Hohberg - Diersburg

Gedenken an die Opfer

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25. Oktober 2020

Friederike Wagner und Bernd Rottenecker führten ins Thema ein und trugen Berichte von Zeitzeugen vor. ©Klaus Krüger

Historischer Verein Hohberg und evangelische Kirche in Diersburg erinnerten an die Deportation der Juden vor 80 Jahren. Mit Berichten von Zeitzeugen und Klezmermusik.

Einen wehmütigen und schmerzlichen Abend erlebten die rund 60 Teilnehmer der Gurs-Gedenkfeier „80 Jahre“ am Donnerstag in der evangelischen Kirche. Initiator Bernd Rottenecker (Historischer Verein) und sein Team ließen das Ende der jüdischen Gemeinde Diersburgs wiedererstehen – mit der kenntnisreichen wie verstörenden Rekonstruktion des Abtransports der elf Juden am 22. Oktober 1940 (später noch mal zwei). Und den Berichten der Zeitzeugen aus dem südfranzösischen Konzentrationslager Gurs.

6500 jüdische Mitbürger wurden an jenem Herbsttag aus Baden und der Pfalz in das Lager gebracht – Auftakt zum größten Völkermord der Geschichte, der sich später in den Lagern Auschwitz, Birkenau und Treblinka vollzog. „Es war ein Tag wie heute. Ein Herbsttag, ein Erntetag“, schlug Pfarrer Kornelius Gölz den Bogen in die Gegenwart. 

Es betrifft uns

Das war wichtig, um zu verstehen – auch uns betrifft es. Noch deutlicher wurde er am Ende der Veranstaltung, als er sagte, die grauenvollen Baracken des Lagers Gurs erinnerten an die Zustände in den griechischen Insellagern für Flüchtlinge. Damit schnitt er all denen den Weg ab, die meinen, wir erinnern mal schnell an die Unmenschlichkeit vor 80 Jahren und kehren dann zur ordentlichen Tagesordnung zurück. Die Tagesordnung ist auch heute nicht ordentlich, die Unmenschlichkeit sucht sich ihre Schlupföcher in unsere Gegenwart hinein.

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Rottenecker zitierte zum Auftakt den heute 90-jährigen Kurt Salomon Maier, der 1940 mit Großeltern und Eltern in Kippenheim deportiert wurde und seine Erlebnisse später im Buch „Unerwünscht“ verarbeitete. 
Andere Zeitzeugen berichteten, wie die Gestapo die alte Frau Büchele in den Lastwagen warf. Wenn die Gestapo morgens an die Tür klopft – die Juden traf der Abtransport völlig überraschend. Bewegend Momente in einer anrührenden Feier gab es viele – etwa, als die Briefe und Gedichte aus dem Lager vorgetragen wurden. Ein Lager voller Gerüche, Schmerzen, Schlamm, Hunger, Krankheit und Tod. 
Auch ohne Seuchen wie die Ruhr starben täglich 15 Menschen dort.

Einig konnten fliehen, einige kamen frei, weil sie Verwandte etwa in den USA hatten (wie die Maiers) – die meisten aber starben. Und wer Gurs überlebte, kam 1942 nach Auschwitz. Und hier wartete der Tod – ein Meister aus Deutschland (Celan).

Es ist Mord

Das nimmt das Gedicht von Sylvia Cohn aus Offenburg vorweg, die mit drei Töchtern nach Gurs kam. Sie und ihre Tochter Esther wurden in Auschwitz ermordet, die beiden Töchter Eva und Miriam überlebten. Sylvia schrieb in einem Gedicht an eine Freundin: „Ich sage Euch, es ist Mord“.

Einen ganz eigenen Akzent erlebten die Teilnehmer in dem viertelstündigen Intermezzo vor der Kirche. Im Dunkeln, das nur das Licht der Strahler durchschnitt. 13 Seelenkerzen wurden angezündet, ein Teil der Besucher trug die Fototafeln der deportierten Diersburger Jüdinnen und Juden (so weit vorhanden) und hielt sie hoch, als deren Namen und Kurzbiografie verlesen wurden. Eine anrührende Szene, einfühlsam mitgestaltet von der Klezmergruppe „Le Chaim“ (Auf das Leben) – wie sie das mit der ganzen Feier über tat. Erinnern ist wichtig. Es ist die Seele eines freien Lebens – und nicht nur Juden legen großen Wert darauf. Seht, was wir ihnen antaten. Seht, was wir verloren haben. 

Hintergrund

Vortragende, Deportierte

Vortragende des Abends: Lavinia Jockers (Diersburg), Friederike Wagner, Bernd Rottenecker, Thile Kerkovius und Pfarrer Kornelius Gölz.
Die deportierten Diersburger Juden, fast ausnahmslos gestorben in Gurs oder Auschwitz: Fanny Buchsaler, Sophie Bruchsaler, Thekla Bruchsaler, Sara Marx, David Moch, Bruno Nathan (verschollen), Lina Nathan, Flora Rosenbaum, Gustav Rosenbaum, Auguste Valfer, Samuel Valfer, Frieda Moch, Rebekka Moch – Mutter und Tochter wurden erst im Januar 1942 aus Diersburg weggebracht, ihr Schicksal ist unbekannt. 

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