Offenburg

Hebammen sind in großer Sorge

Kirsten Pieper
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
29. Oktober 2015
Mehr zum Thema

©Kirsten Pieper

Hebammen sind nicht nur Geburtshelferinnen, sondern Ernährungsberaterinnen, Psychotherapeutinnen und vor allem Vertrauenspersonen für Frauen. Doch die Existenz dieser Berufsgruppe ist in Gefahr. Wieso, das erfuhren über 100 Interessierte bei einem Infoabend.

Um auf die prekäre Situation der Hebammen aufmerksam zu machen, haben die beiden Offenburger Mütter Sarah Schulze und Petra Matern in Kooperation mit der evangelischen Erwachsenenbildung am Dienstagabend ins evangelische Gemeindezentrum in der Poststraße eingeladen. Gezeigt wurde der Film »Einsame Geburt – Hebammen in Not«. Die Regisseurin Nadine Peschel macht sich darin auf die Suche nach Ursachen für das Dilemma der Hebammen.

Vor allem das Dickicht aus unterschiedlichen Akteuren und deren gegensätzliche Partikularinteressen macht die Betrachtung für den Außenstehenden oft schwierig. Krankenkassen, Versicherer, Ärzte und letztlich die Hebammen stehen sich gegenüber. Sie alle kamen im Film zu Wort. Und dass bei Krankenkassen und Versicherern die Gewinnmaximierung im Vordergrund steht, war keine überraschende Erkenntnis, die zutage kam. »Eine rein ökonomische Betrachtungsweise funktioniert aber bei Familien nicht«, bilanzierte die Juristin Nina Straßner. Die Politik sei gefragt, einen Ausgleich zu schaffen, forderte die Familienrechtlerin im Film.

- Anzeige -

Hochemotionale Sache
Für den Gynäkologen Wolf Lütje war klar: »Die Hebammen sind für das Normale zuständig, die Ärzte für das Pathologische.« Und die Hebamme Christine Bruhn vom Geburtshaus Charlottenburg sagte: »Geburt ist keine Krankheit, sondern ein physiologischer Prozess und eine hochemotionale Sache, die nicht unter technisch-medizinischen Einfluss muss. Wenn wir nicht anfangen, junge Menschen von Geburt zu begeistern, dann wird die natürliche Geburt aussterben«, warnte sie. »Wir erschweren es den Familien, Ja zu einem Kind zu sagen, weil wir den Rahmen für Geburten abschaffen.« Sie verwies auf Zustände in den USA: Dort sei Geburtsvorbereitung Privatangelegenheit und von jeder Frau aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Doch welche Lösungen kann es geben? Die Ansätze reichten von Haftungsobergrenzen, über einen Haftungsfonds aus Steuergeldern bis hin zu einer kompletten Reform des Gesundheitswesens.

In der anschließenden Podiumsdiskussion brach der Kehler Frauenarzt Eike-Hans Theopold eine Lanze für die Arbeit der Hebammen. Der niedergelassene Gynäkologe begleitet seit 27 Jahren unter anderem Hausgeburten in der Ortenau und bemängelte, dass Schwangere zusehends als ein medizinisches Risiko dargestellt würden. Für ihn ist die Geburt ein Kulturgut und damit eine hoheitliche Aufgabe des Staates. »Es geht immer um Kitaplätze, aber die Geburt wird vergessen.«

Schutzräume sind wichtig
Mela Pinter vom Geburtshaus Mayenrain bei Freiburg führte ihre Erfahrungen als Hebamme aus. »Wir Hebammen wissen seit Jahrhunderten, wie wichtig Schutzräume für Geburten sind. Es ist wichtig, diese Schutzräume weiter zu organisieren, sei es zu Hause oder im Klinikum.« Für die Vertreterin des Hebammenverbandes Baden-Württemberg, Christel Scheichenbauer, steht die Wahlfreiheit von Frauen auf dem Spiel. »Die aktuelle Entwicklung ist eine Beschneidung der Frauenrechte«, sagte sie bezogen auf die neuen Ausschlusskriterien.
Als Vertreter der Politik saß der Grünen-Landtagsabgeordnete Thomas Marwein auf dem Podium und kündigte an, sich engagieren zu wollen, wenngleich er einräumte, dass das Thema eher in der Bundespolitik angesiedelt sei. Eine junge Zuhörerin schien mit ihrem Beitrag vielen aus dem Herzen zu sprechen: »Wer hilft uns noch, wenn es keine Hebammen mehr gibt? Wir haben keine Großfamilie mehr, unser eigenes Kind ist oft das erste Baby, das wir überhaupt im Arm halten.« Christel Scheichenbauer vom Hebammenverband richtete ihren Appell an die Anwesenden: »Je mehr Leute uns unterstützen, desto mehr Gewicht bekommen wir.«

