Perspektiven

Kirche steht für viel Gutes

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03. Dezember 2021
David Gutmann

David Gutmann ©Privat

Serie Ortsgespräche (100): David Gutmann hat ein Buch über die Entwicklung der Kirchenmitglieder und des Kirchensteueraufkommens in Deutschland geschrieben.

In unserer Serie Ortsgespräche unterhalten wir uns mit Menschen aus der Nachbarschaft – über die spannenden Sachen, die sie so tun. Und wie sie mit der Corona-Situation zurecht kommen. Heute: David Gutmann, der für seine Doktorarbeit einen Preis erhalten hat.

Herr Gutmann, erklären Sie uns den Friedrich-August-von-Hayek-Preis bitte – wer ist sein Namensgeber und für welche Leistungen bekommt man ihn?

Friedrich August von Hayek war ein herausragender Ökonom, der unter anderem auch an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg gelehrt und geforscht hat. 1974 erhielt er für seine Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Mit dem von der Deutschen Bank gestifteten Preis werden von der Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaftlichen Fakultät der Uni Freiburg hervorragende Dissertationen oder Abschlussarbeiten gewürdigt.

Wie sind Sie auf das Thema „Kirchenmitglieder und Kirchensteueraufkommen in Deutschland“ gekommen?

Die langfristige Vorausberechnung der Kirchenmitglieder ist – auch methodisch – nichts anderes als die Bevölkerungsvorausberechnung, die regelmäßig vom Statistischen Bundesamt erstellt wird. Und auch die künftige Entwicklung der für die Kirchen wichtigsten Einnahmequelle ist ein berechtigtes Interesse, auch aus Risikogesichtspunkten. Insofern war es folgerichtig, in einem ökumenischen Forschungsprojekt eine koordinierte Mitglieder- und Kirchensteuervorausberechnung für jede der 20 evangelischen Landeskirchen und 27 römisch-katholischen (Erz-)Diözesen zu erstellen.

Ist die Arbeit daran nicht sehr mathematisch?

Für eine solche Vorausberechnung müssen tatsächlich viele tausend Rechenoperationen vorgenommen werden und auch die sogenannte Matrizenmultiplikation ist nicht ganz trivial. Glücklicherweise gibt es dafür aber hochleistungsfähige Programme. Als meine Mutter das von meinem Kollegen Fabian Peters und mir veröffentlichte Buch #projektion2060 in Händen hielt, sagte sie nur: Aber in dem Methodenkapitel waren mir zu viele mathematische Formeln; das habe ich nur ehrfürchtig staunend überblättert.

Ihre Prognose ist wenig ermutigend: Im Jahr 2060 wird sich die Zahl der evangelischen und katholischen Christen halbieren – auf 31 Prozent der Bevölkerung. Wie sehr macht Sie das betroffen?

Nach Veröffentlichung der Ergebnisse im Mai 2019 waren mein Kollege und ich in nahezu allen Diözesen und Landeskirchen die Zahlen präsentiert – ich schätze mal so insgesamt 200 Termine. Natürlich war da – auch bei mir – eine Betroffenheit. Gleichzeitig war es uns immer ein Anliegen, nicht einfach nur die Abwärtsbewegung aufzuzeigen, sondern vielmehr haben wir versucht, den Kirchen zahlreiche Anknüpfungspunkte anzubieten, um auf die projizierte Entwicklung reagieren zu können.

Welche Ursachen machen Sie dafür verantwortlich?

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Unsere Ergebnisse zeigen, was wir alle intuitiv erwartet haben: die Mitgliederzahl der beiden großen Kirchen wird sich bis zum Jahr 2060 in etwa halbieren. Das liegt – und das ist die neue Erkenntnis – aber nur zu knapp der Hälfte am demografischen Wandel – also dem Überhang von Sterbefällen über die Geburten sowie dem Wanderungssaldo. Mehr als die Hälfte des Mitgliederrückgangs beruht auf Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten. Diese sogenannten kirchenspezifischen Faktoren sind grundsätzlich – wenn auch nur geringfügig – beeinflussbar. In diesem Sinne sollten die Ergebnisse nicht als Untergangsprophetie wahrgenommen werden, sondern es sollte nach Zusammenhängen gesucht werden, auf die Einfluss genommen werden kann.

Wie wird das unsere Gesellschaft verändern?

