Ortenau-Reportage

Am grünen Tisch

Autor: 
Bettina Kühne
Lesezeit 5 Minuten
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19. Februar 2015

©Christoph Breithaupt

15 rote und sechs andersfarbige Kugeln: Snooker als Variante des Billards ist eine alles andere als einfache Angelegenheit. Entsprechend konzentriert wird der »Kugelsport« im Dachgeschoss des DJK-Clubheims Offenburg betrieben.

Das grüne Tuch auf dem Tisch scheint wirklich jedes Geräusch zu dämpfen: Nur der kurze Tipp mit dem Queue an der Kugel ist zu hören, und kurz darauf, wie sie ins Loch kullert. Ansonsten ist es still im Dachgeschoss der Offenburger DJK-Gaststätte (Deutsche Jugendkraft), wo die »Snookersüchtigen« als Abteilung der Sportgemeinschaft ihr Domizil haben. Niemand spricht im Saal, nur wenn neue Spieler kommen, begrüßen sie jeden Anwesenden förmlich mit Handschlag. Und schauen kurz, was Noah Kodri macht. Der Schutterwälder spielt eine einfache Linie. Rote Kugel ins Loch, dann eine farbige. Wieder die rote, die farbige – immer schön abwechselnd und treffsicher wird das sogenannte »Line-up« abgebaut. Der Teenager absolviert ein Einzeltraining im sogenannten »Gesellschaftsraum«, denn er hat Ambitionen: »Ich möchte das gern beruflich machen.« Profis wachsen bisher noch überwiegend anderswo auf der Welt heran: In Großbritannien, Australien oder Asien werden Snookerspieler teilweise gefeiert wie hierzulande Fußballstars. Sie kassieren hohe Start- und Preisgelder und erhalten lukrative Werbeverträge.

Für diesen Traum kommt der 13-Jährige fünf Mal pro Woche ins Vereinsheim zur DJK, um für sich allein mindestens drei Stunden lang zu üben. Darf er, kann er, Mitglieder haben einen Schlüssel. Für ihn könnte dieser gleichzeitig die Tür nach Fürth öffnen, dort will er gern starten. Davor gilt es nun, »Fehler in der Technik« abzustellen und sich zu qualifizieren. Turniererfahrung hat Noah bereits: Bei den U 17 spielte er sich auf Platz zwei, sein gleichaltriger Vereinskollege Max Schindler wurde Landesmeister. Er darf nun zu den Deutschen Jugendmeisterschaften. Also wird an Tagen wie diesem geduldig geschossen, die blaue Kreide aus der Halterung an der linken Hosentasche gezückt, die Spitze des Queues damit abgerieben, und weiter geht es.

Auch wenn die Ehrgeizigen gerne mal alleine trainieren – sobald dienstags andere Spieler dazukommen, gibt es inzwischen wieder genügend Platz für gemeinsame Partien. Der Aufnahmestopp, den der Verein kurzzeitig mal verhängt hatte, ist wieder aufgehoben. »Seit Herbst haben wir einen zweiten Raum und somit vier Tische«, sagt Übungs- und Abteilungsleiter Peter Wagner. Gebrauchte und gut aufgearbeitete aus Großbritannien, ein paar 1000 Euro das Stück – trotzdem. Wagner coacht diejenigen, die mehr erreichen wollen. Selbst war er mehrfach Bezirks- und Landesmeister, in diesem Jahr will er es wieder wissen und wird starten. Inzwischen sind alle Tische belegt. Einige Spieler tragen Brillen mit überdimensionierten Brillengläsern – oben randfrei, versteht sich. Das braucht es für die Millimeterarbeit: Nur so kann man die Kugel aus jeder Position richtig anschauen, Entfernungen, Laufbahnen und Erfolg des Schusses einschätzen.

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Die Mienen sind konzentriert, wenn sich das Gesicht über den Tisch beugt. Die Finger werden gespreizt, das Queue vorsichtig hindurchgeschoben. Der Daumen stützt die Stange. Ein bisschen Anlauf, die Weiße läuft wunschgemäß an die Bande, prallt ab, nimmt Kurs auf Rot, und bugsiert die Kugel ins Loch. Der Spieler richtet sich auf, Zufriedenheit huscht über sein Gesicht. Es ist nur noch ein Schritt zur Anzeigetafel, die an den Dachbalken hängt. Nostalgischer Charme glänzt hinter dem Messing hervor. Der metallene Pfeil wird klappernd ein paar Striche vorgeschoben. 19 zu 4. Später müssen dann die Zehner ganz rechts gesondert angegeben werden. »147 sind die höchst mögliche Serie«, sagt Wagner. Ein sogenanntes »Maximum Break«. Das Spiel kann noch eine Weile dauern. »Im Profibereich kann es über Tage gehen«, meint der Übungsleiter. Ruhe, Geduld und insbesondere Nervenstärke sind neben der richtigen Technik unabdingbare Voraussetzung für den Erfolg.

Ledersessel, Bistrotische, eine Bar – hier können sich diejenigen aufhalten, die zuschauen. Gesprochen wird wenig, das gehört sich nicht. »Es ist Teil der Etikette, dass die Zuschauer nicht stören«, sagt Wagner. Zu reden, mit dem Handy zu fotografieren oder sich gar hinter einem Spieler durchzuquetschen gilt als extrem unfair. Dafür kann man bei Spielen, bei denen es um etwas geht, rausfliegen. Auch in Offenburg werden manchmal Preisgeld-Turniere ausgetragen, oder Tage der offenen Tür veranstaltet. »Die kommen ganz gut an«, freut sich Wagner. Nur eines haben sie noch nicht gebracht: Damen, die sich begeistert dem Snooker-Sport widmen.

Entsprechend zurückhaltend sind diejenigen, die gerade keinen Tisch für sich erobert haben. Und das Spiel auf dem Tisch diskutieren – nein. Grün heißt nicht Fußballfeld. Gepflegt wird das Grün aber auch auf dem Tisch: Das Tuch wird gebürstet, geblockt oder sogar gebügelt. Das gewichtige Bügeleisen-Spezialmodell steht in der Ecke und kann, wenn es aufgeladen ist, vom Strom genommen werden. Dann geht es bahnenweise über den Tisch, immer in gleichmäßigem Tempo, damit nichts anbrennt. Dadurch werden die feinen Härchen wieder in Form gebracht, die Kugeln rollen schneller.

Bei Noah hat sich mittlerweile ein Partner dazugesellt. Jetzt liegt die weiße Kugel für den Schuss hinter einer farbigen. Noah muss aber erst eine rote versenken, bevor er eine der farbigen in Angriff nehmen darf, die auch wirklich Punkte bringen. Schwierig. »Man muss strategisch denken und zwei, drei Stöße vorplanen, ähnlich wie beim Schach«, sagt Wagner. Von welcher Seite auch immer Noah es  probieren wird, er wird wohl verschießen. Die Situation ist verzwickt – das Wissen um die richtige Balltechnik hin oder her. Aber: Er ist dran. Schließlich holt er sich Hilfe: die »Dame«, ein Gestänge zur Stütze des Queues inmitten des Spielfelds. Durch den Schuss wird die Kugel wieder frei. Gut – aber nur für seinen Spielpartner, der den Youngster nun ganz allmählich in die Zange nehmen kann. Snookern eben, ihm eine lange Nase machen, wie der englische Begriff es sagt. Sei’s drum, gewinnen ist ein andermal wieder drin. Und das mit Fürth wird auch klappen, da drücken die Kollegen schon die Daumen.

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