Serie: Corona - ein Jahr Ausnahmezustand

So schwer hat das Corona-Jahr Zell am Harmersbach getroffen

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08. April 2021
Günter Pfundstein (53, parteilos), Bürgermeister von Zell a.  H., hier im Rathaus-Neubau: „Wir wollen viel zu perfekt sein.“

Günter Pfundstein (53, parteilos), Bürgermeister von Zell a.  H., hier im Rathaus-Neubau: „Wir wollen viel zu perfekt sein.“ ©Christian Wagner

Was war für Sie als ­Gemeindeoberhaupt der schwierigste Moment in der Pandemie?

Das war sicher zu Beginn die Ungewissheit, was auf einen zukommt und wie lange die Pandemie dauern würde. Zum Jahreswechsel hat uns dann der Ausbruch im St. Gallus-Heim stark gefordert – auch emotional. Obwohl das Pflegepersonal alles dafür getan hatte, das Virus draußen zu halten, konnte nicht verhindert werden, dass es passiert.

Was hat Sie privat am meisten bewegt?

Der direkte Kontakt mit dem Virus! Eine Woche vor Ostern 2020 wurden meine Tochter und meine Frau positiv getestet. Meine Frau hat es ziemlich stark erwischt, vergleichbar mit einer schweren Virus-Grippe. Gott sei Dank war sie nach drei, vier Wochen wieder gesund. Ich selbst war symptomfrei und hatte einen negativen PCR-Test. Ich wollte aber Gewissheit und habe zweimal im Mai, dann im Oktober und jetzt im Februar Bluttests machen lassen, in denen jeweils Antikörper nachgewiesen wurden. Aus dieser Erfahrung heraus glaube ich, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt, und ich plädiere daher für entsprechende Bluttests, etwa bei Blutspenden.

Wie hat das gesellschaftliche Leben in Ihrer Gemeinde gelitten?

Stark natürlich! Das gesellschaftliche Leben wurde quasi auf Null heruntergefahren. Die ganze Vereinsarbeit musste ruhen, es gab keine Veranstaltungen, Einzelhandel und Gastronomie waren geschlossen – das waren für eine kleine Stadt wie Zell, in der das Ehrenamt hochgehalten wird, drastische Auswirkungen.

Welche wirtschaftlichen Folgen hat die Pandemie für Ihre Gemeinde?

Wir haben früh die geplante Kredit­aufnahme im Haushalt 2020 von einer auf vier Millionen Euro hochgesetzt. Das war auch richtig, wie sich im Nachhinein gezeigt hat. Denn wir haben insgesamt rund vier Millionen Euro eingebüßt an Einnahmen, hauptsächlich an Gewerbesteuer, Schlüsselzuweisungen und Einkommensteuer. Das wurde durch Bund und Land etwa zur Hälfte ausgeglichen. Unterm Strich haben wir also ein Minus von rund zwei Millionen Euro.

Welche Pläne für Ihre Gemeinde mussten Sie aufgrund der Pandemie über den Haufen werfen?

Kurzfristig keine. Wir haben eine relativ gute Rücklage, die langfristigen Projekte sind finanziert, Rathaus-Neubau und Rundofen-Sanierung laufen. Auch der Gemeinderat war mit uns der Meinung, dass wir jetzt nicht noch zusätzlich bremsen dürfen. Mittelfristig wird sich die Corona-Delle wohl bemerkbar machen. Im besten Fall wird es nicht schlechter als 2020, durch die Länge des Lockdowns kann man das aber noch nicht genau abschätzen. Im laufenden Haushalt sind wir dran zu sparen, wo es geht, um künftig noch investieren zu können.

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Was nehmen Sie Positives aus den Pandemie-Monaten mit?

Wie wichtig beispielsweise eine Verwaltung auf örtlicher Ebene ist und wie man sich auf die Mannschaft im Rathaus in solch schwierigen Zeiten verlassen kann. Alle haben mitgezogen, es gab kaum Ausfälle, im Gegenteil: Wir hatten einen Krankenstand, der eher niedriger war. Der Gemeinderat hat super gearbeitet, und auch in der Verwaltungsgemeinschaft mit meinen Kollegen im Harmersbachtal haben wir uns immer gut abgestimmt. Stark fand ich auch die Sammelbestellungen bei der Gastronomie oder die ehrenamtlichen Einkaufshelfer.

Was macht Ihnen Hoffnung auf Normalität?

Wie bei so vielen: Dass es jetzt endlich bei der Impfung funktioniert! Hoffnung auf schnelle Herdenimmunität macht mir auch die nicht zu unterschätzende Anzahl der Genesenen, zu denen ich ja auch zähle. Sie haben bereits Antikörper gebildet und sozusagen auf natürlichem Weg das Immunsystem gestärkt, was man durch die Impfung ja erst erreichen will. Klar ist: Wir werden mit dem Virus leben müssen, aber ich denke, die Angst davor ist zurückgegangen.

