Offenburg

Meinhard Miegel: Warum Zuwanderung dem Land helfen kann

Autor: 
Florian Pflüger
Lesezeit 3 Minuten
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11. Januar 2016
Meinhard Miegel sprach beim Neujahrsempfang über das Thema Migration.

Meinhard Miegel sprach beim Neujahrsempfang über das Thema Migration. ©Iris Rothe

Deutschland wird älter und schrumpft. Wer dem entgegenwirken möchte, kommt an der Zuwanderung nicht vorbei. Davon ist der Sozialwissenschaftler und Publizist Meinhard Miegel überzeugt. Und noch aus einem anderen Grund nimmt der Gastredner beim Neujahrsempfang Deutschland und Europa in die Pflicht.

Am Ende drehte Meinhard Miegel die ganze Geschichte einmal herum: Man stelle sich vor, Offenburg ist zerstört,  das Haus ist weg, die Infrastruktur kaputt, es gibt nicht mehr genügend Trinkwasser. Die Menschen wissen von einem Land namens Afghanistan, wo alles wohl geordnet ist, die Menschen zufrieden sind und wohlhabend – die Offenburger machen sich also auf den Weg dorthin. Dort angekommen, wird es allerdings schwierig: Wer kann schon Paschto oder Dari, die offiziellen Amtssprachen in Afghanistan? »Stellen Sie sich nun vor, Sie irrten durch Afghanistan und bekämen eine helfende Hand«, richtete der Gastredner beim Neujahrsempfang seine Worte an die Gäste. »Wie dankbar wären Sie dann!«

Zwei Arten »Optimierer«
 Zuvor hatte der Sozialwissenschaftler und Publizist, seit 2007 Vorstandsvorsitzender vom Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung, die aktuelle Flüchtlingsdiskussion analysiert und aus seiner Sicht eingeordnet. Dabei stellte er zwei Sichtweisen gegenüber: die des »taktisch argumentierenden Kurzfrist-Optimierers« und die des »strategisch argumentierenden Langfrist-Optimierers«. Während Erstgenannter die hohen Kosten durch die Flüchtlinge anführe oder das steigende Risiko sozialer Spannungen – siehe Köln, denke Letzterer, und er zählt sich selbst dazu, »weiter und ganzheitlicher«. Der aktuelle Zustrom an Flüchtlingen sei »nur eine Episode«, die in einem größeren Zusammenhang gesehen werden müsse.

So wachse die Weltbevölkerung jährlich um 80 bis 90 Millionen Menschen, also etwa um die Größe Deutschlands. Von derzeit 7,3 Milliarden werde die Bevölkerungszahl weltweit bis 2030 auf 8,4 Milliarden steigen, bis 2050 voraussichtlich um weitere 2,3 Milliarden. Aber: »Deutschland und Europa haben an dieser Entwicklung nicht teilgenommen«, sagte Miegel. Soll heißen: Während etwa in Afrika die Bevölkerung deutlich wächst, wird sie in Deutschland kleiner. Und wie auf der ganzen Welt wird sie auch älter.

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Aus Sicht des Sozialwissenschaftlers gibt es nur zwei Möglichkeiten, die derzeitige Bevölkerungszahl zu halten: Dass jede gebärfähige Frau vier Kinder zur Welt bringt – oder dass jährlich zwei Millionen Migranten nach Deutschland kommen. Dies könne aber auch eine Veränderung des »Werte­kanons« mit sich bringen, etwa beim Verhältnis von Mann und Frau oder von Jung und Alt. Auch auf Fest- und Feiertage, Bräuche und Traditionen oder das Rechtssystem könne sich Zuwanderung auswirken.

»Wir haben profitiert«
Miegel nahm Europa aber auch aus einem anderen Grund in die Pflicht. Schließlich habe es über Jahrzehnte hinweg profitiert: »Wir haben vornehmlich die angenehmen Seiten der Entwicklung zu spüren bekommen«, sagte Miegel – und zählte auf: billige Rohstoffe, billige Lebensmittel, billige Arbeitskräfte, die für einen Hungerlohn Tee ernten oder T-Shirts zusammennähen. Mittlerweile verfüge ein Prozent der Bevölkerung über 60 Prozent des weltweiten Reichtums – nicht ohne Folgen für Europa: Statt billiger Südfrüchte und billiger Computer kämen nun eben auch Menschen, die vor allem eins wollten: Freiheit.

Während in Europa stets die »heroischen Werte« hochgehalten würden – strebten täglich Tausende Menschen von den Häfen des Mittelmeers genau dorthin. Dass sie bevorzugt nach Deutschland wollten, sei »die Kehrseite des Erfolgs unseres Landes«, so Miegel. Sein Appell zum Schluss, und er wollte ihn nicht nur im Hinblick auf die Flüchtlinge verstanden wissen: »Öffnen wir den Bedürftigen die Tür – so weit, dass die Würde des Menschen gewahrt bleibt!«

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