Sie haben bereits den berechneten Christenanteil an der Bevölkerung von 31 Prozent im Jahr 2060 erwähnt. Spannend finde ich persönlich, dass 100 Jahre zuvor, also 1960, der Anteil noch bei 94 Prozent lag. Natürlich verändert das unsere Gesellschaft, hat sie ja auch schon. Die Kirchen haben neben ihrer originär kirchlichen Aufgabe gemäß des im deutschen Grundgesetz vorgesehenen Subsidiaritätsprinzips zahlreiche Aufgaben anstelle des Staates übernommen. Wird der Bevölkerungsanteil, der einer der beiden Kirchen angehört, kontinuierlich kleiner, wird langfristig das Verhältnis zwischen Gesamtgesellschaft und Kirchen neu zu bestimmen sein.
Darin liegt aber auch eine Chance: Gerade in einer älter werdenden Bevölkerung können sich die Kirchen mit ihrem über die Kernkirchengemeinden hinausgehenden Netzwerk aus Pflegedienstleistern, Wohlfahrtsverbänden, Kindertagesstätten und Bildungseinrichtungen, Beratungsangeboten aber auch als Arbeitgeber und Grundeigentümer (Stichwort sozialer Wohnungsbau) als relevanter Partner in die künftigen Entwicklung der Gesellschaft einbringen. Das kann aber nur gelingen, wenn dieses Netzwerk gemeinsam, koordiniert und im besten Fall ökumenisch auftritt.

Sehen Sie Wege aus dem Elend – was müssen die Kirchen Ihrer Meinung nach tun?

Wenn ich auf die gesamte Kirche blicke, würde ich nicht von Elend sprechen. Tue Gutes und rede darüber! So lautet eine Empfehlung. Ich hatte gerade über die vielen Angebote der Kirchen gesprochen. Den meisten Kirchenmitgliedern ist nicht bewusst, dass sie mit ihrer Kirchensteuer einen Solidarbeitrag leisten, mit dem zahlreichen Menschen geholfen werden kann.
Wir haben in unserem Buch #projektion2060 den Chancen ein ganzes Kapitel gewidmet und darin zahlreiche Handlungsoptionen und vor allem best-practice-Projekte vorgestellt, die uns in den vergangenen Jahren imponiert haben. Das fängt an bei unterbliebenen Taufen – das ist gerade in Corona-Zeiten aber insgesamt auch in Städten ein riesiges Thema – und der Frage, wie Eltern und Kinder dazu eingeladen und ermutigt werden können. Insgesamt sind die Lebenswenden ein wichtiger Ankerpunkt. Hier sollten die Kirchen als bewährter Begleiter qualitativ hochwertige und individuell gestaltete Taufen, Beerdigungen, Hochzeiten und so weiter anbieten.
Insgesamt geht es aus Perspektive von uns Ökonomen um Kundenorientierung. Daher haben wir unter dem Titel Kirche – ja bitte! innovative Projekte und interdisziplinäre Fachexpertisen zum Thema Mitgliederorientierung gesammelt. Mitglieder sowie Verantwortliche auf allen Ebenen von Kirche sollen motiviert werden, nicht nur problemgerichtet auf die Erhaltung von gefährdeten Strukturen, sondern vielmehr mutig nach vorn zu blicken.

Sie entstammen einem kirchlich sehr engagierten Elternhaus – hat das Ihr Thema beeinflusst?

Wenn Sie ein Dissertationsprojekt in Angriff nehmen, benötigen Sie eine hohe intrinsische Motivation (aus innerem Antrieb), sonst können Sie die Tiefen nicht meistern – Höhen gibt es glücklicherweise auch ab und an. Meine kirchliche Sozialisation hat aber nicht nur das Thema, sondern die ganze Forschungstätigkeit beeinflusst. Theoretisch hätten wir „nur“ die Daten sammeln und mit einigen Annahmen die Ergebnisse berechnen können. Dann den Ergebnissen einige Szenarien gegenüberstellen – wir sprechen von Sensitivitätsanalyse –, alles interpretieren und fertig! Das war uns und auch unserem Doktorvater allerdings zu wenig. Wenn Sie bei Prof. Raffelhüschen promovieren, dann bleiben Sie nicht im Elfenbeinturm der Wissenschaft, sondern müssen für die Praxis – in diesem Fall die Kirchen – relevante und gangbare Wege aufzeigen. Das haben wir versucht.

Die Ortsgespräche sind eine Interview-Serie, die in lockerer Reihenfolge erscheint.

Hintergrund

David Gutmann...

... ist 1978 geboren, verheiratet, 5 Kinder, Leiter des Kompetenzzentrums Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer an der Katholischen Hochschule in Freiburg. Von 2016 – 2021 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Finanzwissenschaft und Sozialpolitik, dem Lehrstuhl von Prof. Raffelhüschen. Davor in verschiedenen Stationen im Erzbischöflichen Ordinariat Freiburg unter anderem von 2008 – 12 verantwortlich für die Einführung des neuen Rechnungswesens sowie von 2012 – 16 für das Personalmanagementsystem. Seine Familie stammt aus Diersburg.

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