»Die Tat eines Wahnsinnigen«

Mord an Offenburger Arzt: Täter muss in geschlossene Psychiatrie

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13. März 2019
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Der Angeklagte (Mitte) wartet im Gericht auf das Urteil und stützt sein Gesicht mit der Hand ab. ©Christoph Breithaupt

Der Täter, der im August 2018 einen Offenburger Hausarzt getötet hat, muss in die Psychiatrie. Das hat am Dienstag das Landgericht Offenburg beschlossen. »Das kann auch lebenslänglich bedeuten«, sagte der Vorsitzende Richter Heinz Walter bei seiner Urteilsbegründung.

»Es war sein Wahnsinn, der Herrn A. zu seinen Taten getrieben hat.« Der Vorsitzende Richter Heinz Walter wählte drastische Worte, um zu verdeutlichen, wieso die Schwurgerichtskammer des Offenburger Landgerichts im Fall von Suleiman A. so entschieden hat, wie es entschieden hat. Der Angeklagte wird auf Anweisung des Gerichts in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung untergebracht.

Vor der eigentlich Urteilsbegründung ging Walter auf die Dimension des Verbrechens ein. Das Verfahren habe wie kaum ein anderes in den vergangenen Jahrzehnten Aufmerksamkeit auf sich gezogen und Emotionen in vielfältigen Richtungen ausgelöst. Den Grund für das enorme Interesse sah der Richter in der »Tragik und Unbegreiflichkeit der Tat«. Es habe ein Opfer getroffen, dessen einziges Ziel es gewesen sei, dem Täter zu helfen.
 

Juristisch handelt es sich bei der Entscheidung des Landgerichts um einen Freispruch.

A. ist am 16. August 2018 in die Praxis des Offenburger Hausarztes T. eingedrungen und hat ihn mit mehr als 30 Stichen mit einem Haushaltsmesser getötet. Der Verurteilte hatte seine Tat bis zuletzt geleugnet. »Ich war die ganze Zeit zu Unrecht in Haft«, sagte er am Dienstag wieder. »Diese Einlassung ist mit seltener Deutlichkeit widerlegt. Es gibt eine Vielzahl von Beweisen, die die Täterschaft belegen«. Walter zählte unter anderem die Blutspuren des Opfers an der Kleidung des Täters, sowie die beiden Zeugen auf, die A. bei seiner Tat beobachtet hatten.

Ein Freispruch

Juristisch handelt es sich bei der Entscheidung des Landgerichts um einen Freispruch. Und das obwohl das Gericht die Tötung des Arztes als Totschlag wertete. Außerdem hatte A. die Arzthelferin verletzt, als sie versuchte, ihn von ihrem Chef wegzuziehen. Für das Gericht war das eine gefährliche Körperverletzung.

Der Psychiater Stephan Bork hatte bei dem Angeklagten eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Die Kammer geht in ihrer Urteilsbegründung davon aus, dass die Erkrankung ursächlich dafür war, dass A. den Wahn entwickelte, von dem Hausarzt vergiftet worden zu sein. »Ein anderes Motiv ist auch nicht ansatzweise zu erkennen«, betonte der Vorsitzende Richter.
 

Ob A. aber jemals wieder ein freier Mann sein wird, ist unwahrscheinlich.

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Walter nahm sich viel Zeit, um zu klären, warum das Gericht nur auf Freispruch und die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik entscheiden konnte. Das Gericht geht davon aus, dass A. wusste, dass seine Tat falsch war. »Die Fähigkeit, seine Tat zu steuern, war aber nicht vorhanden«, machte Walter deutlich. Wegen des Wahns sei seine Steuerungsfähigkeit sehr wahrscheinlich aufgehoben gewesen. Damit habe er aber nicht schuldhaft handeln können. »Ohne Schuld keine Strafe«, fasste der Richter das Schuldprinzip im Strafgesetzbuch zusammen. Als Beispiel nannte er jemanden, der bei einer Autofahrt einen epileptischen Anfall erleidet und Menschen verletzt oder gar tötet, weil er die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert. Dem sei das auch nicht vorzuwerfen.

