Neffe des Verunfallten übt Kritik

Senior knallt in Offenburg gegen Scheibe: Wer hat Schuld?

Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
21. September 2020

Die Bushaltestelle Schellenberggasse in Rammersweier: Hier hat sich im August 2019 ein 91-Jähriger schwer verletzt, nachdem er gegen die Glasscheibe geprallt war. Der Schriftzug „Einfach mobil“, der auf dem unteren Foto zu sehen ist, war damals noch nicht an der Scheibe angebracht. ©Florian Pflüger

Ein über 90-Jähriger Offenburger hat sich an der Glasscheibe einer Bushaltestelle schwer verletzt. Sein Neffe kritisiert nun, dass sich keiner verantwortlich fühlt. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Hier sind die Hintergründe.

Der Vorfall ist schon mehr als ein Jahr her, und doch beschäftigt er Michael Litterst noch immer: Es war der Abend des 14. August 2019, als sein Onkel, ein „Ur-Offenburger“, damals 91 Jahre alt, nach dem Besuch einer langjährigen Bekannten mit dem Bus aus Rammersweier zurück in seine Wohnung in der Offenburger Oststadt fahren wollte. Als der betagte Herr gegen 18 Uhr an der Haltestelle „Schellenberggasse“ ankam, warf er noch einmal einen Blick auf den Busfahrplan, um dann auf der Bank im Buswartehäuschen Platz zu nehmen. Was dann passierte, schildert Michael Litterst so: „Er wandte sich nach links und prallte unverhofft gegen die Seitenscheibe, die er nicht wahrgenommen hatte.“ 

Keine Beschriftung

Denn auf der etwa zwei Meter hohen und knapp 1,30 Meter breiten Scheibe hätten sich zum damaligen Zeitpunkt keine Beschriftungen, Aufkleber oder Ähnliches befunden, was die Wahrnehmbarkeit erhöhen könnte, „wie man es zum Beispiel auf großen Scheiben zum Vogelschutz kennt“.

Durch den Aufprall habe sein Onkel zunächst eine Oberschenkelhalsfraktur erlitten. Was folgte, seien Aufenthalte in der Notaufnahme, auf der Intensivstation, in mehreren Abteilungen der Offenburger Klinik und eine Reha-Maßnahme gewesen, die bis Anfang Oktober dauerte. Sein Überleben sei in der Anfangszeit der Behandlung „alles andere als sicher“ gewesen, blickt Litterst zurück.

Schlaganfall als Folge?

In der Klinik sei auch festgestellt worden, dass sein Onkel einen Schlaganfall erlitten habe. Seitdem sei der Mann, der bis zum Unfall noch weitestgehend selbstständig in seinem Elternhaus gewohnt hatte, ein Pflegefall. Aus Sicht von Michael Litterst war der Schlaganfall die Folge des Unfalls.

Das habe die zuständige Versicherung der Stadt Offenburg, die zunächst mit dem Fall betraut gewesen sei, anders gesehen. Ohnhehin bezeichnet Litterst den von der Versicherung angebotenen Betrag als „Minimalangebot“, es handle sich um eine vierstellige Summe. Er merkt an: „Wir haben allein für die Auflösung der Wohnung im vierten Stock 4000 Euro bezahlt.“ 

Was ihn aber am meisten ärgert, ist, dass sich aus seiner Sicht niemand so richtig zuständig fühlt: Nachdem er im September 2019 die Offenburger Stadtverwaltung schriflich in Kenntnis gesetzt habe, habe er mehrfach nachhaken müssen, bis er eine Antwort bekommen habe: Er solle sich an die Versicherung wenden. Und es ging offensichtlich nur um die Frage des Schadensersatzes – dabei habe er eigentlich eine andere Frage angestoßen: nämlich die, ob das Wartehäuschen ohne jegliche Markierung allen baurechtlichen Anforderungen entspreche. Und auf diese Frage habe er immer noch keine Antwort bekommen.  

- Anzeige -

Zwar sei er darüber informiert worden, dass die Scheibe noch einmal in Augenschein genommen und inzwischen beklebt wurde. Auch sei ihm von der Versicherung mitgeteilt worden, dass ein Konzessionsnehmer, nämlich die in Konstanz ansässige Schwarz Außenwerbung GmbH, für die Unterhaltung des Wartehäuschens zuständig sei. 

Von der Firma selbst habe er nie etwas gehört, berichtet Litterst. Inzwischen befasse sich jedoch deren Versicherung mit dem Fall, nachdem die Verantwortung in der Versicherungsfrage offenbar weitergegeben wurde. Noch warte er auf ein Angebot bezüglich Schadensersatz.

„Niemand kümmert sich“

Litterst kritisiert vor allemm im Bezug auf das Verhalten der Offenburger Stadtverwaltung, „dass sich niemand kümmert und eine Postkarte schickt oder so“. Stattdessen werde es abgeschoben. „Da fehlt es irgendwo am Zwischenmenschlichen.“

Er habe am 15. Januar nachträglich bei der Polizei Anzeige gegen Unbekannt wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung erstattet. Der Fall liege nun bei der Staatsanwaltschaft. Dies sei „die einzige Möglichkeit“, eine rechtliche Bewertung zu bekommen. 

