Ex-Grimmels-Abiturient ist Unternehmer in Brünn

Sebastian Wagner verfolgt die Corona-Krise in zwei Ländern

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05. April 2020

(Bild 1/2) Die sonst sehr gut frequentierte Straße zur Kathedrale auf dem Brünner Spielberg ist fast menschenleer. Sebastian Wagner trägt, wie alle in Tschechien, Mundschutz. ©Privat

Ex-Grimmels-Abiturient Sebastian Wagner (34) ist mittlerweile Unternehmer in Tschechien. Er ­berichtet, wie dort das Corona-Krisenmanagement läuft – besser als in Deutschland, findet er.

Sie verfolgen die Corona-Krise in Deutschland und Tschechien – wer macht das bessere Krisenmanagement?

Für mich ganz klar die Tschechen. Während man in Deutschland noch diskutiert hat, was man den Menschen alles zumuten kann, hat man in Tschechien bereits vor drei Wochen Ausgangssperren verhängt, die Grenzen geschlossen und Infektions-Hotspots abgeriegelt. Es gab von vornherein eine ganz klare­ Linie, und es zeigt sich nun an der relativ geringen Zahl von rund 4000 Infizierten, dass diese Strategie die einzig richtige­ war. In Deutschland hat man lange­ gezögert und in Stuttgart noch munter im vollen Stadion Fußball gespielt, was, wie sich nun zeigt, zu rasanten Zuwächsen bei den Infektionsraten geführt hat. 

Waren Sie anfangs von der Härte der Maßnahmen überrascht?

Wie die meisten anderen Leute habe auch ich anfangs das Coronavirus unterschätzt und war als Unternehmer eher genervt, als ich alle Mitarbeiter aus unseren Büros ins Homeoffice schicken musste. Im Nachhinein halte ich aber das schnelle Handeln für richtig. Nun kommt es ebenfalls darauf an, die Maßnahmen im richtigen Moment wieder zu lockern.

Welche Regelungen gibt es im Einzelnen?

Es ist verboten, sich mit mehr als zwei Menschen in der Öffentlichkeit aufzuhalten,­ alle­ Geschäfte, außer Lebensmittel­läden, Apotheken und Drogerien sind geschlossen. Von 8 bis 10 Uhr sind diese nur für Menschen über 65 Jahre geöffnet. Restaurants verkaufen nur im Take-Away. Das macht jedoch für die meisten keinen­ Sinn, also sind sie ohnehin geschlossen. Die Grenzen sind dicht, jeder Tscheche, der heimkehrt, muss für 14 Tage in Quarantäne. Würde ich ausreisen, käme ich nicht mehr zurück. Einzelne­ Städte wurden als Hotspot identifiziert und komplett abgeriegelt. Mittlerweile sind dort aber nach circa 14 Tagen die Infektionsraten gesunken, und die Städte­ wurden wieder geöffnet. Es herrscht eine Ausgangssperre, erlaubt sind nur Wege zur Arbeit, zum Einkaufen und zum Ausgleich in die Natur. Firmen sind angehalten, Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken. 

Und es gibt bereits die bei uns gerade diskutierte Mundschutzpflicht...

Auch wenn ich mir nicht zutraue, über den medizinischen Nutzen zu urteilen, halte ich die Mundschutzpflicht für extrem sinnvoll, da sie den Menschen den Ernst der Lage vermittelt und die Gefahr des Virus visualisiert.

Halten sich die Menschen an die Ausgangssperre und die Mundschutzpflicht?

Die Menschen halten sich überraschenderweise strikt an die Vorgaben der Regierung, selbst bei Spaziergängen im Wald oder auf dem Fahrrad sieht man Leute nur noch mit Mundschutz. Der öffentliche Verkehr hier bei uns in Brünn hat sich minimalisiert. Dadurch gehen­ auch die Infektionsraten permanent­ zurück, und man spricht nun über eine erste Lockerung der Maßnahmen nach Ostern. Es soll dann eine „intelligente Quarantäne“ eingeführt werden, bei der anhand der Handy-Daten infizierter Menschen deren Kontakte gezielt gefunden und getestet werden sollen. Dadurch können dann die großflächigen Maßnahmen nach und nach abgebaut werden.

Tschechien hat zehn Millionen Einwohner. Kann ein Land wie Deutschland mit 80 Millionen Menschen und zentraler Lage in Europa genauso durchgreifen?

Hier hätte Deutschland wieder einmal die Chance gehabt, durch starkes Handeln und Voranschreiten Europa als Vorreiter­ in dieser Krise zu dienen. Leider hat man – wie so oft in der deutschen Politik – wieder lange diskutiert und alle anderen Staaten, die hier schneller waren, noch für ihre Grenzschließungen und Maßnahmen kritisiert. Trotzdem bin ich sehr zuversichtlich, dass Deutschland die Krise gut meistern wird. Das Land ist in die Gänge gekommen und verfügt über ein sehr gutes Gesundheitssystem, dessen Wert sich jetzt zeigt.

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Wie haben Sie in Ihrem Unternehmen auf die Corona-Krise reagiert?

