Der Pionier als zweifelnder Geist

Junge Theaterakademie inszenierte »Gutenbergs Traum«

Bettina Kühne
Lesezeit 4 Minuten
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07. Dezember 2018

Szene aus dem Stück »Gutenbergs Traum«: Um das Jahr 1600 verteilen die Nachrichtenverkäuferinnen (Nina Labiche und Onisha Wilsi, vorne) Flugblätter. ©Iris Rothe

Die Plätze wurden knapp bei der Premiere von »Gutenbergs Traum«, den die Junge Theaterakademie des Grimmelshausen-Gymnasiums im Salmen aufführte. Das von Theaterleiter Paul Barone und den mitspielenden Schülern entwickeltet Stück war ein Appell an die eigene Verantwortung.

 Es ist das, was man daraus macht: Mit dieser Botschaft entlastete die Junge Theaterakademie des »Grimmels« in ihrem Stück »Gutenbergs Traum« den Meister. Er war auferstanden, geisterte, weil ihn Zweifel plagten, ob seine Erfindung nicht mehr schadete als nutzte, von seiner Ruhestätte in Mainz Richtung Straßburg. In Offenburg war Halt, einige Schüler nahmen sich der seltsam gekleideten Person an.

Johannes Gänsfleisch (David Povkh), genannt Gutenberg, zeigte sich etwas desorientiert, leidgeplagt und deutlich verschlossen. Povkh reflektierte oft mit verschränkten Armen und hängendem Kopf, während ihm die Schüler erklärte, wie sich seine Entwicklung entwickelt und die Welt noch mehr vernetzt hat. Besonders fasziniert zeigte er sich von der Druckmaschine im Hosentaschenformat, dem Handy.

Doch Gutenberg kam erst später ins Spiel: Zunächst zeigten die Schüler, wie schwierig es war, die Idee der Bildung für alle und den Büchern, die diese bringen sollten, durchzusetzen. Der Drucker Melchior Troffeo (Aaron Werner) musste um 1500 hilflos zusehen, wie seine Frau, wie seine Frau Ennelin (Nina Labiche) das Baby umbrachte, weil sie es nicht mehr ernähren konnte, und sich schließlich der Tänzerbewegung anschloss, mit der sie bis zum Tode tanzte.
Gutenberg hatte eine Familiengründung schon zuvor ausgeschlagen. Das sagte er allerdings nicht selbst: Aaron Werner, dieses Mal in der Rolle eines Schülers anno 2018, bekam die Mütze des Druckers auf und antwortete für den Erfinder der enttäuschten Verlobten Ennelin zur eisernen Thür, dass ihn das unternehmerische Risiko, das seine Erfindung für eine Familie bedeute, an der Heirat hindere.

Shitstorm im Internet

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Das war nur einer der Kniffe der Regie  – neben Barone Patrick Labiche und Stephanie Scherer – die auch die Erfindung der beweglichen Lettern ins Bild setzte. Zunächst verdeckt, tanzten die Schüler mit ihren Tafeln durcheinander und gruppierten sich immer wieder neu. Dann wurde umgedreht: So bildeten sich Worte wie »hate«, »chat« oder »send«, passend zur Szene, in der ein Shitsorm im Internet, den Justine (Julia Sanner) erlebte: Sie hatte vor ihrer Reise nach Afrika einen Tweet abgesetzt, in dem sie sich darüber auslässt, dass sie hofft, kein Aids zu bekommen. Aber sie sei ja weiß. Die Empörung reichte weit, sie wurde gefeuert.

Zuvor tauchten das Stück in die Zeit der Hexenverbrennungen um 1600 ein. Hungersnöte machten die Menschen auch in Offenburg kopflos. Der Mob wollte Schuldige haben und bezichtigte Frauen der Hexerei, da konnten der Schultheiß (Leon Herb) und die Stadträte (Finnegan Melchior und Jonas Kiefer) noch dagegen halten, wie sie wollten: Am Ende loderten auf den langen Stoffbahnen, die die Bühne unterteilten, die Projektionen der Feuer und verbrannten die Frauen, die als Schatten unter Folter »gestanden« hatten. Ursache für die Idee: Flugblätter und Schriften wie der »Hexenhammer«, die wie eine Anleitung für den Irrsinn erschienen.

Dass es längst nicht vorbei ist, stellten die Jugendlichen in einer eindrücklichen Szene rund um die Geschehnisse von Chemnitz, wo ein Deutscher beim Streit von Flüchtlingen getötet worden war, dar. Es war packend, wie Magdalena Heß als Journalistin mit herabhängender Kamera da stand und vom Mob – Emil Heß, Adrian Schmidt und Jan Esslinger, der auch für die Musik verantwortlich zeichnete – angefeindet wurde. Der »Trauermarsch«, das Konzert gegen Rechts, die #wirsindmehr-Bewegung – all das stellten die Schüler am Ende der Zeitreise von 1500 bis in die Gegenwart dar.

Was dagegen hilft, konnten sie Gutenberg wie dem Publikum aufzeigen: Die Erkenntnis, dass die Vernetzung das ist, was man daraus macht, genügte dem Stück nicht. Die Botschaft lag in der Aufklärung: Gustav Rée gründete die Lesegesellschaft, und plötzlich war Kants Zitat in aller Munde: »Wage zu denken!«
◼ Weitere Aufführung Samstag, 19 Uhr, im Salmen.

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