Zerstörte Kinderseelen

Als Jugendlicher missbraucht: Ein Ortenauer erzählt seine Geschichte

Von Christiane Agüera Oliver
Lesezeit 6 Minuten
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14. November 2023
Damit Missbrauchsopfern in der Ortenau besser geholfen werden kann, sammelt die 28. Benefizaktion "Leser helfen" der Mittelbadischen Pressen bis Weihnachten Spenden für den Verein "Aufschrei", der sich um die Opfer kümmert und in der Prävention tätig ist.

(Bild 1/2) Damit Missbrauchsopfern in der Ortenau besser geholfen werden kann, sammelt die 28. Benefizaktion "Leser helfen" der Mittelbadischen Pressen bis Weihnachten Spenden für den Verein "Aufschrei", der sich um die Opfer kümmert und in der Prävention tätig ist. ©Adobe Stock/Serghei

Benefizaktion "Leser helfen" sammelt für den Verein "Aufschrei". Als Jugendlicher wurde ein Ortenauer mehrfach sexuell missbraucht. Bis heute ist er traumatisiert. Hier ist seine Leidensgeschichte.

"Unfassbar", dieses Wort findet sich immer wieder bei den Ausführungen von Thomas M. (Name von der Redaktion geändert), wenn er davon berichtet, was ihm als Jugendlicher widerfahren ist und wie seine Geschichte bis heute weiterging. Ihm ist es wichtig, sie zu erzählen, um damit, wenn auch anonym, an die Öffentlichkeit zu gehen. Er will darauf aufmerksam machen, wie notwendig "Aufschrei" für ihn und alle Betroffenen ist.

Der Ortenauer Verein gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Erwachsenen steht im Mittelpunkt der Benefizaktion "Leser helfen" der Mittelbadischen Presse und will mit den Spendengeldern seinen immensen Beratungsstau abbauen. "Das ist auch dringend notwendig", betont Thomas M.. "Aufschrei war ein wahnsinniger Rettungsanker, zu einem Zeitpunkt, als es mir wieder relativ schlecht ging." Seit rund zwei Jahren trifft sich Thomas M. mit Fachberater Manuel Tumino in der Beratungsstelle in Offenburg. Dort erzählte er nach und nach seine Geschichte.

In der 7. Klasse

Bereits in der 7. Klasse gab es die ersten sexuellen Übergriffe. Er wurde mehrmals gezwungen, einen Zehntklässler mit der Hand und oral zu befriedigen. Anderthalb Jahre später heiratete seine Mutter einen neuen Mann. Dessen Bruder sei drei oder vier Jahre älter als er gewesen. Die gleiche Befriedigung erzwang sich der neue "Stiefonkel" von dem Jungen. War es zuvor auf der Schultoilette oder irgendwo draußen, auf einem Feld oder unter einer Brücke, fand der Missbrauch nun jedes Mal im Kinderzimmer statt. Es dauerte etwa ein Jahr lang. "Das kam öfter vor, er war ja Familie", berichtet Maier sarkastisch.

Um sich nach diesen Übergriffen zu schützen, trainierte Thomas M. Kampfsport und fühlte sich stark genug, um sich zu wehren. Als Jugendlicher war er unterwegs, ein guter Freund fuhr ihn nachmittags zu einer Veranstaltung und wollte ihn spät abends wieder abholen, kam aber nicht, weil er eine Panne hatte. So wollte er per Anhalter heim fahren. Ein dunkler Mercedes steuerte mit Fernlicht auf ihn zu, hielt direkt neben ihm an, so dass er das Nummernschild nicht erkennen konnte. "Ein Mann zwischen 40 und 50, gut gekleidet und gepflegt. Er machte einen seriösen Eindruck, ich fühlte mich sicher", erinnert er sich.

Als das Auto an einer Ampelkreuzung hielt, spürte er plötzlich eine kalten Widerstand. Der Mann habe ihm einen Revolver an die Schläfe gedrückt und gesagt, er soll ihm einen Platz zeigen, wo sie ungestört seien. "Ich war wie in Schockstarre, wollte eigentlich aus dem Auto springen, hatte aber trotz Selbstverteidigung viel zu große Angst, dass er mich erschießt. Ein Gefühl zwischen völliger Panik und Hilflosigkeit."

