Diskussion in Gengenbach

Jugend sieht in Ehrennadeln keinen Anreiz fürs Engagement

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04. Oktober 2020

Auf Ehrennadeln und Urkunden legen junge Menschen keinen Wert mehr. Das ist ein Ergebnis der SPD-Diskussion über ehrenamtliches Engagement in Gengenbach. Es diskutierten (vorne, von links): Moderatorin Andrea Ahlemeyer-Stubbe, Sabine Wölfle (Landtagsabgeordnete Emmendingen) und Ursula Neumann (Oberkirch, Gewinnerin des Marta-Schanzenbach-Literaturpreises). Hinten, von links: Michael Blatz (Aichach, Unternehmens- und Vereinsberater), Rainer Klipfel (Vorsitzender des Turnvereins Gengenbach), Bernhard Frei (Gesamtkommandant der Gengenbacher Feuerwehr) und Anja Dargatz (Fritz-Erler-Forum). ©Thomas Reizel

Wie sieht ehrenamtliches Engagement in 20 Jahren aus? Dieser Frage gingen Teilnehmer einer Podiumsdiskussion in Gengenbach nach. Fazit: Um jungen Nachwuchs zu gewinnen, müssen alte Strukturen geändert werden.

Unter dem Motto „vom Ehrenamt zum Engagement“ diskutierten am Freitagabend auf Einladung der SPD Gengenbach sowie der Friedrich-Ebert-Stiftung mit ihrer Landesgeschäftsstelle Fritz-Erler-Forum in der Stadthalle am Nollen, wie ehrenamtliches Engagement in 20 Jahren aussehen könnte. Fazit: Um das Engagement junger Menschen besteht kein Grund zur Sorge, sofern es Vereinen und Organisationen gelingt, neue Strukturen zu schaffen. Grundvoraussetzung dafür ist aber, diese auch zuzulassen.

„Das vielfach zitierte Vereinssterben gibt es nicht“, sagte Michael Blatz (Unternehmens- und Vereinsberater aus Aichach). In Deutschland habe sich die die Zahl der Vereine von rund 100000 im Jahr 1960 in 55 Jahren nahezu versechsfacht. Doch viele Vereine beklagen sich, keinen langfristigen Nachwuchs zu finden, projektbezogen aber schon.

„Ergraute Vorsitzende“

Für Michael Blatz ist deshalb klar, dass sich etwas ändern muss. „Oft ist es noch so, dass ein weise ergrauter Vorsitzender nicht mehr zur Verfügung steht und dann verzweifelt ein Nachfolger gesucht wird. Doch für kurzfristige Perioden gehen die Finger hoch.“ Dies müsse genutzt werden.

Für Rainer Klipfel, Vorsitzender des Turnvereins Gengenbach, ist es wichtig, dass Vereine ein Ambiente schaffen, in denen sich die Mitglieder wohlfühlen. Dazu braucht es Kümmerer im Verein. „Ehrennadeln und Urkunden will kein Junger mehr, diese stehen als Anreiz für ein Engagement ganz weit unten“, sagte er.

„Dank ist wichtiger“

Persönliche Kontakte und und ein ehrliches Danke innerhalb des Vereins seien ihnen viel wichtiger. „Was haben wir Münzen gravieren lassen und in Etuis gelegt“, erinnerte er an frühere Zeiten und daran, dass die meisten davon in irgendeiner Schublade liegen.

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Die Feuerwehr Gengenbach ehrt zwar treue Mitglieder, aber hat einen anderen Weg gefunden, überdurchschnittliches Engagement zu belohnen: „Diese Kameraden bekommen von uns eine Familienkarte fürs Schwimmbad“, sagte Gesamtkommandant Bernhard Frei.

Davon habe die ganze Familie etwas, zumal diese oft auf Partner und Vater verzichten müsse. Auch er hob die Bedeutung eines „Kümmerers“ hervor: „Ohne meinen Lehrer Erich Fakler wäre ich nie in den Jugendgemeinderat gegangen. Er hat uns die Zeitung nahegebracht und gezeigt, was im Ehrenamt alles möglich ist.“

Im Übrigen leiste keiner in der Feuerwehr diesen Dienst wegen ein paar Euro Aufwandsentschädigung, sondern weil er helfen will. Noch gebe es genügend Nachwuchs. Doch auch die Feuerwehr wirbt landesweit darum, etwa mit der Kampagne „Sei stolz auf deinen Papa“. Doch für die Zukunft sei die Unterstützung der Freiwilligen durch Hauptamtliche wichtig, vor allem wegen der immer komplexer werdenden Anforderungen.

„Jugend will Spaß und einen Sinn“

Ursula Neumann aus Oberkirch, Gewinnerin des Marta-Schanzenbach-Literaturpreises, lässt das Argument nicht gelten, dass sich die Jugend nicht mehr engagiert: „Sie muss aber gefragt werden, und sie muss Spaß und einen Sinn sehen.“

Für Michael Blatz werden digitale Medien immer wichtiger. Selbst für Männergesangvereine oder Wanderfreunde­ im fortgeschrittenen Alter sieht er „Türen auf gehen“. Dies setze aber voraus, dass sie sich dem Wandel stellen. Dies funktioniere, wenn diese mit Kindern musizieren oder etwas unternehmen und sich von ihnen dabei in die digitale Welt führen lassen.

Rentenpunkte als Lohn?

Aus dem Publikum kamen unter anderem Anregungen, den Aufwand in einem ehrenamtlichen Engagement besser zu entschädigen oder mit Rentenpunkten zu belohnen. Dies habe die SPD beschlossen, sagte Sabine Wölfle. Doch das sei nicht einfach umzusetzen.
Um das Ehrenamt in Gengenbach jedenfalls war es keinem auf dem Podium bange. In der Stadt gibt es derzeit 140 Vereine. Manche müssen kämpfen, andere entstehen neu.

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