Senior wird betreut

Die Staatsanwaltschaft Offenburg bestätigt auf OT-Anfrage, dass ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung gegen den Verantwortlichen des für die Unterhaltung und werbliche Nutzung des Wartehäuschens zuständigen privaten Unternehmens eingeleitet wurde. Es bestehe der Verdacht, „dass die seitliche Glasscheibe des Unterstands infolge Außerachtlassung der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt nicht hinreichend markiert wurde, wodurch es zu den Verletzungen beim Geschädigten kam“, so Kai Stoffregen, Presse­sprecher der Staatsanwaltschaft Offenburg. In den kommenden Wochen sei mit einem Abschluss der Ermittlungen zu rechnen. Das Unternehmen äußerte sich auf Anfrage nicht zu dem Vorfall.

Was sich Michael Litterst nun wünscht? Vor allem erhoffe er sich „eine neutrale Betrachtungsweise“ vonseiten der Behörden. Sein Onkel lebe nun übrigens „bei einer Person, die ihn von früher kennt“ und die ihn nun betreue, berichtet Litterst. 

Hintergrund

Das sagt die Stadt

Die Offenburger Stadtverwaltung bittet auf OT-Anfrage um Verständnis, dass während des laufenden Verfahrens keine Äußerungen zum konkreten Fall getätigt werden könnten. Allerdings erläutert Rathaussprecher Florian Würth die Zuständigkeiten und rechtlichen Umstände.
Grundsätzlich sei die jeweilige Stadt beziehungsweise Gemeinde für den Unterhalt von Fahrgast­unterständen zuständig. Die Technischen Betriebe Offenburg (TBO) hätten einem Konzessionsnehmer das alleinige Recht und die Pflicht zu Betrieb, Unterhaltung und werblicher Nutzung von Fahrgastunterständen übertragen. Beim Konzessionsnehmer handelt es sich um die Schwarz Außenwerbung GmbH aus Konstanz.
Aufgrund der Niederschwelligkeit bestehe für Buswartehäuschen „regelmäßig keine Baugenehmigungspflicht“, stellt Würth mit Verweis auf die Landesbauordnung (LBO) fest. „Die Einhaltung der öffentlich-rechtlichen Vorschriften obliegt hier primär dem Bauherrn.“ Und weiter: „Maßliche Anforderungen an die visuellen Hinweise sind bauaufsichtlich über die allgemeinen Anforderungen nicht konkretisiert, es wird jedoch eine Anbringung von visuellen Hinweisen auf Augenhöhe eines Erwachsenen und eines Rollstuhlfahrers für zweckmäßig erachtet, um die Grundanforderungen sicherzustellen.“

103 Buswartehäuschen

Im Stadtgebiet gibt es laut Würth 103 Buswartehäuschen mit Glasscheiben. In der Regel beklebe der Konzessionsnehmer diese Scheiben. Der „Einfach-mobil“-Aufkleber an der Bushaltestelle „Schellenberggasse“ in Rammersweier sei aber „ausnahmsweise aus zeitlichen Gründen“ in diesem Fall von den TBO angebracht worden.
Auf die Frage, ob es ein Versäumnis des Konzessionsnehmers oder der Stadt ist, wenn eine Bushaltestelle – wie in diesem Fall – nicht beklebt worden ist, heißt es vonseiten der Stadt Offenburg: „Da verschiedene Regelungen denkbar sind, gibt es keine allgemeingültige Antwort hierauf.“ Weitere Vorfälle dieser Art seien den TBO übrigens nicht bekannt.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Offenburg

