Zwei Kriege raubten das Geläut

Vor 70 Jahren erhielt Oberharmersbach seine Kirchenglocken

Autor: 
Karl-August Lehmann
Lesezeit 3 Minuten
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16. September 2019

Abschied: Pfarrer Ludwig Tröndle (links) und Mesner Gustav Winterhalter trauern 1942 den aufgeladenen Glocken nach. ©Lehmann-Archiv

Zweimal war der Oberharmersbacher Glockenturm weitgehend verstummt, weil die Kriegsindustrie 1917 und 1942 das wertvolle Metall raubte. Vor 70 Jahren kehrten die ersten Glocken zurück, vier Jahre später hatte der Glockenturm wieder seine volle Besetzung.

Als während des Ersten Weltkrieges erstmals Glocken aus dem Oberharmersbacher Kirchturm geraubt wurden, bewahrte das Alter nur zwei Glocken vor dem Einschmelzen. Beide wurden vom damaligen Großherzoglichen Konservator in das 15. Jahrhundert datiert. Die etwas kleinere mit 67 Zentimetern Durchmesser (»Allerheiligenglocke«) trug in der Inschrift auch eine Jahreszahl: 1482. Die größere mit 69 Zentimeter Durchmesser trug die Namen der vier Evangelisten. Diese datierte man in das erste Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts. Beide sollen vom Straßburger Glockengießer Thomas Jost stammen.

Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt die Gemeinde eine Entschädigung von 4249 Mark, ein Betrag, mit dem ein neues Geläut nicht zu beschaffen war und der zusätzlich wegen der der Inflation ständig an Wert verlor. Eine Haussammlung ermöglichte die Neubeschaffung.

Aus heutiger Sicht unverständlich verkaufte die Gemeinde die beiden historischen Glocken, weil man wohl ein absolut neues und stimmiges Geläut haben wollte. 
Die größere Glocke erwarb die Gemeinde Fischerbach, die andere fand eine neue Bleibe in der Nachbargemeinde Nordrach-Kolonie. Beide läuten bis auf den heutigen Tag. 

1921 wurden die ersten drei Glocken geliefert. Die Augsburger Firma Hamm erhielt dafür im Oktober 1921 320 000 Mark, musste aber drei Glocken neu gießen. Im Januar 1922 war das Geläut komplett. Gerademal 20 Jahre später schlug diesen Glocken im wahrsten Sinne des Wortes ihr letztes Stündlein. Im März 1942 wurden fünf Glocken  abgeseilt, lediglich die kleinste, »Jesusknabe«, durfte im Turm bleiben. Auf dem Glockenfriedhof in Zell wurden sie zwischengelagert, ehe ein Sammeltransport die bronzenen Glaubensboten ihrer Zweckentfremdung in Rüstungsbetrieben zuführte.

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Spendenaktion

Noch schwieriger als nach dem Ersten Weltkrieg gestaltete sich nach 1945 die Wiederbeschaffung. Pfarramt und Gemeinde rannten erfolglos von Pontius zu Pilatus. Erst als eine größere Menge bombenzerstörter Glocken, die in Hamburg lagerten, für den Neuguss freigegeben wurden, konnten die angeschriebenen Gießereien den Wünschen der Oberharmersbacher Gemeinde nachkommen.

Die Firma Grüninger aus Villingen/Neu-Ulm erhielt den Auftrag. Die Gemeinde sträubte sich anfangs gegen die Neuanschaffung von sechs Glocken. Begründet wurde dies mit der »augenblicklich so schwierigen weltpolitischen Lage«. Wiederum lief eine große Spendenaktion an, so kurz nach der Währungsreform keine Selbstverständlichkeit. Pfarrer Ludwig Tröndle und Mesner Gustav Winterhalter hatten in Haussammlungen das Geld für zwei Glocken (»Nikolaus« und »Josef«), aufgebracht, Stubenwirt Wilhelm Schäck stiftete die »Marienglocke« und Eugen Ensslin die »Schutzengelglocke«. An Pfingsten 1949 fand die Glockenweihe statt, 18 000 DM kostete damals das neue Geläut.

Ob das schlechte Gewissen die Gemeinde plagte – es hatte damals keine Entschädigung gegeben –  oder die allmähliche wirtschaftliche Gesundung einen Gesinnungswandel herbeiführte, sei dahingestellt. Knapp vier Jahre später trafen die beiden von der Gemeinde bezahlten Glocken ein (»St. Gallus« und »Dreifaltigkeit«). Stolze 34 655 DM waren zu bezahlen. Jetzt war das Geläut wieder vollständig und Gutachten bescheinigten den nunmehr insgesamt sieben Glocken ein ausgezeichnetes Klangbild. 

Bei jeder Neuanschaffung nahm das Volumen der Kirchenglocken zu. Wogen die vier Glocken, die 1843 mit dem Neubau der Pfarrkirche St. Gallus von der Straßburger Gießerei Edel geliefert worden waren, gerade mal 1294 Kilogramm, so wurden 1877 – eine Glocke war zersprungen und das Geläut musste neu zusammengesetzt werden – schon 2254 Kilogramm im Turm installiert. Nach dem Ersten Weltkrieg wuchs die Bronzemasse mit 5305 Kilogramm auf das Doppelte an. Seit 1953 liegt das Gesamtgewicht bei insgesamt 7518 Kilogramm. 

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