Historiker in Offenburg zu Gast

Jörn Leonhard referierte zum "überforderten Frieden"

Autor: 
Regina Heilig
Lesezeit 4 Minuten
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18. Januar 2019

©OT-Archiv

Vor einem interessierten Auditorium stellte der Freiburger Professor Jörn Leonhard am Mittwoch in der Reihe »Context« in der Stadtbibliothek sein neues Buch »Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918 bis 1923« vor.
 

Die Prämisse, dass der am 28. Juni 1919 unterzeichnete Versailler Frieden »ein schwieriges Erbe« hinterlassen habe, stellte Martina Busam von der Stadtbibliothek Offenburg schon in ihrer Begrüßung des Referenten fest. Denn gerade in Deutschland nahm man den sachlichen Zusammenhang zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg immer schon sehr bewusst wahr. Dass diese Sicht zwar richtig, aber zu einseitig und zu Westeuropa-zentriert ist, hat Jörn Leonhard in seinem neuen Sachbuch, das auf den Überraschungserfolg »Die Büchse der Pandora« (2014) folgt, herausgearbeitet. 

Dabei war es dem Autor wichtig, die große Weltgeschichte immer mit realen Personen und ihrem persönlichen Erleben zu verknüpfen. Aber genau dabei geht es eben nicht nur um Frankreich und Deutschland und die anderen Nationen, die im Spiegelsaal von Versailles an den Tischen und in den Nischen saßen – sondern auch um die, welchen »nicht mal an den Katzentischen« ein Platz eingeräumt wurde, darunter ein junger Ho Chi Minh. Nur wenige Jahrzehnte später waren er und die Forderung nach Selbstbestimmung der asiatischen Völker nicht mehr zu übersehen. 

Neuordnung rächt sich

Dass die Stimmen des fernen, aber auch nahen Ostens, Afrikas und des Balkans nicht gehört wurden, als man 1919 die Welt neu ordnete, rächt sich sogar bis in unsere Tage. Von internationalen Historiker-Kollegen stamme der Vorwurf: »Ihr in Europa sprecht vom Weltkrieg, aber betrachtet ihn als westeuropäischen Krieg mit ein paar außereuropäischen Schauplätzen!« Und in der Tat: In vielen Ländern gilt nicht die Zählung »Erster« und »Zweiter« Weltkrieg, sondern ist 1914 bis 1918 nach wie vor »der große Krieg«.

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Sechs »Vignetten« zeigte der Referent am Mittwoch auf, die jede für sich ein kurzes Schlaglicht auf eine komplexe Gemengelage werfen: Da ist zunächst die fundamentale Unsicherheit aller bisherigen politischen, aber auch wirtschaftlichen Gewissheiten, die der Zusammenbruch der großen Reiche, die zum Teil seit Jahrhunderten regiert hatten, nach sich zog. Jörn Leonhard führt das anschauliche Beispiel der Staatsanleihen auf, die von einem Tag auf den anderen nichts mehr wert waren – denn die »K. u. K.-Monarchie« hatte genauso wie das Zaren- und das Osmanische Reich aufgehört zu existieren. Ferner zeigte er die Rolle der Eisenbahn auf, dem Fortschrittssymbol der Jahre, das sich bis zum »Wald von Compiègne« durchzog. 

Begegnungen zwischen Siegern und Besiegten hinterlassen Spuren, genauso wie die Rückkehr der Veteranen, die oft feststellen mussten, dass in der neuen Weltordnung kein Platz mehr für sie war, aufgezeigt am Beispiel eines Afrikaners, der in Europa gekämpft hatte. Die Sprachlosigkeit und fehlende Kommunikation, vor allem zwischen den Deutschen und den anderen Mächten, die am Versailler Frieden beteiligt waren, macht Jörn Leonhard als Grund dafür aus, dass dem Frieden keine lange Dauer beschert war. Fast prophetisch mutet da das Zitat von Marschall Ferdinand Foch an: »Das ist kein Friede, das ist ein Waffenstillstand für 20 Jahre.« Er sollte bis aufs Jahr recht behalten. Das sechste Schlaglicht beleuchtete den Preis des Friedens: »Viele Menschen in meinem Buch überlebten den Krieg – aber nicht den Frieden!«, spitzt Jörn Leonhard zu.

Vorsicht bei Vergleichen

Den Vergleich mit der heutigen Zeit vorsichtig zu ziehen, mahnte der Referent in der Diskussion mit Wolfgang Gall, Martina Busam und dem Auditorium: »Analogien aus der Vergangenheit sind nur eine­ Krücke.« Heute bereits von »Weimarer Verhältnissen« zu reden, verkenne die fundamentalen Unterschiede, etwa in der Begründung rechter Positionen. Und vor allem: »Geschichte ist eben nie eine Notwendigkeit, nie unabwendbar.«

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