Offenburg

Tabak prägt das Ried noch immer

Autor: 
Dieter Fink
Lesezeit 4 Minuten
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07. September 2010
Foto: Dieter Fink - Alex Kopf und die Vorsitzende des Landfrauenvereins, Gerda Roth, und vor ihnen Tabakanstecherinnen.

Foto: Dieter Fink - Alex Kopf und die Vorsitzende des Landfrauenvereins, Gerda Roth, und vor ihnen Tabakanstecherinnen.

Mit über 100 Besuchern war die Veranstaltung »Tabakanbau im Ried gestern und heute« erfolgreich.
Neuried-Ichenheim (df). Ein voller Erfolg war am Freitagabend die Veranstaltung über den »Tabakanbau im Ried gestern und heute«, zu dem die Landfrauen und der Tabakbauverein Ichenheim in den Tabakschopf von Karl Rauch in der Rheinstraße eingeladen hatten. Der Vorsitzende des Landesverbandes Baden-Württembergischer Tabakpflanze, Alex Kopf, begrüßte hierzu über 100 Interessierte aus Neuried, Hohberg, Berghaupten, Meißenheim, Ohlsbach und Mahlberg. Sogar ein kanadisches Ehepaar war anwesend, das bei der Familie Lacombe zu Gast war. 350 Jahre alt Alex Kopf verstand es glänzend in seiner humorvollen Art, den Besuchern die über 350-jährige Geschichte des Kulturgutes Tabak in der Region näherzubringen. Leo Siegenführ begleitete das Singen beim Tabakanstechen mit der Nadel wie früher, und es gab wie damals Speckbrote, Käse und Schleckfladen und Wiener Würstchen, Kaffee und Kuchen von den Landfrauen serviert, und man unterhielt sich glänzend. Außerdem war Claus Nückles vom Fachgeschäft Zigarren Baumert aus Kehl mit seiner Kollektion Ortenauzigarren, in der ausschließlich Geudertheimer Tabake aus Ichenheim verwendet werden. Er meinte, das Kulturgut Tabak sei es wert, erhalten zu werden, denn es präge wie der Wein die Ortenau. Alex Kopf sagte, dass in der Oberrheinebene erstmals 1620 Tabak von einem Kaufmann in Straßburg angebaut wurde. Freiherr Carl Ludwig von Lotzbeck gründete 1774 die erste und größte Schnupftabakfabrik. Boden und Klima des Rieds eignen sich hervorragend für den Tabakanbau. Um 1850 stieg die Nachfrage nach »Tobak«, was zur Erweiterung des Anbaues führte. Die oberbadische Tabakmetropole in Lahr eröffnete schon 1840 eine Zigarrenfabrik in Lahr. 1892 wurde von der Badischen Tabakmanufaktur Rothändle die Südwestdeutsche Zigarettenfabrik gegründet. Ab etwa 1890 verdrängte der Tabak dank der besseren Rentabilität den Hanfanbau. Kurz vor 1900 entstand in Ichenheim die erste Zigarrenfabrik ins Ebbes in der Ringstraße. Der Tabak prägte durch Tabakschopfe und Fachwerk das Aussehen der Rieddörfer. Tabak war nach dem Zweiten Weltkrieg die beste Währung, für die man alles bekam. So berichtete ihm Leo Siegenführ, dass er mit dem »Krummen Doni« 1948 kurz vor der Währungsreform nach Trossingen fuhr und für Tabak drei Handorgeln bekam, mit einer davon, gestaltete er diesen Abend mit. Alex Kopf, der seine Ausführungen mit Anekdoten würzte, meinte, dass damals an fast jedem Haus Tabak gepflanzt wurde. Nach der Währungsreform 1948 nahmen fast alle Zigarrenfabriken in Ichenheim die Produktion wieder auf. Auf dem Höhepunkt waren es 13, die etwa 200 Personen Arbeit gaben. Hier wurde viel gesungen und erzählt, und die Fabrik war so was wie das Amtsblatt. Auch die Rothändle in Lahr erweiterte, und in Ichenheim wurde die Sorte Geudertheimer angebaut. Tabakgeld war neben Milchgeld die wichtigste Einnahme der Bauern. Der Tabak bestimmte das Leben im Dorf und die Arbeit auf Höfen und brachte einen gewissen Wohlstand, den man den die Dörfern ansah. Teils schon vor dem Krieg lösten Maschinen zum Tabakanstechen das Anstechen von Hand ab. Die Böttler-Maschine aus Kürzell war ein Begriff. Die ersten Schlepper und Setzmaschinen kamen. Einen großen Wandel gab es 1960 durch die Blauschimmelkatastrophe, bei der fast alle Bestände vernichtet wurden. Tabak wurde allmählich von vielen nur noch im Nebenerwerb angebaut. 1970 kam die EU-Marktordnung mit Vertragsanbau und Prämienzahlungen. In den 80er Jahren wurden die Anbauflächen ausgeweitet, Ende der 80er Jahre begann der Virgin-Anbau. Die 90er Jahren waren von Quotenregelung Schwimmender Pflanzenanzucht ein besonders arbeitssparendes Verfahren, und mit dem Beginn des Einsatzes von ausländischen Saisonarbeitskräften geprägt. Neuried ist seit Jahren die größte Tabakanbaugemeinde Deutschlands. Nachdem 2010 die EU-Marktordnung ausläuft, kämpft man auf dem freien Markt um den Erhalt des Anbaues. Virgin und Geudertheimer finden neuerdings Abnehmer in Ägypten, wo er in der Wasserpfeife geraucht wird.

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