Einsamer Parkplatz

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Bei einem Fußballplatz, "da war nachts nichts los", habe ihn der Mann angefasst und sexuell stimuliert. "Ich habe alles über mich ergehen lassen, aus Angst, dass ich nicht lebend herauskomme", erzählt Thomas M.. Wie lange die Vergewaltigung ging, weiß er nicht. "Das Zeitgefühl war völlig weg." "Gefällt es dir?", habe der Mann zwischendurch gefragt und hörte irgendwann aufgehört. Als er ausstieg, habe er sich nicht umdrehen dürfen. "Ich war nicht mehr aufnahmefähig, habe überhaupt kein Empfinden mehr gehabt."

Die Mutter war noch wach. Als sie hörte, was ihrem Sohn widerfahren war, fuhren sie sofort zur Polizeiwache. "Das war mit Abstand das Schlimmste für mich, weil mich der Polizist wie Dreck behandelte." Er sei als Lügner dargestellt worden, nur damit er keinen Ärger wegen des späten Heimkommens kriegen würde. Trotzdem fuhr der Polizist mit dem Jugendlichen nochmal die Strecke ab. Zuhause habe sich Thomas M. vor dem Polizisten nackt ausziehen müssen. "Ich fühlte mich schlecht." Der Polizist packte Jeans und Unterhose ein, nach drei Tagen kam ein Brief von der Staatsanwaltschaft, der Fall sei mangels Beweisen eingestellt. "Man hat mir also nicht geglaubt."

Etwa ein Jahr später stand in der Zeitung ein ähnlicher Fall, diesmal waren es zwei Jugendliche, denen das Gleiche widerfahren sei. Er meldete sich als Zeuge. Nach Wochen sei eine Einladung zur Gerichtsverhandlung gekommen. Plötzlich kannte Thomas M. den Namen des Täters. "Man fällt ins Bodenlose", beschreibt er. Auch am Verhandlungstag sei er "völlig am Ende gewesen". Er hatte Nebenklage erhoben. "Das typische "Blabla" bei der Verhandlung, was der Täter doch für eine schlechte Kindheit hatte. Ich konnte und kann das nicht mehr hören." Das Urteil empfindet er heute noch als lächerlich: zwei Jahre Gefängnis auf drei Jahre Bewährung. "Er hat drei Kinderseelen zerstört und spaziert als freier Mann herum."

Vom Staat enttäuscht

Mit viel Alkohol und körperlichen Auseinandersetzungen lebte Thomas M. sein junges Leben weiter. "Noch nicht einmal mit dem Finger durfte mich jemand berühren, weil ich nicht mehr wollte, dass mich jemand anfasst", erklärt er. Das Rechtssystem würde ihn nicht schützen, deshalb wollte er sich selbst schützen. Er bekam Anzeigen wegen Körperverletzung. "Ich wurde bestraft, weil ich mich gewehrt habe."

Machtlosigkeit, Angstzustände und schwerste Depressionen folgten, Thomas M. wollte sich das Leben nehmen. Um einen Termin bei einem Psychologen oder für eine Therapie zu bekommen lägen die Wartezeiten aber bei anderthalb Jahren. "Das kann zu spät sein." Es ärgert ihn, "dass der Staat nicht seine schützende Hand über die Kinder hebt", und auch dass sich beispielsweise "Aufschrei" selbst mitfinanzieren müsse.

"Leider ist es in unserer Gesellschaft so, dass es immer nur um den Täter geht, was der arme Kerl durchmachen musste", so Thomas M. An die Opfer würde niemand denken, "was der Täter für Leid bringt, ab dem Tag, als es passierte." Inzwischen ist er knapp 50 Jahre alt, das Geschehene mehr als 30 Jahre her. Bis heute leidet Thomas M. unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. "Es hat so viel geprägt, man ist ein anderer Mensch geworden, als man vorher war und der, der man heute sein könnte."

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