Hintergrund

Die Situation im Überblick

Für die Hebammen, die in der Regel freiberuflich arbeiten, wird der Handlungsspielraum immer enger. Zum einen gibt es das Problem mit der teuren Haftpflichtversicherung. 6274 Euro muss eine Hebamme dafür derzeit im Jahr berappen.
Diese enorm hohe Summe hat bereits viele Hebammen zur Berufsaufgabe bewegt. Folge: Geburtshäuser mussten schließen, eine flächendeckende Versorgung vor allem im ländlichen Raum ist schwierig geworden und eine Eins-zu-Eins-Betreuung durch Hebammen in der Geburtshilfe kaum noch zu gewährleisten.
Hinzu kommt eine weitere Entwicklung: Ein Rahmenvertrag, der Ende September von einem Schiedsgericht ausgehandelt wurde, legt neue Ausschlusskriterien für Hausgeburten fest. In Zukunft sollen Schwangere, die den errechneten Entbindungstermin drei Tage überschritten haben und ihr Kind zu Hause gebären möchten, die Erlaubnis eines Arztes einholen müssen, sonst bezahlt die Krankenkasse die Geburt nicht.

Hintergrund

Entmündigt?

Im Streit zwischen Hebammenverband und Gesetzlichen Krankenkassen hat Ende September eine Schiedsstelle sogenannte Ausschlusskriterien für Hausgeburten festgelegt. Eines dieser Kriterien ist die Überschreitung des errechneten Geburtstermins um drei Tage. Dann muss ein Arzt entscheiden, ob eine Hausgeburt durchgeführt werden darf.
Nach Meinung des Deutschen Hebammenverbandes werden damit die Hebammen entmündigt und ihnen die fachliche Kompetenz abgeschrieben. Folge ist, dass sie ihre »Kundschaft« an die Kliniken verlieren.

