Theater im Salmen in Offenburg

Warum der Schauspieler Johannes Suhm vor Antisemitismus warnt

Autor: 
Sandra Biegert
Lesezeit 4 Minuten
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08. November 2019

©Janna Athena Pinsker

Der aus Offenburg stammende Schauspieler Johannes Suhm ist am Sonntag und am Montag in dem Stück „Nicht von hier irgendwo“ im Salmen zu sehen. Darin werden Schicksale von Juden nach dem Holocaust aufgearbeitet – denn mit Kriegsende herrschte für sie noch lange kein Frieden. Suhm erzählt, warum dieses Thema auch heute so wichtig ist.

Das Recherchestück „Nicht von hier irgendwo“, das am Samstag und am Montag vom Theaterkollaborativ „Futur II Konjuntiv“ im Salmen aufgeführt wird, befasst sich mit einem eher unbekannten Thema: Die Situation der Juden in Deutschland in den ersten zehn Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust. „Jeder denkt, mit der Stunde null – dem Kriegsende – sei Frieden eingekehrt. Aber für die Juden gab es noch keinen Frieden“, sagt der aus Offenburg stammende Schauspieler Johannes Suhm. Er wird mit Alexandra Fischer und Friedericke Miller auf der Bühne stehen und das Theaterstück der etwas anderen Art vorstellen. 

„Nicht von hier irgendwo“ spiegelt die ersten Jahre nach dem Holocaust, als sich viele der jüdischen Überlebenden ausgerechnet in Deutschland, meistens in den westlichen Besatzungszonen, wiederfanden. Als „Displaced Persons“ strandeten sie 1945 in sogenannten DP-Camps. Nach Jahren der Verfolgung, Zwangsarbeit oder im Konzentrationslager (KZ) konnten diese Menschen zwar wieder ihr Leben neu entwerfen, waren aber bis auf ihre Erfahrung, Bildung und Kenntnisse völlig mittellos und auch staatenlos. 

„Das Stück ist wie ein Dokumentarfilm“, erklärt Suhm. „Die Kinder von Holocaust-Überlebenden wurden von unserem Regieteam über die Erinnerungen an ihre Eltern und deren Traumata interviewt. Diese Texte werden von uns Schauspielern Wort für Wort zitiert.“ Das ist für Suhm keine Rolle im eigentlichen Sinn. Er schauspielere dabei nicht wirklich, sondern berühre die Geschichte der Menschen. „Ich bin sozusagen ein lebendes Archiv.“

Flut von Erinnerungen

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Das Stück arbeitet nicht nur mit Zitaten, sondern auch mit Archivmaterial, alten Gedichten, Filmen und Kassettenaufnahmen. Es ist laut Suhm fast schon eine Zeitreise durch die Medien. Der Zuschauer soll dabei gezielt mit einer Flut an Erinnerungen überfordert werden. „Das Stück selbst soll wie eine Erinnerung sein: nicht konstant, nicht zusammenhängend, nicht klar, sondern assoziativ“, erklärt Suhm. Die Geschichte wird rückwärts erzählt: Sie beginnt 1955 und endet 1945, bei Kriegsende. 

Das Thema ist für Suhm sehr wichtig. „Nach dem Zweiten Weltkrieg hat zwar eine politische Aufarbeitung von Antisemitismus stattgefunden, aber nicht bei den Bürgern“, sagt er. „Antisemitismus war nie wirklich weg, sogar heute setzt er sich in dem Land fort.“  Dabei denkt er zum Beispiel an einen Fall aus Freiburg, bei dem in der vergangenen Woche einem jungen Juden die Kippa vom Kopf geschlagen wurde. 

„Ich bin hier aufgewachsen, als die Franzosen noch da waren. Und ich bin damit aufgewachsen, dass es so etwas wie den Holocaust niemals wieder geben darf. Unsere Groß- und Urgroßeltern waren dafür wenigstens mitverantwortlich“, sagt Suhm. „Dass wenige Jahre später in diesem Land schon wieder so eine feindliche Stimmung herrscht und Randgruppen gegeneinander ausgespielt werden, ist für mich unfassbar.“ Suhm empfindet die Erinnerung an den Holocaust nicht als etwas, für das er sich schämen müsste. „Wir haben immer noch die Verantwortung.“

Die Stadt Offenburg und der „Arbeitskreis 9. November“ gedenken anlässlich des 81. Jahrestages der Reichspogromnacht mit der Aufführung des Stücks „Nicht von hier irgendwo“ an die NS-Pogrome und deren Folgen. Die Gedenkveranstaltung findet in diesem Jahr aufgrund des jüdischen Ruhetages Sabbat nicht am 9. November statt, wie die Veranstalter mitteilten. 

INFO: Das Recherchestück „Nicht von hier irgendwo“ wird am Samstag um 11 Uhr im Salmen aufgeführt. Es sind nach Angabe des Kulturbüros für diese Vorstellung nur noch ein paar Restplätze verfügbar. Eine weitere Vorstellung, auch für Schulen, findet am Montag, 11. November, um 10 Uhr statt. Hier sind noch massig Plätze frei. Der Eintritt ist für beide Vorstellungen frei. 

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