Leser helfen

Benefizaktion zugunsten des Frauenhauses

Autor: 
Ursula Groß
Lesezeit 4 Minuten
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21. November 2018

Einsamkeit: Der kleine Jan (7) hat dieses Bild im Frauenhaus gemalt, weil er »Mama in der Nacht bewachen« müsse. ©Ulrich Marx

Ein Frauenhaus ist immer auch ein Kinderhaus. Drei von vier Frauen, die dort Schutz vor häuslicher Gewalt suchen, bringen ihre Kinder mit. Und der Andrang ist groß in der Ortenau. Deshalb sammelt »Leser helfen«, die Weihnachtsaktion der Mittelbadischen Presse« in diesem Jahr für die Einrichtung einer dringend benötigten zweiten Frauenhauses in der Ortenau.
 

Wohin mit dem Neugeborenen, dem Dreijährigen, der Zehnjährigen? Das wird zu einer existenziellen Frage, bevor  eine gepeinigte Mutter aus dem Haus flüchtet. Familie und Bekannte haben sich zu diesem Zeitpunkt schon längst abgewandt. Ach was, wenn dem Mann mal die Hand ausgerutscht ist, das kann vorkommen, ist die nicht seltene Reaktion. Oder: Was die zuhause machen, geht uns nichts an. Kinder verstehen sowieso nicht, was da vor sich geht. 

Die Erfahrung der Frauenhaus-Mitarbeiterinnen ist eine völlig andere. Kinder hören alles, spüren die Gefahrensituation intensiv, durchleben sie mit. »Wir haben hier Kinder, die erzählten, dass sie sich vor die Mutter gestellt haben, wenn der Vater oder der Lebensgefährte zuschlagen wollte.« Dass die Großen versuchten, ihre kleineren Geschwister zu schützen. Ihnen die Ohren zuhielten, sie ins Kinderzimmer schoben.

»Ich muss Mama in der Nacht bewachen«, glaubt Jan (7), der bis heute nicht in seinem eigenen Bett schlafen kann. Er hat in der Zeit im Frauenhaus ein Bild gemalt. Auf dem großen Gemälde sind keine Menschen zu sehen.  Nur ein rotes Auto, Wolken, Sonne, sonst Leere, eigentlich Einsamkeit. »Kinder werden im Frauenhaus als eine Gruppe mit eigenem Hilfsbedarf gesehen und unterstützt«, erklärt Wibke Kowalski (37). Die Sozialarbeiterin ist in Traumapädagogik geschult.

Die Kindergruppe war zum Beispiel im Jahr 2017 mit etwa 54 Kindern, darunter 31 Mädchen und 23 Jungen, belegt. »Wir konnten weitere 124 Frauen und 121 Kinder wegen Vollbelegung nicht aufnehmen«, berichtet Monika Strauch, Geschäftsführerin von Frauen helfen Frauen. Babys und Kindergartenkinder machen den größten Teil der betreuten Kinder aus. Dazu kommen Mädchen und Jungen bis ins Teeniealter.  

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Der Wechsel des Kindergartens, der Schule ist üblich, die Kinder verlieren nahezu ihr gesamtes vertrautes Umfeld. In vielen Fällen sind sie gar nicht informiert, dass sie in ein Frauenhaus umziehen müssen. Teilweise ist eine Flucht vorausgegangen. Ohnmacht, Überforderung, Ungewissheit, das alles haben diese Kinder bereits zuhause erfahren müssen. Ihr seelisches Gleichgewicht war einem Frontalangriff ausgesetzt. Die Spätfolgen sind schrecklich. 

Nahezu alle diese Kinder entwickeln psychosomatische Störungen, leiden unter Albträumen, nässen sich ein, sind angstvoll-angespannt, schuldbewusst. Sie stehen dazu zwischen den Eltern. »Ich habe doch Papa und Mama lieb.« Eine unerträgliche innere Anspannung überrollt die Kinder derart, dass sie wie unter ständiger Alarmstimmung stehen. 

Im Frauenhaus gibt es ein Programm eigens für die Kinder. Psychotherapeutisch wird nicht betreut, das könne man hier nicht leisten. Doch die Kinder mit einem Umfeld aus Ruhe und Verlässlichkeit zu umgeben, mit ihnen einen kleinen Ausflug machen oder zu basteln, das alles gibt langsam Zuversicht, aus der Situation der Angst herauszukommen. »Sie dürfen spielen, über ihren Kummer sprechen, sie sollen wieder richtig Kind sein dürfen«, so Wibke Kowalski. Sie zeigt den Kindern auf, dass man Konflikte gewaltfrei lösen muss. 

Starke Belastung von Kindern ist ein hohes Risiko dafür, dass sie als Erwachsene die erlebten Muster weitergeben. Zahlreiche Männer, die zuschlagen, waren selbst Opfer von Gewalt in ihrer Kindheit. In der Müttergruppe wiederum »versuchen wir die Frauen zu sensibilisieren für die Situation ihrer Kinder«, fügt Wibke Kowalski an. Wir helfen ihnen bei der Suche nach therapeutischen und pädagogischen Netzwerk-Angeboten für die Zeit nach dem Frauenhaus.  

Was nun brauchen die vielen großen und kleinen Kinder im Frauenhaus? Einen sicheren Ort, wo die »Monster« nicht reinkönnen. »Nachts kommen die nämlich, deshalb habe ich ein Monster gemalt, das Zeichenblatt in eine Kiste gestopft und dann habe ich sie in die ganz heiße Sonne gestellt«, erzählte ein Kind in der Malstunde. Einen Ort der Verlässlichkeit, Verständnis, Vertrauen, Erfolgserlebnisse und viel Zeit benötigt die Arbeit mit den Kindern. Und einen Raum, der ihnen gehört. 
Deshalb bittet »Leser helfen« um Spenden für die Erweiterung des Ortenauer Frauenhauses. Am dringendsten sind Möbel, Spielgeräte und zwei Fahrzeuge, davon ein Neunsitzer-Bus.
 

Info

Die "Nummer gegen Kummer"

Die Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser (LAG) hat »Sicherheitstipps für Mädchen und Jungen« herausgegeben. Darin ist die  die »Nummer gegen Kummer« zu finden: 0800/110333 (kostenlos) von montags bis samstags 14 bis 20 Uhr.

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