Schöffengericht Offenburg

Prozess: Unfälle provoziert und Geld von Versicherungen gefordert

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08. Mai 2021
Acht Unfälle wurden dem Angeklagten zugerechnet, vier davon brachten ihn vor Gericht.

Acht Unfälle wurden dem Angeklagten zugerechnet, vier davon brachten ihn vor Gericht. ©ULRICH MARX

Lange Zeit blieb der Betrug unentdeckt – doch dann wurde eine Versicherungsmitarbeiterin stutzig, und die Ermittlungen kamen ins Rollen: Ein 47-Jähriger aus Lahr musste sich am Dienstag vor dem Schöffengericht in Offenburg verantworten, weil er vier Unfälle absichtlich provoziert haben soll. Anschließend forderte er, jeweils mit Anwalt und Gutachter, mehrere Tausend Euro von der Versicherung der Unfallgegner, zog sogar vor Gericht. Ein Polizeibeamter berichtete von weiteren Unfällen, bei denen die Absicht jedoch nicht nachgewiesen werden konnte.

Eines hatten die vier Unfälle gemeinsam, die sich zwischen Mai 2016 und Februar 2019 ereignet hatten: „Alle Zeugen hatten den Eindruck, dass sie eigentlich nicht schuld waren“, fasste Richterin Ute Körner bei der Urteilsverkündung (siehe „Info“ links) zusammen.

Hohe Geschwindigkeit

Am 9. Mai 2016 stieß der Angeklagte mit einem Fahranfänger zusammen, der in Lahr aus der Jammstraße in die Lotzbeckstraße einfahren wollte. „Ich hatte den Eindruck, dass er mit hoher Geschwindigkeit unterwegs war“, schilderte der heute 23-Jährige vor Gericht. Da ihm die Polizisten vor Ort jedoch eine Vorfahrtsverletzung bescheinigten und ihn zudem auf seinen Fahranfängerstatus hinwiesen, akzeptierte er. Die Konsequenz für den jungen Mann: Ein Punkt in Flensburg und ein Aufbauseminar, Kostenpunkt rund 300 Euro.
Eine 40-jährige Zeugin war deutlich aufgebrachter. Sie wollte am 14. März 2018 ihren dreijährigen Sohn abholen, als es im Kreisel am Lahrer Bahnhof zum Unfall mit dem Angeklagten kam. „Ich habe seinen Blick gesehen, er hatte ganz glasige Augen und fuhr dann voll in mich rein“, berichtete sie. „Er hat kein bisschen gebremst.“ Im Nachhinein sei sie froh, dass ihr Sohn noch nicht im Auto saß. Auch ihr attestierte die Polizei eine Vorfahrtsverletzung, „dabei habe ich ihn sogar gesehen, er war noch weit weg“.

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Zum nächsten Unfall kam es am 6. Februar 2019 in Kehl, die Zeugin hatte ihre Tochter von der Schule abgeholt, als der Angeklagte in der Hauptstraße plötzlich vor ihr eine Vollbremsung hingelegt habe. „Ich konnte nicht mehr rechtzeitig anhalten, aber ich habe auch keinen Grund gesehen, vor ihm war kein Auto und geblinkt hat er auch nicht. Es war ein richtiger Schock.“ Am Unfallort habe er nicht das Gespräch gesucht, sondern eher abwehrend gewirkt. Sie habe sogar versucht, den Syrer auf Arabisch anzusprechen.

Gerade einmal zwei Tage­ später, am 8. Februar, kam es erneut zu einem Unfall: Im Kreisverkehr in der Georg-Schaeffler-Straße in Lahr wollte ein Ehepaar die Spur wechseln, der Angeklagte fuhr auf. „Wir wollten eigentlich von der Autobahn zur B 3, weil Stau angesagt war“, erinnerte sich die Autofahrerin. Es sei viel Verkehr unterwegs gewesen und sie habe zu spät gemerkt, dass sie im Kreisverkehr auf die andere Spur wechseln musste. „Ich bin quasi in Schrittgeschwindigkeit über die durchgezogene Linie gefahren“, erklärte sie. Ihr Mann ergänzte: „Aber einen Autofahrer haben wir nirgends gesehen.“ Als sie bereits auf der anderen Fahrspur fuhr, habe es plötzlich „ganz laut und unangenehm geknirscht“. Vor Ort habe der Angeklagte kein Gespräch gesucht. „Gewundert hat mich auch, dass die Reifen in unsere Richtung gezeigt haben, als ob er nicht mal versucht hat auszuweichen“, so der Ehemann.

Außergewöhnlich oft

Der Versicherung des Ehepaars sei das alles sehr komisch vorgekommen, berichtete der ermittelnde Polizei­haupt­kommissar vom Verkehrsdienst Offenburg. Recherchen ergaben, dass der Mann in den vergangenen Jahren außergewöhnlich oft in Unfälle verwickelt war. Insgesamt seien die Ermittler auf acht Kollisionen gekommen. „Und alle schienen vermeidbar.“ Ungewöhnlich sei auch gewesen, dass er mit Oberklassen-Fahrzeugen gefahren sei. „Da kostet die Reparatur gleich mal mehr, auch bei älteren Modellen.“ Die dazugehörigen Rechnungen seien nirgends auffindbar. Und jedes Mal seien Gutachter und Rechtsanwalt einbezogen worden. „Es sah so aus, als hätte er den optimalen Nutzen aus den Fahrzeugen ziehen wollen.“ Eines bemerkte der Kommissar auch noch: „Er hat das Auto dann weiterverkauft und als unfallfrei ausgegeben.“

Info

Welches Urteil am Ende gesprochen wurde

Gutachter Martin Kögel, der den Prozess begleitete, fasste die technischen Details der Unfälle zusammen und kam zu dem Schluss, dass zumindest zwei der vier angezeigten Unfälle vom Angeklagten vermieden hätten können. In ihrem Plädoyer forderte Staatsanwältin Ricarda Dirkmann eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung, den Einzug von Wertersatz in Höhe von rund 12 000 Euro, den Entzug des Führerscheins für zweieinhalb Jahre und 180 Stunden gemeinnützige Arbeit. „Der Sachverhalt hat sich bestätigt, alle Unfälle wurden vom Angeklagten provoziert.“ Dafür gebe es mehrere Indizien: Viele Unfälle in kurzer Zeit, „die finanzielle Situation des Angeklagten und die teuren Autos passen nicht zusammen“, keine Reparatur-Rechnungen, und wiederholt Unfälle nach gleichem Schema.

Ganz anders sah es Verteidiger Wolfgang Reichert (Lahr). „Es gibt zwar Indizien, aber keinen konkreten Nachweis.“ Keiner der Unfälle sei eindeutig provoziert gewesen. „Zweifel bleiben“, argumentierte er und forderte einen Freispruch für seinen Mandanten.

Richterin Körner sprach im Namen der Schöffen schließlich das Urteil: Zwei Jahre auf Bewährung samt der von Staatsanwältin Dirkmann geforderten Ersatzzahlung, dem Entzug des Führerscheins und 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Richterin Ute Körner führte aus: „Unsere Überzeugung ist es, dass er die Gelegenheit nutzte, wenn sie sich ihm bot.“ Es handle sich nicht um Einzelfälle, „das ist eine Serie.“ Letztlich hätte das Schöffengericht keinen Zweifel daran gehabt, dass die Unfälle provoziert wurden. Eine große Rolle spielten dabei auch die Aussagen der Zeugen.

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