Offenburg

Vortrag gegen das Vergessen

Autor: 
Stefanie Jäger
Lesezeit 3 Minuten
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03. Februar 2012
Ulrich Marx - Eva Mendelsson-Cohn (kleines Foto) sprach in der Theodor-Heuss-Realschule als Zeitzeugin über die Deportation der Juden aus Offenburg. Die Schüler erinnerten mit Karten an die Namen der Opfer.

Ulrich Marx - Eva Mendelsson-Cohn (kleines Foto) sprach in der Theodor-Heuss-Realschule als Zeitzeugin über die Deportation der Juden aus Offenburg. Die Schüler erinnerten mit Karten an die Namen der Opfer.

Unterricht mal anders: Am Mittwoch hat Eva Mendelsson-Cohn als Zeitzeugin vor den neunten Klassen der Theodor-Heuss-Realschule über die Deportation der badischen Juden nach Gurs berichtet. Die 80-Jährige wurde 1940 mit ihrer Mutter und ihrer Schwester ins Lager in Frankreich deportiert.
Offenburg. Als Eva Mendelsson-Cohn am Mittwoch- vormittag die Bühne in der Aula der Theodor-Heuss-Realschule betritt, wird es mucksmäuschenstill. Die Schüler der neunten Klassen lauschen gebannt der Geschichte der 80-Jährigen. 1931 in Gengenbach geboren und in Offenburg aufgewachsen, wurde Mendelsson-Cohn 1940 zusammen mit vielen badischen Juden ins Lager nach Gurs deportiert. »Es ist sehr interessant, so etwas von jemandem zu hören, der selbst betroffen war«, sagt die Schülerin Christiane Groß. So anschaulich sei der Geschichtsunterricht sonst eben nicht.Mendelsson-Cohn ist mit zwei älteren Schwestern in einer bürgerlichen Familie in der Wilhelmstraße in Offenburg aufgewachsen. »Bis zu meinem siebten Lebensjahr habe ich genau wie die anderen Kinder draußen gespielt und gelacht«, erzählt die 80-Jährige, die heute in London wohnt. Doch dann habe sich das Leben der jüdischen Familie radikal geändert: In der »Reichskristallnacht« 1938, als Nationalsozialisten »alles kaputt schlugen, was jüdisch war«, sei ihr Vater früh morgens aus dem Bett geholt und mitgenommen worden. Sechs Wochen später sei er mit geschorenen Haaren und abgemagert zurückgekehrt - über die schlimmen Erlebnisse der Zwischenzeit habe er nie gesprochen. »Er kam nur frei, weil er versprochen hatte, das Land zu verlassen«, so Mendelsson-Cohn. Bald darauf floh er nach England - Frau und Kinder musste er zurücklassen. »Er hatte keine andere Wahl«, sagt sie.Dann kam der Krieg: »Wir durften die normale Schule nicht mehr besuchen, nicht schwimmen gehen und nicht auf Parkbänken sitzen«, erzählt die 80-Jährige. Sie und ihre Schwestern hätten die »Zwangsschule« für jüdische Kinder in Freiburg besuchen müssen. Kurzzeitig sei ihre Mutter mit den Kindern vor den Bomben nach München geflohen. Dort habe sie ihre älteste Tochter Esther, die durch eine Erkrankung teilweise gelähmt war, in einem Kinderheim zurückgelassen. »Die Zugfahrten von Offenburg in die Freiburger Schule waren zu anstrengend für sie«, erklärt Mendelsson-Cohn.Kein Wiedersehen1940 wurde Eva Mendelsson-Cohn gemeinsam mit ihrer Mutter, ihrer Schwester Myriam und vielen weiteren badischen Juden nach Gurs deportiert. Die beiden Schwestern hatten Glück: Sie wurden von der Organisation OSE (Oeuvre de Secours aux Enfants) aus dem Lager gerettet. Ihre Mutter sowie die älteste Schwester haben sie nie wieder gesehen: Die Mutter wurde in Auschwitz ermordet, ihre Schwester Esther von München aus nach Theresienstadt deportiert, wo sie ebenfalls den Tod fand. »Wir lebten dann in einem Kinderheim in Frankreich«, so die Referentin. Später seien sie in einer nebligen Nacht zusammen mit anderen Kindern in die Schweiz geflohen. Auch dort seien sie in einem überfüllten Kinderheim untergekommen. »Nach Kriegsende sind wir zu unserem Vater nach England gezogen.« Dort sei Mendelsson-Cohn zur Schule gegangen und anschließend ins Hotelgewerbe eingestiegen. »Auf der Management-Schule bin ich endlich akzeptiert und wie alle anderen behandelt worden«, erzählt die 80-Jährige, die heute drei Kinder und sieben Enkelkinder hat. Schülerin Luana Esposito hat der Vortrag der »Zeitzeugin« gut gefallen: »Besonders die Schilderung der Geschichte mit Mutter und Schwester war sehr interessant«, findet sie. Außerdem könne sie sich nun besser vorstellen, was wirklich in den Lagern passiert sei

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