Unser Unternehmen ist schwerpunktmäßig in der Baubranche aktiv, unsere Auftragsbücher sind gut gefüllt und bislang können wir – Gott sei Dank – noch fast normal produzieren. Alle Mitarbeiter in unserem Hauptsitz haben wir nach Möglichkeit ins Homeoffice geschickt, auch die über 60 Projekt-Ingenieure, die für den deutschen Markt arbeiten. In der Bauausführung hier in Brünn und Prag laufen unsere Projekte zum Großteil wie gehabt weiter, Probleme haben wir damit, ausländische Arbeiter ins Land zu kriegen. Wir haben auf den Baustellen verstärkte Hygienevorkehrungen eingeführt, in einer Eilaktion­ haben wir über 1000 Mundschutze für unsere Mitarbeiter anfertigen lassen. 

Wo sehen Sie Risiken?

Unser größtes Risiko sind momentan potenzielle Zahlungsausfälle vonseiten unserer Abnehmer, auch wenn wir bisher noch keinen konkreten Fall haben. Aktuell arbeitet die Regierung an einem Programm zur Wirtschaftsunterstützung. So sollen zinsfreie Hilfskredite vergeben und Kurzarbeit eingeführt werden – die gibt’s in Tschechien im Gegensatz zu Deutschland bislang nicht. Außerdem wird über eine sechsmonatige Aussetzung aller Kreditverbindlichkeiten für alle diskutiert.

In der Ortenau gibt es viele Hilfsangebote und Solidarität unter den Menschen. Ist das in Tschechien ebenso?

Nach der Einführung der Mundschutzpflicht gab es hier einen großen Mangel an Material. In allen Städten und Dörfern haben sofort viele Menschen angefangen, zu Hause­ zu nähen, auch ich habe von unserer 70-jährigen Nachbarin einen schönen handgemachten Mundschutz bekommen. 

Zu unserer Firmengruppe­ gehört das Restaurant „Vittorio“ im Brünner Stadtzentrum, das wir wegen Corona schließen mussten. Wir haben jedoch entschieden, „Mittagessen für Helden“ zu kochen und liefern es gratis an Polizisten, Ärzte,­ Krankenschwestern, Feuerwehrleute oder Verkäuferinnen. Täglich 120 Portionen. Anfangs haben wir dies als unseren Beitrag zur Bewältigung der Krise gesehen, inzwischen haben uns viele Stammgäste und Freunde angesprochen, und so konnten wir schon über 4000 Euro einsammeln. Diese Spenden wandeln wir in Gutscheine für unser Restaurant um, die wir an die „Helden“ verteilen.

Wie hat sich Ihr Alltag als Familienvater verändert?

Meine zwei Kinder – zum Glück noch im Kindergartenalter – sind nun die dritte Woche mit meiner Frau zu Hause. Bislang hat sie bei uns im Unternehmen mitgeholfen, das ist aktuell natürlich nicht möglich. Freunde treffen auch nicht. Wir haben seit ein paar Wochen einen kleinen Hund, mit dem spielen die Kinder glücklicherweise sehr gerne. Die Wochenenden haben auch was Schönes: Während man sonst immer nur Ausflüge geplant oder Freunde getroffen hat, sitzen wir nun gerne zu Hause und spielen zusammen eine Runde „Uno“ oder kochen zusammen Mittagessen. So kann man schon sagen, dass Corona unsere Familie näher zusammengebracht hat.

Freuen Sie sich, wenn Sie mal wieder nach Hause in die Ortenau fahren können?

Auch wenn ich jetzt schon zehn Jahre in Tschechien lebe, bin ich im Herzen natürlich immer noch Unterharmersbacher Patriot und freue mich jedes Mal, wenn ich zurück ins schöne Harmersbachtal fahren kann und meine Familie und alte Freunde wieder treffe.

Im Moment hoffe ich jedoch, dass alle gesund bleiben und ihnen nix passiert und dass diese Krise durch die getroffenen Maßnahmen schnell vorbeigeht. Solange das so ist, kann ich schon damit leben, die neuesten Dorf-Anekdoten noch einige Zeit von meinem Vater durchs Telefon zu erfahren.
 

Zur Person

Sebastian Wagner

Sebastian Wagner ist 34 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder (Marie, 4, und Maximilian, 5). Nach dem Abitur am Offenburger Grimmelshausengymnasium studierte er in Karlsruhe Wirtschaftsingenieurwesen. Seit 2009 lebt er in Brünn in Tschechien. Bis 2016 war er als Geschäftsführer für drei Werke eines Automobilzulieferers verantwortlich (500 Mitarbeiter, 80 Millionen Euro Umsatz). 2016 machte er sich selbstständig­ und gründete die Winning Group, deren Schwerpunkt in der Baubranche liegt. Auch eine Personalagentur, ein Sicherheitsdienst und ein Restaurant gehören zur Gruppe. Aus anfangs null Mitarbeitern sind inzwischen über 300 geworden. Der Jahresumsatz der Winning Group ­beträgt über 50 Millionen Euro.

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