Junge Theaterakademie Offenburg

Richard und Rosa: Schlussszene in der Reithalle rührt zu Tränen - Vorschau

Autor: 
Silke Keil
Lesezeit 4 Minuten
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27. September 2021
Die Gestapo führt Rosalie Raber alias Mariya Manashirova ab, da sie jüdische Eltern hat. Weder ihre Töchter noch Freundinnen können die Männer aufhalten.

Die Gestapo führt Rosalie Raber alias Mariya Manashirova ab, da sie jüdische Eltern hat. Weder ihre Töchter noch Freundinnen können die Männer aufhalten. ©ULRICH MARX

Mit Standing Ovations wurde die Premiere von „Richard und Rosa – Eine Liebe in finsterer Zeit“ gefeiert. Die Junge Theaterakademie erzählt darin eine Offenburger Geschichte aus der Nazizeit.

Die Bühne der Reithalle ist so düster wie die Zeit, in der die Liebesgeschichte spielt: die Jahre nach Hitlers Machtübernahme. Ganz links steht stramm der frisch gebackene Braumeister Richard Mundinger aus Offenburg, rechts ermattet die Lehrerin Rosa Raber aus Mannheim. Beide exponiert, nah am Abgrund. Sie sehnen sich nach Zweisamkeit, doch er, Mitbegründer der NSDAP-Jugendgruppe in Offenburg, kämpft in der Ukraine für den deutschen Sieg und sie, Halbjüdin, ringt in der Heimat um das Überleben ihrer Familie.

„Unser Rainerle ist tot“, schreibt sie in einem Brief und der Gefühlschor, der in blauen Gewändern die Bühne füllt, wiederholt die Worte schreiend, anklagend, sich windend. Als Richard die traurige Nachricht erhält, ist sein zweites Kind bereits begraben. In der Ukraine bereitet er das Grab für andere Zivilisten. Er tötet, lädt Schuld auf sich. „Was ist das doch für ein erbärmlicher Krieg!“, flucht er. Doch Antworten bleiben aus. Die Grausamkeiten, die sich unter dem Wahn eines Sieges der „deutschen Herrenrasse“ ereignen, sind fern jeglicher Vorstellungskraft.

37 Nachfahren anwesend

Ergriffen verfolgen 344 Besucher am Donnerstagabend in der ausgebuchten Reithalle die Premiere des Theaterstücks „Richard und Rosa – Eine Liebe in finsterer Zeit“, packend auf die Bühne gebracht von der Jungen Theaterakademie Offenburg. Es ist die wahre Geschichte eines jungen Paars, das ab 1923 begeistert der nationalsozialistischen Idee folgte, bis es ihr selbst zum Opfer fiel. Und es ist die Geschichte einer Liebe, die so innig war, dass sie allen Gefahren, Erniedrigungen und Entbehrungen trotzte.

Als Richard Mundinger im Juni 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrt, fallen ihm Rosa Raber und Sohn Riwi in die Arme. Die finale Szene, in der das jüngste Kind, die heute 66-jährige Ellen, von ihren „Eltern“ in die Mitte genommen wird, rührt die Zuschauer zu Tränen – unter ihnen auch rund drei Dutzend Verwandte. „Die Schüler haben meinen Eltern ein neues Leben geschenkt“, dankte Ellen Mundinger im anschließenden Publikumsgespräch. „Sie hatten unglaubliches Glück, dass sie lebend aus diesem Krieg herausgekommen sind.“

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Die Offenburger Ausnahme-Sportlerin hat mit unzähligen Briefen und Fotografien ihrer Eltern zum Gelingen des Theaterstücks beigetragen, an dem 100 Akteure spielend, gestaltend oder kostümnähend mitgewirkt haben. Es ist eine­ Gemeinschaftsproduktion des Grimmelshausen-Gymnasiums mit der Offenburger Kunstschule, der Volkshochschule, den Haus- und Landwirtschaftlichen Schulen sowie der sechsten Klasse der Erich-Kästner-Realschule. Federführend ist der Theaterlehrer Paul Barone (Grimmels).
Auf das besondere Schicksal der Liebenden aufmerksam wurde Wolfgang Gall, bis Mai 2020 Leiter des Museums und Archivs im Ritterhaus. „Richard Mundinger war einer der wenigen Deutschen, die für ihr Handeln Verantwortung übernommen haben“, entnahm Gall den Dokumenten im Archiv. „Die meisten wiesen die Schuld von sich in der Erklärung, dass sie verführt oder verblendet worden waren.“ Die nationalsozialistische Idee sei in Offenburg früh entflammt. „Sie kam aus der Mitte der Gesellschaft“, lässt der Historiker wissen.

Wachsende Furcht

Die jungen Schauspieler zeichnen in 46 Szenen nach, wie sich junge Offenburger für die Befreiung des Volkes aus der französischen Besatzung begeistern ließen. Sie spiegeln den Widerstand einer Gesellschaft gegen fremde Einmischung, die in der krankhaften Vorstellung eines reinen arischen Bluts gipfelt. „Mischlinge“ wie die Geschwister Rabers, politisch und religiös tief in Deutschland verwurzelt, werden plötzlich zu Fremden. Kira Napadovskyy brillierte in der Rolle der Rosa, die auf die Zurückweisungen erst ungläubig und verwundert, dann jedoch mit wachsender Furcht reagiert.

Ebenso mitreißend spielte Mariya Manashirova die Mutter der Familie, die im Konzentrationslager Theresienstadt vergeblich dem Klang der Glocken nachlauscht. Große Bühnenpräsenz bewiesen aber auch der Hauptdarsteller Finnegan Melchior und zahlreiche Nebendarsteller. So ließen die Parteigenossen mit ihren starren Bewegungen und kalten Gesichtszügen das Blut in den Adern gefrieren. Das, so spürte man, geschieht mit einem Menschen, der nicht mehr der Stimme seines Herzens, sondern leeren Paradigmen folgt.

Großartig gelungen

Mit heiteren Szenen und Wortwitz löst das Regieteam um Paul Barone immer wieder das Schwere auf, ohne es zu trivialisieren. Lang anhaltender, stehender Applaus war der Lohn für die zweistündige Theateraufführung, die trotz der eingeschränkten Probemöglichkeiten während des Lockdowns großartig gelungen ist.
INFO: Weitere Aufführungen sind Montag und Dienstag, 20. und 21. September, jeweils um 19 Uhr in der Reithalle. Es gelten die 3G- sowie Abstandsregeln und Maskenpflicht. Der Eintritt ist frei, Spenden sind jedoch willkommen. Aufgrund der begrenzten Anzahl an Sitzplätzen bittet die Junge Akademie um eine Reservierung unter info@junge-theaterakademie-offenburg.de.

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