Fasziniert vom späten Mittelalter
Dossier: 

Autorin Heidrun Hurst: "Ich gehe schon fast kriminalistisch vor"

Von Ellen Matzat-Sauter
Lesezeit 7 Minuten
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30. Juni 2022

(Bild 1/3) Heidrun Hurst ist Autorin mit Herzblut, für ihre Romane, die im Mittelalter spielen, recherchiert sie monatelang. ©Ellen Matzat-Sauter

In unserer Serie „Ortenauer Originale“ porträtieren wir Menschen mit dem gewissen Etwas. Heute (95): Heidrun Hurst aus Kehl-Odelshofen ist mit Herzblut Autorin. Sie hat sich auf historische Romane spezialisiert, etwa über das Straßburg des späten Mittelalters.

Aktuell arbeite ich an etwas Neuem, darf aber nicht darüber sprechen“, sagt Schriftstellerin Heidrun Hurst über ihr neuestes Projekt. Die Auflage, Stillschweigen darüber zu bewahren, ist in der Verlagswelt üblich. Zu ihren ersten Werken gehörten die Familiensaga und Trilogie „Die Kinder des Bergmanns“ aus der Zeit des 30-jährigen Krieges (1618 – 1648), die bei einem neuen Verlag in überarbeiteter Form neu verlegt wird – unter dem Namen „Die Rheintalsaga“. Die Autorin aus Kehl-Odelshofen hat sich im Bereich der historischen Straßburg-Krimis einen Namen gemach, etwa mit ihrer Mittelalterreihe „Der Teufel von Straßburg“, „Die Pestheilerin von Straßburg“ und dem neuen „Das Weib des Henkers“. Am 20. Oktober erscheint der zweite ihrer beiden Schwarzwaldkrimis, die ab dem Jahr 1343 in Schiltach und Umgebung spielen.

Die Zeit des späten Mittelalters fasziniert Hurst. Gerade das Straßburg der Jahre 1348/1349 fesselte sie, da am Valentinstag, 14. Februar 1349, das große Judenpogrom vor Ausbruch der Pest stattfand. „Dort und in vielen anderen Städten wurden Juden bei lebendigem Leib verbrannt, weil man ihnen vorwarf, sie würden die Brunnen vergiften“, sagt Hurst. Durch Folter wurden einige zu falschen Aussagen getrieben, was die Ermordung ermöglichte. Hinter der Ostseite des Münsters wohnten die Juden im Schutz der Kirche und im Besitz eines kaiserlichen Schutzbriefes in der Judengasse. „Das nutzte ihnen alles nichts, als sich der Mob gegen sie wandte und der Kaiser dies, wie in vielen anderen Städten, stillschweigend hinnahm“, fährt sie fort.

Hurst möchte mit ihren Romanen diese damaligen Missstände aufzeigen. Eine der Hauptfiguren ist ein jüdischer Junge, der sich mit den Geschehnissen auseinandersetzen muss. Henker hatten im Mittelalter eine besondere Rolle und litten teils furchtbar unter ihrer Aufgabe. In der Regel hatten sie keine Chance aus diesem Gewerbe herrauszukommen, da das „unreine“ Henkeramt vererbt wurde. Es waren schlimme Zeiten, in die Hurst die Geschichte der Klosterschülerin Adelheid und des Henkersohns Martin bettete. Aufgrund eines Kriminalfalls verbünden sich die beiden und werden zum Liebespaar. „Mehr wird nicht verraten“, sagt die Autorin.

Die Odelshofenerin widmet sich seit 15 Jahren der Schriftstellerei. Sie las bereits als Kind sehr viel. „Vielleicht, weil ich als Einzelkind auf einem großen Bauernhof aufwuchs, wo keiner richtig Zeit für mich hatte“, meint sie. Ihr erstes Buch war „Pucky, das Försterkind“. Ziemlich bald kam ihr Hang zu spannenden Abenteuern zum Vorschein, und sie verschlang Bücher der Reihe „Fünf Freunde“ und Ähnliches. „Ich schreibe eher einen Spannungsroman als den gemächlich dahinplätschernden Liebesroman, auch wenn Liebe in meinen Romanen vorkommt“, fasst sie zusammen.

Erster Versuch mit 20 Jahren

Zu Historienromanen kam sie durch die Werke „Vom Winde verweht“ und „Shogun“, die sie als Jugendliche las. Schon damals faszinierten sie die Detailgenauigkeit der fremden Kulturen sowie die unterschiedlichen Arten zu leben und zu denken. „Das könnte mir die Initialzündung für historische Romane gegeben haben“, mutmaßt sie. Hurst liebt Romane von der Bronzezeit bis ins 17. Jahrhundert – wobei sie die Renaissance weniger interessiert. Der erste Selbstversuch folgte mit 20 Jahren. Da man in diesem Alter allerdings auch sehr viele andere Aktivitäten im Kopf hat, ließ sie die Schreiberei damals schnell wieder sein. Erst als von ihren drei Kindern der Jüngste rund zehn Jahre alt war und sie wieder etwas mehr Zeit für sich hatte, startete sie einen neuen Versuch.