Mehr zum Thema

Weitere Artikel aus der Kategorie: Offenburg

Eine Kolumne von Dietmar Ruh.
vor 5 Stunden
"Der Harmersbacher"
Es ist manchmal wie abgesprochen. Kaum hat sich der Autor dieser Zeilen in fünf Folgen durch die Eigenheiten des Zeller Verkehrsübungsplatzes gekämpft, könnte er gleich die nächste Serie starten. Arbeitstitel: „Abenteuer in der B-33-Baustelle“.
Die Narrenzunft Wildsaue vum Klingelberg aus Durbach sind am Wochenende die Ausrichter des Reblandtreffens.
vor 5 Stunden
Durbach
Beim 40. Reblandtreffen in Durbach sind am Wochenende, 4. und 5. Februar, 75 Zünfte und Musikgruppen dabei. Der Höhepunkt ist am Sonntag der Festumzug.
Der geplante Autobahnzubringer Offenburg-Süd soll in Verlängerung der B33 auf die A5 führen. 
vor 7 Stunden
Offenburg
Der Grünen-Antrag, alle verbleibenden Trassen für den Autobahn-Zubringer Offenburg-Süd abzulehnen, ist im Offenburger Gemeinderat gescheitert. Das Gremium verabschiedete stattdessen eine Resolution, in der die V3-Trasse befürwortet wird.
Der amtierende Offenburger Feuerwehrkommandant Peter Schwinn geht im Sommer in den Ruhestand
vor 7 Stunden
Offenburg
Einen neuen Kommandant bekommt die Offenburger Feuerwehr ab dem 1. Juni.
Von Christian Wagner
vor 8 Stunden
Kommentar zum Flugplatz Offenburg
In einem Kommentar kritisiert OT-Lokalchef Christian Wagner die überfrachtete Tagesordnung der Gemeinderatssitzung und hofft, dass nach der Vertagung die Chance genutzt wird, die bislang fehlende Bürgerbeteiligung beim Thema Flugplatz Offenburg nachzuholen.
Sie dreht eigentlich immer ihre Runden im Bad, jetzt ist es ihr zu kalt. Eine Bürgerin beschwerte sich am Montag beim OB. 
vor 9 Stunden
Gemeinderatssplitter
Viele Bürger nutzten am Montag die Gemeinderatssitzung, um ihre Anliegen vorzutragen. In der einstündigen Fragerunde kamen auch Bad und Wohnungssituation zur Sprache.
Auch dieses Jahr ist das Narrenblatt der Pflumedrucker Schutterwald Chefsache, denn Oberzunft­meister Marco Rose (rechts) war beim Erstellen des närrischen Blattes maßgebend dabei. Er wurde unterstützt von Melanie Mika und den beiden Nachwuchs-Karikaturisten Bastian Herrmann und Mathis Herrmann. ⇒Foto: Narrenzunft
vor 9 Stunden
Pflumedrucker Schutterwald
In Schutterwald ist das "Narrenblättle" der "Pflumedrucker" fertig geworden. Zum 66. Jubiläum erwartet die Leser neben Witz auch Kritisches und Nachdenkliches aus der närrischen Geschichte.
Dankschreiben begeisterter Besucher erreichten die Gemeinde. Das freute die Veranstalter. ⇒Foto: Tourist-Info
vor 10 Stunden
Märchenhafte Aktionen
Die "Märchenhaften Weihnachtsfreuden" in Oberharmersbach lockten über sechs Wochen rund 15.000 Besucher ins Dorf. Denen gefiel, was geboten wurde, wie Dankschreiben zeigen.
vor 13 Stunden
Gemeinderat Offenburg
Der Flugplatz-Beschluss wurde am Montagabend nach einer Mammutsitzung des Gemeinderats vertagt: OB Marco Steffens will den Gemeinderat und alle beteiligten Gruppierungen bis zum Frühjahr/Sommer zur Klausur einladen, um eine Entscheidung zu fällen.
Auch Brandbekämpfung stand auf dem Ausbildungsprogramm der Feuerwehr Zell.  
vor 16 Stunden
Brandbekämpfung und Personenrettung
42 Feuerwehr-Mitglieder bildeten sich intensiv in Theorie und Praxis weiter.
Offenburg steigerte seinen Anteil an PV-Anlagen erneut - liegt mit 12,3 Prozent allerdings deutlich unter dem Landesdurchschnitt.
vor 16 Stunden
Offenburg
Im Kreisstädteranking liegt Offenburg auf Platz zwei: Kehl liegt vorne, Achern folgt dicht darauf. Aber beim Ausbau ist noch deutlich Luft nach oben.
Viele närrische Helfer schmückten am Samstag die Schuttenwälder Straßen. Am „Pflume-Marktstand“ trafen sich die Narren danach zu Kaffee und Kuchen.
vor 19 Stunden
Schutterwald
Ab sofort kann in Schutterwald die Fasnachtsaison starten, denn die Schutterwälder Narren haben am vergangenen Samstag die Straßen rund um das Rathaus mit Fasnachtsbändele geschmückt.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Die Kunden trainieren in den M.O.H.A.-Studios in Offenburg, Oberkirch und Haslach in moderner Atmosphäre. 
    27.01.2023
    EMS-Training in Offenburg, Oberkirch und Haslach entdecken
    Gesundheit, mehr Attraktivität, dazu Kraft- und Leistungssteigerung – und schnell sichtbare, spürbare und messbare Erfolge. Was unglaublich klingt, ist mit dem gezieltem EMS-Training bei M.O.H.A. an den Standorten Offenburg, Oberkirch und Haslach absolut möglich.
  • Egal ob jung oder jung geblieben: Beim Line Dance kann jeder die Freude an Rhythmus und Bewegung entdecken. 
    27.01.2023
    Mit DanceInLine in Offenburg die Freude am Tanz entdecken
    In toller Gesellschaft Tanzen lernen – auch ohne festen Tanzpartner, dafür auch mal mit Baby. Das bietet Julia Radtke in ihrer Tanzschule DanceInLine in Offenburg an. Hier entdecken Junge und jung Gebliebene Teilnehmer die Freude an Rhythmus und Bewegung.
  • Vom Azubi bis zum Quereinsteiger: J. Schneider Elektrotechnik bietet viele  Karrierechancen.
    24.01.2023
    J. Schneider Elektrotechnik – Bewerben und durchstarten!
    Fachkräfte, Anlernkräfte, Quereinsteigende, Azubis: Die Bewerbertage bei J. Schneider Elektrotechnik in Offenburg am 3. und 4. Februar 2023 wenden sich sowohl an diejenigen, die beruflich neue Wege gehen möchten, als auch an Berufseinsteiger.
  • Mehr Raum für sensationell durchdachte Küchen: moki Küchen erweitert im Offenburger Rée Carré. 
    26.12.2022
    moki Küchen erweitert im Rée Carré Offenburg
    Bei moki Küchen im Offenburger Rée Carré tut sich Großes: Der Mietvertrag für weitere Flächen ist unterschrieben worden. Im Januar beginnen die umfangreichen Umbauarbeiten; im April ist die Neueröffnung geplant.