Mutmaßlicher Täter macht keine Angaben zur Tat

Angeklagter im Arztmord-Prozess: "Bin unschuldig in Haft"

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31. Januar 2019
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Der Angeklagte Idiris A. (Mitte) muss sich seit gestern vor dem Landgericht verantworten. Neben ihm sitzen seine Anwälte Joachim Lederle (links) und Marc Kutschera. ©Ulrich Marx

Der Prozess gegen den 27-jährigen Somalier, dem vorgeworfen wird, im August 2018 einen Offenburger Hausarzt ermordet zu haben, hat am Mittwoch vor dem Offenburger Landgericht begonnen. Der Angeklagte beteuerte seine Unschuld und machte ansonsten keine Angaben zur Tat. 

Die Beweise, die die Polizei zusammengetragen hat, sprechen gegen den Angeklagten Idiris A. »Sie hatten von der Tat eine Verletzung an der Hand, die Blutspuren bis zu ihrer Wohnung gebildet hat. Sie hatten Blutspuren vom ermordeten Hausarzt an den Händen und an den Schuhen«, sagte der Vorsitzende Richter Heinz Walter am Mittwoch. Der Zuschauerraum im Verhandlungssaal des Landgerichts war voll besetzt. Neben zahlreichen Medienvertretern waren auch viele ehemalige Patienten des Hausarztes gekommen, um den ersten Prozesstag zu verfolgen.   

20 Mal zugestochen

Mindestens 20 Mal soll der Angeklagte, der bei der Anklageverlesung äußerlich unbewegt blieb, laut Staatsanwalt Kai Stoffregen auf den Arzt eingestochen haben. Dabei seien beide Halsschlagadern und die Luftröhre eröffnet worden. »Der Geschädigte starb unmittelbar nach der Tat«, erläuterte Stoffregen. Der Arzt habe sich zum Tatzeitpunkt in einem Beratungsgespräch befunden und sei arglos gewesen. Aufgrund der Heimtücke der Tat will die Staatsanwaltschaft, dass der Somalier wegen Mordes verurteilt wird. 

Das Prozedere bei einem Prozess sieht vor, dass der Angeklagte sich nach Anklageverlesung zur Tat äußern kann. Das gestaltete sich in diesem Fall aber schwierig. A., für den ein Dolmetscher den Prozessverlauf übersetzte, schien zunächst nicht zu verstehen, was Walter von ihm wollte. »Es gibt wenige Menschen im Saal, denen begreiflich ist, warum er getötet wurde. Vielleicht wissen sie es «, versuchte der erfahrene Richter es. Erst nach einem weiteren Anlauf sagte der 27-Jährige: »Ich bin unschuldig in Haft.« Diese Behauptung wiederholte er noch mehrfach während der Verhandlung. Zumindest nach außen hin schien er auch nicht das Ausmaß der Vorwürfe zu verstehen. »Für mich ist nur wichtig, dass ich nach diesem Problem in meine Heimat zurückkehre. Ich muss erst mal raus aus dem Gefängnis«, sagt er zum Vorsitzenden Richter. Warum er hier sei, wisse er nicht.

Rache für Behandlung

Die Staatsanwaltschaft sieht Anhaltspunkte für eine psychische Erkrankung des Angeklagten. Deshalb soll auch die Schuldfähigkeit des 2015 nach Deutschland gekommenen Flüchtlings überprüft werden. »Er wollte den Arzt töten, um sich für eine falsche Behandlung zu rächen«, führte Stoffregen aus. Der Somalier soll davon ausgegangen sein, dass der Arzt ihn bei einer Blutentnahme vergiftet hat. A. sei 2016 vier- oder fünfmal bei dem Hausarzt unter anderem wegen Magenproblemen in Behandlung gewesen. 

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Der Somalier kam laut dem Polizisten Michael Albrecht, der die Ermittlungen geleitet hat, 2015 nach Deutschland und habe zuletzt in der Offenburger Flüchtlingsunterkunft am Sägeteich gewohnt. Mitbewohner dort beschrieben ihn nach Angaben des Polizisten als »zurückgezogen und ohne soziale Kontakte«. 

Ein tüchtiger Arbeiter

Es gibt aber offensichtlich auch Menschen, die ihn anders erlebt haben. Einige Monate war er bei einem Offenburger Unternehmen angestellt. »Er war zunächst ein tüchtiger Arbeiter. Das hat sich aber mit der Zeit geändert«, schilderte der Kriminalhauptkommisar die Entwicklung. A. habe immer wieder von imaginären Personen berichtet, die ihn verfolgen würden. Mit den weiblichen Mitarbeitern habe er nicht mehr zusammenarbeiten wollen. Als die sich von ihm bedroht gefühlt hätten, sei ihm gekündigt worden. 

Die Polizei hat auch zahlreiche Notizen des Angeklagten in dessen Wohnung sichergestellt. Immer wieder kam darin der ermordete Arzt vor. Unter anderem schrieb der Angeklagte: »Hat krank gemacht. Hat mir Blut abgenommen.« Ansonsten spricht aus den in gebrochenem Deutsch verfassten Notizen, die Walter alle vorlas, eine zunehmende Verzweiflung des 27-Jährigen. »Ich habe kein Geld, Hunger, Durst.«  

Keine Angaben

Angaben zum Tatverlauf wollte der Angeklagte keine machen. »Er hat das Gespräch verweigert«, betonte auch Albrecht. Das Gespräch verweigert hat er auch mit dem Sachverständigen, den das Gericht beauftragt hat. 

Wortreich beschwerte er sich dagegen mehrfach über seine beiden Anwälte Marc Kutschera und Joachim Lederle. »Ich brauche einen Anwalt, den ich selber ausgesucht habe. War nicht mit den Anwälten zufrieden.« Unter anderem warf er ihnen vor, nicht erreichbar gewesen zu sein. Walter wies A. aber darauf hin, dass er nach Erstellung des Haftbefehls fünf Tage Zeit gehabt habe, sich einen Anwalt auszusuchen. »Das Gericht hat sie befragt, ob sie einen anderen Anwalt kennen. Sie haben aber nicht gesagt, wen sie als Verteidiger haben wollen.«

Hintergrund

So geht es der Frau des Opfers jetzt

Der Bruder des Arztes hat am Mittwoch ebenfalls vor Gericht ausgesagt. Er schilderte den Verstorbenen als einen Menschen, dem seine Frau und seine Tochter sehr wichtig waren. Er habe sich immer für Gerechtigkeit eingesetzt und sei sehr zielstrebig gewesen. 

Nach der Tat war immer wieder zu hören, dass der Hausarzt auch viele Flüchtlinge behandelt habe. Bestätigen wollte das sein Bruder nicht. »Ich weiß aber von vielen Patienten, dass er sich sehr intensiv um sie gekümmert hat – unabhängig von ihrer Nationalität. Er war Mediziner durch und durch.«

Der Vorsitzende Richter Heinz Walter wollte auch wissen, wie es der Frau des Getöteten nach der Bluttat  gehe. »Ihr geht es sehr schlecht. Sie funktioniert vor allem, weil sie auf diesen Prozess hingearbeitet hat«, antwortete der Zeuge. Sie beschäftige sich von morgens bis abends mit dem Fall und sammle Daten und Fakten. Von dem Prozess erhoffe sie sich Gerechtigkeit auf allen Ebenen. 

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