von dem ab, was während der Nazizeit auch in Offenburg geschehen ist. Gerade einmal zwölf Jahre alt war er, als die Wehrmacht in Polen einmarschierte. »Was dann folgte, waren fünfeinhalb Jahre des Grauens, ausgefüllt mit Elend, Hunger, Quälerei und Mord«, fasste er es zusammen. Vom Warschauer Ghetto ging es nach Treblinka, wo seine Mutter und seine Schwester in der Gaskammer starben.

"Sonst sei ich als Nächster dran..."
Was in Offenburg passierte, hat er sein Lebtag nicht vergessen. Da waren zum einen die Schufterei und die entbehrungsreiche Unterkunft in der Artilleriekaserne in der Prinz-Eugen-Straße. Und immer wieder der 12. April 1945: »Während mein Bruder und ich außerhalb des Lagers bei der Arbeit eingesetzt wurden, wurde mein Vater am 10.4.1945 krank und kam in die Krankenstube«, schilderte es Nissenbaum. »Als ich ihn am 12.4. bei der Rückkehr von der Arbeit wieder besuchen wollte, fand ich ihn nicht mehr vor.«
Die grausame Wahrheit sah er auf den Hinweis eines anderen Häftlings hin kurz darauf mit eigenen Augen. Die SS-Aufseher nahmen ihn mit in den Keller »und zeigten mir einen Berg von etwa 40 Leichen, die offensichtlich mit der Axt erschlagen worden waren. Sie drohten mir, wenn ich noch ein Wort sagen würde, sei ich als Nächster dran...«

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Lange Jahre waren Nissenbaums Schilderungen die einzige Quelle zu den Opfern, wie der Historiker Martin Ruch 2005 in seinem Beitrag für die »Ortenau« schrieb – bis sich der Enkel von Charles Hermand meldete.
Für Charles Hermand sollte Offenburg die letzte Station seines Lebens sein, er starb dort im Alter von 45 Jahren. Auch der Romanistiklehrer aus Belgien, verheiratet und Vater von drei Kindern, kam wie Leib Nissenbaum an jenem 12. April 1945 ums Leben. Und auch er war zuvor aus Flossenbürg ins KZ-Außenlager in Offenburg gebracht worden. Hermand war in seiner Heimat als Anführer einer Widerstandsgruppe gegen die deutschen Besatzer aktiv und wurde deshalb am 10. März 1944 von der Gestapo verhaftet.

Erst Jahre später, 1961 wurde der Leichnam von Charles Hermand aus dem Massengrab exhumiert und nach Belgien überführt. Eine eindeutige Identifizierung war nie möglich. Ein Grabstein im belgischen Namur, seiner Heimatstadt, erinnert aber seitdem an sein Schicksal.

"Ihr Tod bleibt eine Botschaft des Friedens"

Längst sind die Zeichen der Versöhnung allgegenwärtig, selbstverständlich sind sie indes nicht. So sind auch die Worte des Enkels von Charles Hermand, der denselben Vornamen trägt, bemerkenswert: »Heute bin ich froh, zu sehen, dass alle diese Opfer nicht umsonst gestorben sind«, schrieb er 2005 an Martin Ruch. »Ihr Tod bleibt bis heute eine Botschaft des Friedens und wir können ihre Stimmen hören, die sagen: ›Nie mehr, nie mehr!‹«

Und auch für Sigmund Nissenbaum, der 2001 gestorben ist, war das Gedenken fortan Bestandteil seines Lebens. Und anders als sein Bruder wanderte er nicht aus, sondern blieb ganz bewusst in Deutschland. »Ich sah es als meine Aufgabe an, dafür zu sorgen, dass mein Vater in Offenburg eine würdige Grabstätte erhielt, und ich hatte mir vorgenommen, zu seinem Gedenken einen Betraum oder gar eine Synagoge zu errichten«, sagte er. Beides ist wahr geworden: in Offenburg mit der Gedenkstätte auf dem Alten Friedhof und in seiner Wahlheimat Konstanz mit dem Betsaal an der Stelle der früheren Synagoge.

Sein Erbe wird weitergetragen, etwa durch seinen Enkel Benjamin, der auch am 12. April dieses Jahres bei der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des KZ-Massakers an der Erich-Kästner-Schule anwesend war.

Hintergrund

Die Gedenktafel

Um an die 41 Opfer des Massakers im KZ-Außenlager Offenburg auf dem Gelände der früheren »La Horie«-Kaserne – unter ihnen Leib Nissenbaum und Charles Hermand – zu erinnern, ist anlässlich des 70.  Jahrestags am 12. April dieses Jahres eine Gedenktafel enthüllt worden. Zu diesem Anlass, zu dem teilweise auch Nachkommen der damaligen Häftlinge zugegen waren, wurde für jeden Ermordeten eine Kerze angezündet. Zuvor hatte sich die Erich-Kästner-Realschule, die heute dort untergebracht ist, im Rahmen des Projekts »Das KZ in der Nachbarschaft« zusammen mit dem Bunten Haus, dem Stadtarchiv und dem Museum mit dem dunklen Kapitel der Offenburger Stadtgeschichte auseinandergesetzt.

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