Ob A. aber jemals wieder ein freier Mann sein wird, ist unwahrscheinlich. »Es besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass er dort bleiben muss«, sagte Walter. Die Unterbringung könne eine lebenslange Maß- nahme sein. Zehn Prozent aller in einer psychiatrischen Klinik untergebrachten Straftäter müssten sogar bis zu ihrem Tod dort bleiben. Für die Freilassung von A. gibt es laut dem Richter ein eindeutiges Kriterium: »Es muss jedes Restrisiko ausgeschlossen sein. Zweifel gehen in diesem Fall zulasten des Angeklagten.« Für wie gefährlich er A. nach wie vor hält, machte der Jurist unmissverständlich deutlich: »Der Arzt ist zwar tot. Die Krankheit besteht aber nach wie vor. Sie kann jederzeit wieder in einem vergleichbaren Maß auftreten.«

Nicht zu verhindern

Verhindert werden konnte die Tat aus der Sicht des erfahrenen Richters nicht. »Kein Kranker muss sich behandeln lassen. Es sei denn, er stellt eine Gefahr für sich und andere dar. Wer hätte das aber absehen sollen«, fragte Walter. Er dürfte damit auf die Äußerungen der Opfer-Anwältin Stephanie Vogt eingegangen sein, die die Arzthelferin vertreten hatte. Vogt hatte im Prozess immer wieder nach der möglichen Verantwortung der für A. zuständigen Sozialarbeiterin gefragt. Es sei natürlich nach Schuldigen zu suchen, sagte der Richter. Die gebe es hier aber nicht. Man habe nichts unternehmen können.

Walter ging in seiner Urteilsbegründung auch auf die Weigerung des Angeklagten ein, zu seinen Taten zu stehen. »Er hat nicht den Versuch unternommen, sie zu erklären. Wir wissen vom Sachverständigen aber, dass er dazu in der Lage gewesen wäre.« Für die Angehörigen müsse sich das anfühlen, wie vor einer unüberwindbaren Mauer zu stehen.

Das Urteil des Landgerichts ist noch nicht rechtskräftig. Der Angeklagte kann binnen einer Woche Revision einlegen. Über die müsste dann der Karlsruher Bundesgerichtshof entscheiden.

 

>> Weitere Einzelheiten aus dem Prozess zum Nachlesen in unserem Live-Ticker <<

Hintergrund

Unterbringung

Zehn Prozent aller Menschen, die in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden, kommen laut Richter Walter nie wieder raus. Auch beim Angeklagten könne das der Fall sein. Zur Erinnerung: Der Gutachter sagte, dass so gut wie keine Heilungschancen beim Mann aus Dschibuti bestehen.

Der Mörder des Arztes kommt nur dann wieder raus, wenn es überhaupt keine Zweifel an der Heilung seiner Krankheit gibt. Sollten es auch nur die kleinsten Zweifel geben, werde dies zu Lasten des Mannes ausgelegt und er bleibt in der Psychiatrie.

Klar ist: Das Gericht sieht eine erhebliche Gefahr, dass der Mann aus Dschibuti weitere Straftaten begeht, sollte er nicht in die Psychiatrie kommen.

Hintergrund

Stimmen der Anwälte

Gerson Trüg vertrat im Prozess die Interessen der Witwe des Arztes. Für ihn war der Ausgang des Prozesses »keine Überraschung« mehr. Es erleichtere die juristische Aufarbeitung. »Die psychologische Aufarbeitung kann so ein Verfahren aber natürlich nicht bringen. 

Für Rainer Stumm, den Anwalt der Tochter des getöteten Arztes, ging es darum, in dem Prozess möglichst viele Antworten für seine zehnjährige Mandantin zu finden. Noch sei sie zu jung. Aber irgendwann werde sie beginnen Fragen zu stellen. 

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