vor 1 Stunde
Dank an Spender und Helfer
Weil sie sich um ihre Mitmenschen verdient gemacht haben sind in der jüngsten Sitzung des Windschläger Ortschaftsrats acht Blutspender geehrt worden. Bereits 75-faches Blutspenden wurde besonders gewürdigt.
vor 2 Stunden
"Offenburger Chaosgirls" haben teilgenommen
Die „Offenburger Chaosgirls“ holten für den DRK Ortsverein beim Landeswettbewerb Jugendrotkreuz den ersten Platz. Wegen Corona fand die Meisterschaft unter etwas anderen Bedingungen statt.
vor 4 Stunden
Serie "Stille Helfer": Ursula Birr aus Nordrach
„Die stillen Helfer“ (32): Eine Serie im Offenburger Tageblatt über Menschen, die sich weit übers übliche Maß für andere einsetzen und dabei gerne im Hintergrund bleiben möchten. Heute: Ursula Birr aus Nordrach, die eine Frau der Tat ist, wenn es ums Helfen geht.
vor 4 Stunden
Kreativsitzung
Die Jugendabteilung des Musikvereins Windschläg hatte die musikalische Zwangspause nicht ungenutzt verstreichen lassen. Nach Wochen und Monaten ohne die Möglichkeit gemeinsam in der Jugendkapelle musizieren zu können haben sich die Jugendleiterinnen Isabell Koch und Stefanie Knapp Anfang August...
vor 12 Stunden
Neuried - Ichenheim
Das Naturschutzgeniet Salmengrund soll ökologisch aufgewertet werden – vielen Ichenheimer Ortschaftsräten ist aber die maschinelle Bearbeitung lieber als die Büffel. Weitere Termine sind notwendig.
vor 12 Stunden
Interessante Erkenntnisse zur Corona-Zeit
Was macht die Corona-Pandemie mit den Frauen? Dieser Frage ist das Netzwerk „Frauen und Beruf“ in einer Online-Veranstaltung nachgegangen. Am Donnerstag wurden die Ergebnisse in Offenburg präsentiert.
vor 13 Stunden
Neue Corona-Verordnung
Restaurants und Bars in Offenburg müssen seit Samstag ihre Gäste wegen des Coronavirus um 23 Uhr nach Hause schicken. Ein Bar-Besitzer stöhnt: „Wir haben uns rangekämpft – und jetzt das!“
vor 14 Stunden
Kriege überstanden und Corona hoffentlich auch
Mit einem abwechslungsreichen Programm für jedes Alter gastiert der traditionsreiche 1824 gegründete Familiencircus ­Manuel Weisheit aus Neustadt an der Weinstraße noch bis zum Sonntag 1. November in Offenburg. 
vor 14 Stunden
Offenburg
Ein kleiner Igel verdankt aufmerksamen Anwohnern womöglich sein Leben: Das Tier war in der Offenburger Grabenallee in einem Loch eingeklemmt und musste von der Feuerwehr befreit werden.
vor 15 Stunden
Offenburg
Gleich zwei Frauen haben am Montag in Offenburg Anzeige gegen einen noch unbekannten Mann erstattet, der sich vor ihnen entblößt haben soll. Eine der Frauen habe der Mann verfolgt.
vor 17 Stunden
Neuried - Altenheim
Der Ortschaftsrat Altenheim sperrt mit Mehrheit einen Baggersee und erklärt ihn zur Ruhezone. Damit will man den starken Freizeitdruck von der Natur nehmen. 
vor 17 Stunden
Freigabe Laubenweg fürs Baugebiet "Unteres Ahfeld"
Mit der Freigabe des „Laubenwegs“ wurde das innerörtliche Baugebiet „Unteres Ahfeld“ seiner Bestimmung übergeben. Am Ortsrand ist Platz für elf Bauwillige.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Bei Möbel Seifert in Achern werden fünf Jahre lang Serviceleistungen bei Polstermöbeln garantiert.
    21.10.2020
    Große Herbstaktion bei Möbel Seifert: 5 Jahre Service für neue Polstermöbel
    Möbel Seifert in Achern ist dafür bekannt, dass Angebot und Service ständig optimiert werden. Nach der Sortimentserweiterung um die HOME-Kollektionen werden aktuell bis zum 14. November Herbst-Aktionswochen geboten. Sie beinhalten Sparpreis-Angebote in allen Sortimenten sowie Serviceleistungen bei...
  • Das Team der Postbank Finanzberatung und der Postbank Immobilien Ortenaukreis.
    20.10.2020
    Das Postbank Immobilien Team Ortenaukreis bietet Kompetenz rund um die eigenen vier Wände
    Ein neuer Job in einer anderen Stadt oder unerwarteter Nachwuchs - Gründe, die eigene Immobilie zu verkaufen oder sich eine Neue zu suchen, gibt es viele. Um die Ausschau nach geeigneten Interessenten oder Angeboten schneller voranzutreiben, ist es ratsam, auf die Unterstützung von Profis zu zählen...
  • Petra Brosemer ist Immobilienfachwirtin und Inhaberin von Brosemer Immobilien in Zell am Harmersbach.
    16.10.2020
    Fair, transparent und ehrlich: Brosemer Immobilien vermittelt Werte
    Wenn ein Haus oder eine Wohnung die Eigentümer wechseln, dann ist das sehr viel mehr als nur ein Gang zum Notar. Eine Immobilie zu vermitteln heißt auch immer, zwischen Menschen zu vermitteln. „Wir können beides“, sagt Petra Brosemer, Immobilienfachwirtin und Inhaberin von Brosemer Immobilien in...
  • Die App heyObi bietet viele Vorteile für die Kunden.
    12.10.2020
    Herunterladen und 10 % Rabatt kassieren – nur im Oktober / 7 Obi-Märkte in der Region sind dabei
    Die kostenlose heyObi-App ist der digitale Begleiter im Alltag und bietet Inspiration sowie zahlreiche Tipps und Tricks rund um Haus und Garten. Registrierte Nutzer der App genießen weitere attraktive Angebote, wie zum Beispiel die digitale Beratung von Fachberatern, zielgerichtete Navigation in...