Gedenken an Opfer der NS-Diktatur

Über 500 Schüler putzten 120 Stolpersteine in der Stadt

Autor: 
Leoni Schmidt-Enke
Lesezeit 3 Minuten
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09. November 2018
Hunderte von Schülern versammelten sich gestern Vormittag auf dem Fischmarkt. Nach der Ansprache von Oberbürgermeisterin Edith Schreiner zogen sie los, um die Stolpersteine in der Innenstadt zu reinigen.

Hunderte von Schülern versammelten sich gestern Vormittag auf dem Fischmarkt. Nach der Ansprache von Oberbürgermeisterin Edith Schreiner zogen sie los, um die Stolpersteine in der Innenstadt zu reinigen. ©Ulrich Marx

Über 500 Schülerinnen und Schüler putzten gestern Stolpersteine. Diese erinnern an die Opfer der NS-Diktatur. Vielen Jugendlichen ist es wichtig, die Erinnerung aufrechtzuerhalten – gerade mit dem Blick auf aktuelle Probleme. 

»Gib mir mal den Schwamm!« – Inga Bohnsack kniet auf dem Pflaster in der Hildastraße. Neben ihr sind drei Stolpersteine. Die kleinen Tafeln aus Messing sind stumpf und verstaubt. Zwischen den anderen Pflastersteinen fallen sie kaum auf. Inga und ihre Mitschüler sind heute hergekommen, um sie zu putzen. Kurze Zeit später glänzen die Stolpersteine in der Sonne und sind nicht mehr zu übersehen. Sie erinnern an die Familie Baum – Arnold, Lilly und Hans. Die ganze Familie wurde 1942 deportiert. 

Demütigender Marsch

Vor genau 80 Jahren, in der sogenannten Reichspogromnacht, nahm die Verfolgung der deutschen Juden ihren Anfang. In Offenburg verhafteten Polizei, SA und SS rund 70 jüdische Männer. Nach einem demütigenden Marsch durch die Stadt mussten sie die Deportationswaggons in Richtung des  Konzentrationslagers Dachaus besteigen, wie es die Stadt in ihrer Einladung zu der Aktion beschreibt. »Man muss ein bisschen Angst haben, dass es zu so etwas wie damals kommt. Es gibt gerade sehr rassistische Züge«, meinte gestern die 14-jährige Inga. 

Insgesamt über 500 Schüler und Schülerinnen der neunten Klassen von sechs Offenburger Schulen beteiligten sich an der Putzaktion. Die Schülermitverwaltung organisierte sie mit dem Bündnis »Aufstehen gegen Rassismus«. 

Dunkle Zeiten

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Oberbürgermeisterin Edith Schreiner muss sich bei ihrer Ansprache ein beeindruckendes Bild geboten haben: Alle Teilnehmenden hatten sich auf dem Fischmarkt versammelt und warteten dort auf ihren Einsatz an einem der 120 Stolpersteine in ganz Offenburg. »Wir wollen nicht vergessen, dass es in unserer Stadtgeschichte auch dunkle Zeiten gab«, meinte Schreiner. Sie dankte den Jugendlichen, dass sie sich aktiv in die Erinnerungskultur einbrächten und stellte fest: »Die junge, unbelastete Generation steht für eine bunte und offene Stadt Offenburg.« 

Bisher übersehen

»Ich habe heute schon wirklich viel gelernt«, sagt Nick Günter. Der 14-jährige Schüler des Oken-Gymnasiums hat vor, dieses Schuljahr noch ein Referat über die Reichspogromnacht zu halten. Bisher habe er die Stolpersteine in der Stadt aber immer übersehen. »Wir Jugendlichen haben das nicht so im Kopf, da wir nicht im Mittelpunkt stehen«, meint die 14-jährige Sanja Uhlmann. »Es ist wichtig, dass das wieder ins Gedächtnis gerufen wird.«

»So etwas darf nie wieder in Deutschland passieren«, betont Alexander Haupt. Der 14-Jährige von der Erich-Kästner-Realschule übt allerdings  auch Kritik: »Ein paar werden nur herumstehen und einer putzt«, meint er vor der Aktion. Tatsächlich wirkten manche Grüppchen etwas überbesetzt für ihre Aufgabe. 

In einem Punkt waren sich allerdings alle befragten Jugendlichen einig: Gerade heute seien Themen wie Rassismus und Antisemitismus aktuell. 

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