Sehr viel Zeit nimmt ihre geschichtliche und geografische Recherchearbeit ein, bevor sie ihre Geschichte dann zu Papier bringt. „Ich gehe schon fast kriminalistisch vor“, sagt die Schriftstellerin. Für ihr neues Werk ist sie aktuell vier Tage auf Recherchereise. Dabei stehen der Besuch von Museen und Gespräche mit Historikern ebenso an wie das Betrachten der Gegend mit ihren Wegen und allem was dazugehört. „Es reicht ja nicht in die Historie einzutauchen, ich muss auch die Orte beschreiben können“, erklärt Hurst.
Auch das Internet hilft ihr – wobei sie aber immer aufpassen muss, was stimmt und was nicht. Ein Glücksfall ist, wenn sie auf eine Veranstaltung trifft, bei der alles, was sie interessiert, vorgeführt wird.

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Intensive Recherchen

Auch in Straßburg machte sich Hurst die Mühe zu schauen, wie die Straßen im Mittelalter hießen, damit alles historisch korrekt ist. Eine große Rolle bei den Recherchen spielen auch Kleidung, Essgewohnheiten und die Wohnverhältnisse der jeweiligen Epochen. Zum Beispiel wohnt ihr Henker in der Biekergasse und Adelheids Kloster St. Klara stand links von der heutigen Oper, die auf dem Platz des früheren Rossmarktes steht. Um herauszufinden, wie es in der Zeit, in der ihre Geschichte spielt, dort aussah, wühlt sie sich durch alte Stadtpläne, Zeichnungen und alles was sie sonst noch findet. Was nicht nachweisbar ist, füllt ihre Phantasie auf. Bei ihren ersten Büchern nahm allein die Recherchearbeit über ein Jahr in Anspruch. Mit Routine schafft es Hurst heute etwas schneller. Zum Schreiben braucht Hurst einen freien Kopf. „Kreativität hat ihre Grenzen und Schreiben ist etwas Schöpferisches, was einfach Kraft kostet“, macht sie deutlich. Wenn es läuft, kann sie allerdings einige Stunden ohne Pause in die Tasten hauen.

Es gehört auch Glück dazu

Hurst bezeichnet es als Glück, eine Agentur zu haben, das ist nicht jedem Autor vergönnt. Auch wenn nach aufwendiger Vorarbeit nicht jede Geschichte ihren Weg in die Verlagswelt findet. „Ich habe einige Geschichten in der Schublade, die aktuell niemand möchte“, sagt sie. Damit müsse man immer rechnen. Kommt ihre Idee an, wird ein Vertrag aufgesetzt und ein Termin bestimmt, an dem das Buch fertig sein soll. Ihr Exposé, das die ganze Geschichte in Kürze beinhaltet, bildet dabei die Grundlage, die sie zu einem 300- bis 400-seitigen Buch ausarbeitet. „Ich finde es immer noch schwierig, gleich am Anfang alles festzulegen, vom geführten Spannungsbogen bis zum Ende“, sagt sie.

Zum erfolgreichen Schriftstellern gehöre außer Können auch das Glück, zur richtigen Zeit über das richtige Thema zu schreiben und auf die richtigen Leute zu treffen. Das Bewerben in den Sozialen Medien gehöre heutzutage dazu. Marketing werde auch beim Schreiben immer wichtiger. Sie schreibt, was ihr auf dem Herzen liegt und wofür sie sich interessiert. „Sonst funktioniert es nicht“, betont sie. In all ihren Romanen beschreibt sie das Schicksal der eher „kleinen“ Leute – also das, was in anderen historischen Romanen, in denen es oft um Kaiser, Könige, Lords und Ladys geht, untergeht.

Während Corona haben sich wieder mehr aufs Lesen besonnen

Durch Corona hätten sich zwar wieder mehr Menschen zum Lesen zurückbesonnen, aber die meisten Lesungen fielen aus. Dafür intensivierten sich die Kontakte über die sozialen Netzwerke. Einige ihrer Bücher gibt es inzwischen als E-Book und als Hörbuch. „Wenn ich gemerkt hätte, dass es keinen Sinn macht und alles stagniert, hätte ich es irgendwann aufgegeben“, ist sie sich sicher. Wie andere Selbständige arbeite sie „selbst und ständig“. Ihr Ziel ist es, irgendwann von ihrer Arbeit leben zu können. Meilensteine waren für sie die erste Anfrage ihres Verlages nach einer Fortsetzung der Straßburg-Romane, sowie die dritte Auflage der „Kräutersammlerin“ – und auch hier die Frage nach einem weiteren Teil.

Wer Heidrun Hurst live erleben möchte, hat dazu bei den Lesungen aus ihrem neuen Buch „Das Weib des Henkers“ am 12. September um 19 Uhr in der Lahrer Mediathek sowie am 23. September um 20 Uhr im Simplicissimus-Haus in Renchen Gelegenheit.

Zur Person

Heidrun Hurst

Heidrun Hurst wurde 1966 in Odelshofen geboren und wuchs auf einem großen Bauernhof auf. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Um für ihre Söhne da zu sein, von denen einer behindert ist und besondere Förderung benötigte, gab sie ihren Beruf als medizinische Assistentin auf. Wenn Heidrun Hurst nicht schreibt, liebt sie außer ihrer Familie Sport, Rad fahren, Wandern, ihren Hund und ihren großen Garten.

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