Was war Ihr schönstes Ausflugsziel in der Pandemiezeit?

Viel Urlaub gibt es ja generell nicht in dem Job. Im Sommer haben wir einen kurzen Jahresurlaub in der Pfalz verbracht, die Weinstraße erkundet und gute Freunde besucht. Das war sehr schön.

Welchen Appell würden Sie an die große Politik richten?

Weniger Bürokratie, mehr Pragmatismus, schnellere Entscheidungen! Ich habe kürzlich gelesen, Deutschland kann keine Pandemie. Das stimmt insofern, als dass wir schon ein Jahr damit beschäftigt sind und wir zu sehr den Fehler machen, in die üblichen Strukturen zu verfallen. Um eine Pandemie zu bewältigen, muss man schnell entscheiden und handeln und Vorschriften vielleicht auch mal links liegen lassen, um zum Ziel zu kommen. Wir hingegen wollen immer viel zu perfekt sein. Stattdessen sollten wir einfach mal machen und loslegen – und gegebenenfalls nachsteuern, falls es erforderlich ist. Das ist mein Appell an die große Politik.

Wenn man in 20 Jahren auf die Pandemie zurückblickt, was wird man sagen?

Es war eine bewegende Zeit, die man insgesamt wie bei früheren Pandemien auch gut meistern konnte. Ich hoffe, dass man rückblickend auch positive Dinge sieht und vielleicht sagt: Das war auch eine Chance, Dinge in einer Geschwindigkeit zu verändern, wie man es sonst vielleicht nicht getan hätte.

Hintergrund

Wie bewerten Sie das Corona-Management...

...des Kreises?

Ich würde sagen, ganz gut. Was ich mir manchmal mehr gewünscht hätte, wäre bessere Kommunikation und Abstimmung auf Kreisebene mit den Kommunen zusammen. Aber das ist natürlich schwierig in so einer Krisensituation, weil auch dort schnelles Handeln erforderlich war. Das Gesundheitsamt, das unterbesetzt war, musste aufgebaut und verändert werden. Ich glaube, der Kreis hatte da auch viel mit sich selbst zu tun – wie wir Kommunen ja letzten Endes auch. Aber unter dem Strich war das Krisenmanagement des Kreises ganz in Ordnung.

...des Landes?

Je weiter wir hochkommen in die große Politik, desto größer ist wahrscheinlich auch die Kritik. Es gibt ja diese Ministerpräsidentenkonferenz mit der Kanzlerin, die jetzt glaube ich zum 20. Mal stattgefunden hat. Eine Woche später werden dann in der Regel die Landesverordnungen in Kraft gesetzt. Die kamen meistens am Samstag oder gar Sonntag, und wir sollten sie bis Montag auf kommunaler Ebene umsetzen. Wir wurden schon davor mit Bürger­anfragen bombardiert und waren nur teilweise auskunftsfähig, weil Details noch nicht klar waren. Kurz: Was Kommunikation, Vorbereitungszeit, Unterstützung und Hilfestellung anbetrifft: verbesserungswürdig!

...des Bundes?

Beim Bund fehlt es mir manchmal einfach auch ein Stück weit an Mut und Zuversicht. Ich habe­ bis Anfang dieses Jahres eigentlich fast nur Panikmache und Angstverbreiten wahrgenommen. Es war da auch leider nur wenig konstruktive Kritik möglich. Man wollte sie nicht hören. Das hat sich erst in den vergangenen Wochen etwas verbessert, und ich glaube, offener zu sein, hätte durchaus dazu beigetragen, das eine oder andere besser zu machen. Ein großer Fehler war es, dass man im letzten Sommer diese Reisewelle in aller Herren Länder zugelassen hat. Das war die Ursache dafür, dass die zweite Welle so früh kam – dass eine kommt, war klar.

...der EU?

Die EU ist dann am Schluss die letzte in dieser Kette. Vielleicht gibt es da manche Kritik zu Unrecht, weil man die Details im Einzelnen nicht kennt. Die Mitgliedsländer wie Deutschland oder Frankreich verstecken sich natürlich auch gerne hinter der EU. Was aber definitiv falsch gelaufen ist, ist das Thema mit der Impfstoffbestellung. Ich will gar nicht von Impfstoffstrategie reden ... Da war man sicherlich zu vorsichtig. Und das Ergebnis sieht man jetzt, dass da einfach zu wenig ankommt und andere Länder außerhalb von Europa deutlich schneller und besser unterwegs sind.

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