Katharina Dietz wird 85

Mit Würstlebude stadtbekannt

Autor: 
Regina Heilig
Lesezeit 4 Minuten
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17. Oktober 2018

Katharina Dietz hat in einem Sammelband ein Gedicht über ihre Heimat veröffentlicht. Bekannter war sie aber durch ihren Wurststand in Offenburg. ©Regina Heilig

Katharina Dietz aus Hildboltsweier feiert heute ihren 85. Geburtstag. Von 1965 bis 1991 legten unzählige Offenburger regelmäßig bei der legendären »Dame vom Grill« eine Pause ein, um sich mit einer »Roten« oder einer »Weißen« zu stärken.

So fröhlich wie ihre zahlreichen Kunden sie kennen, ist Katharina Dietz auch mit 85 Jahren noch. Und erzählen kann sie! Vor allem die Geschichten aus ihrer Heimat Felizienthal in Galizien beschäftigen die muntere Dame bis heute. Geboren in Annaberg, wohin ihre Vorfahren, die aus dem bayerischen Wald kamen, um das Jahr 1835 ausgewandert waren, wuchs Katharina Kraus, wie sie mit Mädchennamen hieß, mit zwei jüngeren Schwestern auf. »Meine Wiege stand im Osten« heißt der Beitrag, den sie für das Sammelwerk »Geschichte der deutschen Sprachinsel in Galizien« in Gedichtform verfasst hat. Es geht darin vor allem um die Bräuche in der eng zusammen lebenden Gemeinschaft, die die Flucht zu Kriegsende jäh auseinander riss. 

Zunächst waren sie nach Saybusch in Schlesien umgesiedelt worden – und der Zufall wollte es, dass eines der »Landdienstmädchen«, die der Familie in früheren Jahren zugeteilt worden waren, inzwischen einen Verwaltungsposten mit Einblick in die Geschehnisse bekleidete. Sie riet, sich auf die Flucht vorzubereiten, mit einem »guten Planwagen«, aber nur dem nötigsten Gepäck. Aber als hätten sie geahnt, dass es vielleicht ein Abschied für immer sein würde, packte die Familie alle Papiere und auch die Nähmaschine des Vaters, der Schneider war, ein. Man teilte den wertvollen Proviant mit den polnischen Angestellten und machte sich auf den Weg. 

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Lebensgefährliche Flucht
Die Flucht, in der es zu lebensgefährlichen Situationen wie Bombardements kam, führte die Mutter Maria Kraus und ihre drei Töchter zunächst nach Österreich, wohin auch der Vater kam. Bei ihm machte Katharina eine Schneiderlehre, aber schon bald trachtete man, den diskriminierenden Verhältnissen zu entgehen. »Wir durften nur für Flüchtlinge und Heimatvertriebene schneidern, nicht für die Einheimischen.« Im Deutschland war die Gesetzeslage liberaler, und so siedelten sie 1952 um. 
Nach Offenburg kam die Familie, weil die Landschaft hier an die alte Heimat erinnerte. Ein Jahr später heiratete die Jubilarin den Schmied und Schlosser Franz Dietz. Bald kamen die ersten Kinder, die winzige Wohnung wurde zu klein. Abenteuerlich mutet die Geschichte an, wie sie durch die Vermittlung eines Staubsaugervertreters zu einer großen Wohnung kamen – die aber völlig zerstört war und erst hergerichtet werden musste! 

1961 schließlich folgte der Bau des Eigenheims in Hildboldsweier, in dem Rita, Manfred, Renate, Annette, Ulrike, Martina und Stefan aufwuchsen und sich heute noch regelmäßig versammeln – zusammen mit inzwischen siebzehn Enkel- und zehn Urenkelkindern. Katharina Dietz hatte bei der Hukla gearbeitet, bis die Kinderbetreuung zu schwierig wurde. Dann fand sie eine Stelle bei einem der Bratwurststände in Offenburg – ein Traumjob! »Ich hatte immer im Verkauf arbeiten wollen!« Aber nicht als Selbstständige. Dieser Schritt kam am 9. Januar 1965, als die Jubilarin den Wurststand von »Lisl« Buße übernahm. Eingefädelt hatte das Ganze ihr Mann, der mit dem Ehemann von Frau Buße bekannt war. »Kathi, ich hol dir die Sterne vom Himmel!«, pries Franz Dietz seiner jungen Frau den Coup an. Und vermutlich ahnte er gar nicht, wie Recht er behalten sollte. Bis zur Übergabe an ihre Tochter Renate, die das Unternehmen »Dietz Gorges« bis heute führt,  im Jahr 1991 war Katharina Dietz mit Leib und Seele in ihrem Stand tätig. Alle Offenburger kannten sie – und sie natürlich alle Offenburger! 

Der viel zu frühe Tod von Franz Dietz 1983 war ein Einschnitt. »Ich habe, als ich wenig später selbst 55 wurde, gesagt: Achtzig Jahre will ich werden. Und seit meinem 80. frage ich an jedem Geburtstag den Herrgott um ein Jahr Verlängerung«, schmunzelt die Jubilarin.

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