Psychiater stellt sein Gutachten vor

Arztmord-Prozess: Ist der Angeklagte vermindert schuldfähig?

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14. Februar 2019
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Justizbedienstete führen den an Beinen und Händen gefesselten Angeklagten Suleiman A. am ersten Prozesstag in den Gerichtssaal. ©Ulrich Marx

Der Angeklagte im Offenburger Arztmord-Prozess ist vermindert schuldfähig. Davon geht jedenfalls der forensische Psychiater Stephan Bork in seinem Gutachten aus.  Kommt es zu einer Verurteilung, ist es deshalb wahrscheinlich, dass Suleiman A. nicht ins Gefängnis, sondern in eine psychiatrische Einrichtung muss. 

Das ganze Verfahren war auf das Gutachten des forensischen Psychiaters Stephan Bork ausgerichtet. Daran, dass es sich bei Suleiman A. um den Täter handelt, hat das Gericht fast keine Zweifel mehr. »Wir sind jetzt ziemlich am Ende der Beweisaufnahme. Die Beweislage hat sich dahingehend verdichtet, dass Sie der Täter sind. Alles, was wir gehört haben, spricht dafür«, sagte der Vorsitzende Richter Heinz Walter zum Angeklagten. Er soll im August 2018 einen Offenburger Hausarzt in seiner Praxis mit 30 Messerstichen getötet haben.  

Maßregelvollzug statt JVA? 

Deshalb muss das Gericht jetzt im Wesentlichen entscheiden, ob A. wegen einer psychischen Erkrankung schuldfähig war oder eben nicht. Borks Gutachten ist in diesem Punkt eindeutig. Er geht von einer Verminderung der Schuldfähigkeit aus. Die Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit könne sicher festgestellt werden. Es sei sogar wahrscheinlich, dass sie völlig aufgehoben war. »Die medizinischen Voraussetzungen für den Maßregelvollzug sind eindeutig zu bejahen«, sagte der Gutachter. Folgt das Gericht dieser Auffassung, müsste der Angeklagte bei einer Verurteilung statt in ein Gefängnis in eine Klinik für forensische Psychiatrie.  

Der Psychiater unterschied in seinem Gutachten zwischen der motivationalen und der exekutiven Steuerungsfähigkeit. Bei ersterer geht es darum, warum jemand etwas tut. Die war aus Sicht des Gutachters beeinträchtigt. Keinen Einfluss hatte die Krankheit des Angeklagten demzufolge auf sein »zielgerichtetes Tatverhalten« –  also die exekutive Steuerungsfähigkeit. »Das macht ja gerade die Gefährlichkeit des taktischen Wahnsinns aus. Das formale Denken bleibt davon unberührt«, sagte Bork. 

Im Wahn getötet

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Zu den zentralen Symptomen einer paranoiden Schizophrenie gehören wahnhafte Vorstellungen. Offensichtlich war das auch beim Angeklagten so. Bork formulierte es vorsichtig, um einer Entscheidung des Gerichts nicht vorzugreifen: »Die Beweiswürdigung könnte zum Schluss kommen, dass der Proband seine Probleme auf eine Behandlung beim Opfer zurückführte.« Der Gutachter ist davon überzeugt, dass A. zum Zeitpunkt der Tat unter einem Vergiftungswahn bezogen auf seinen früheren Hausarzt litt. Der habe ihm Blut mit einer benutzten Nadel abgenommen und ihn dabei mit einer Krankheit infiziert, so die Wahnvorstellung von A.   Ausschlaggebend für die Diagnose war aber, dass der Angeklagte immer wieder äußerte, es stehe alles über ihn im Internet. Der Fachbegriff dafür ist »Gedankenausbreitung«. »Das ist ein Indiz ersten Ranges für eine paranoide Schizophrenie«, sagte der Psychiater.  

Gerson Trüg, einer der vier Nebenklagevertreter, hatte angeregt, auch die Voraussetzungen für eine mögliche Sicherheitsverwahrung des Angeklagten zu überprüfen. Das hätte  bedeutet, dass er nach dem Ende seiner möglichen Haft nicht automatisch freigekommen wäre. Bork sah dafür aus medizinischer Sicht allerdings die Voraussetzungen nicht erfüllt. Er geht zwar davon aus, dass es für A. eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass er andere Menschen verletzt, weil er sie für sein physisches Leiden verantwortlich macht. A hatte im Prozess immer wieder auf seine körperlichen Probleme verwiesen. Generell bestehe für Männer mit einer Schizophrenie ein zehnfach höheres Risiko, andere Menschen zu töten. Sollte A. allerdings genesen, negiert Bork bei ihm einen »Hang zum Begehen von Straftaten«. Ursächlich für seine potenzielle Gefährlichkeit ist laut dem Experten seine Erkrankung. Er folgerte deshalb: »Das Vorhandensein der Voraussetzungen für eine Unterbringung in der Sicherungsverwahrung ist deshalb zu verneinen.«

Appell wohl fruchtlos

Walter hatte auch deshalb an den Angeklagten appelliert, zu gestehen, weil er überzeugt ist, dass das den Angehörigen des Opfers helfen würde. Bork glaubt, dass sich A. an die Tat erinnern kann. »Es besteht kein Anzeichen dafür, dass sein kindlich trotziges Verteidigungsverhalten im Zusammenhang mit der Erkrankung steht.« Borks Vermutung ist: »Damit lässt sich besser leben.« 

Ob A. jemals wieder gesund wird? Dazu äußerte sich Bork skeptisch: »Bei realistischer Betrachtung spricht mehr gegen einen gelingenden Behandlungsverlauf als dafür. Es ist wahrscheinlich, dass er in seiner Verweigerungshaltung bleibt.« Im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg, wo er bis vor Kurzem untergebracht war, hatte A. nämlich jegliche Behandlung verweigert. 
 

Hintergrund

Das sagt der Gerichtsmediziner

Der Freiburger Gerichtsmediziner Markus Große Perdekamp hat den getöteten Arzt zunächst am Tatort und dann noch einmal ausführlicher in der Pathologie der Freiburger Uniklinik untersucht. Seine Bericht war nur schwer auszuhalten. 30 Verletzungen zählte er an dem Leichnam – allein sieben am Kopf und zehn am Hals. Die Tatwaffe war ein Küchenmesser mit einer 13 Zentimeter langen Klinge.  

Zwei der Schnitt- und Stichwunden waren aus der Sicht des Gerichtsmediziners tödlich. »Der Täter hat zwei Halsgefäße verletzt. Das hat innerhalb von Sekunden zum Bewusstseinsverlust geführt.« Dazu kamen noch weitere potenziell tödliche Verletzungen. Der Täter stach so heftig zu, dass die Spitze des Messer abbrach. 

Die Arzthelferin, die die Tat beobachtet hatte, äußerte die Vermutung, dass Suleiman A. geübt sei im Umgang mit Messern. Das wollte Perdekamp nicht bestätigen. »Die Verletzungen lassen keinen Rückschluss darauf zu, dass der Angeklagte im Nahkampf geschult war.«

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