Interview

Bildungsexpertin: So könnte eine Schule mit weniger Druck aussehen - Vorschau

Autor: 
Victoria Hof
Lesezeit 7 Minuten
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17. Juni 2021
Offenburgs Oberbürgermeister Marco Steffens (5. von links) betonte bei einem Besuch in der Gemeinschaftsschule des Montessori-Zentrums Ortenau (MZO) den Mehrwert der Vielfältigkeit in Offenburgs Bildungslandschaft. Mit im Bild: Schulleiterin Tanja Brettschneider (6. von links), MZO-Geschäftsführer Johannes Wilhelmi sowie Bildungsexpertin Margret Rasfeld (rechts).

Offenburgs Oberbürgermeister Marco Steffens (5. von links) betonte bei einem Besuch in der Gemeinschaftsschule des Montessori-Zentrums Ortenau (MZO) den Mehrwert der Vielfältigkeit in Offenburgs Bildungslandschaft. Mit im Bild: Schulleiterin Tanja Brettschneider (6. von links), MZO-Geschäftsführer Johannes Wilhelmi sowie Bildungsexpertin Margret Rasfeld (rechts). ©ULRICH MARX

Freiheit, Digitalisierung und der richtige Umgang mit Informationen: Schulberaterin Margret Rasfeld hat im Interview über zukunftsfähige Bildung in einer sich schnell verändernden Welt und ihre Initiative „Schule im Aufbruch“ gesprochen.

Weg von Druck und Gleichschritt, hin zu mehr Selbstverantwortung und Handlungsfähigkeit: Schulberaterin Margret Rasfeld, Offenburgs Oberbürgermeister Marco Steffens sowie Schulleiterin Tanja Brettscheider und Johannes Wilhelmi vom Montessori-Zentrum Ortenau haben sich darüber ausgetauscht, wie zukunftsfähige Bildung aussehen sollte.

Frau Rasfeld, Sie haben die Initiative „Schule im Aufbruch“ gegründet, die die angeborene Begeisterung und Kreativität von Kindern und Jugendlichen erhalten und fördern will. Was muss eine Schule heute vermitteln – jenseits von Lernstoff?

Wichtig ist, wie gelernt wird. Denn von dem, was gelernt wird, wird viel wieder vergessen. Das war aber schon immer so. Wenn das Lernen in einer wertschätzenden Beziehungskultur stattfindet, wenn Kinder einem eigenen roten Faden folgen und ihre Lernwege mitgestalten können, dann lernen sie gerne. Wenn sie allerdings unter Druck für die nächste Arbeit lernen, auf Noten ausgerichtet werden, dann macht man sie zum Objekt von Erwartungen und Standards.

Mit welcher Folge?

Es tut Kindern nicht gut und ist der Grund, warum so viele Kinder krank werden.

Müssen Kinder heute andere Inhalte und Werte lernen, als noch vor 30 Jahren?

Sie müssen lernen, mit Unsicherheit umzugehen. Die Welt verändert sich rasant. Auch in Sachen Nachhaltigkeit und Digitalisierung stehen wir vor großen Herausforderungen. Umso wichtiger ist es, dass Kinder die Erfahrung machen, dass sie sich und ihren Potenzialen vertrauen können. Dies ist aber nicht möglich, wenn alles durchstrukturiert und vorgegeben ist.

Wie muss man sich einen Lehrplan, wie er Ihnen vorschwebt, konkret vorstellen?

Wichtig ist vor allem, dass Kinder sinnentnehmend lesen können. Wie viel Zeit man ihnen lässt, das zu lernen, sollte aber individuell sein, es muss nicht immer alles im Gleichschritt passieren. Lesekompetenz heißt heute auch: Wie gehe ich mit Informationen um und wie bewerte ich sie? Wie finde ich etwas heraus? Was sind Fake News? Das sind sehr komplexe Sachverhalte. Der Lehrplan muss zugunsten von fächerübergreifenden Projekten radikal gekürzt werden. Man muss Inhalte überdenken, um für Freiräume Platz zu schaffen.

Es geht also nicht vorrangig darum, was wir wissen – Google weiß schließlich alles – sondern darum, was wir mit unserem Wissen tun?

Ja, genau. Wir müssen lernen, mit Wissen und mit den Herausforderungen der Welt umzugehen. Dazu braucht man starke Kinder, die gelernt haben, Verantwortung zu übernehmen und diese auch umsetzen. Das ist wichtiger, als für den nächsten Test Dinge auswendig zu lernen.

Wenn es um individuelle Lernpläne und Projektarbeit geht, kommen Kritiker gerne mit dem Argument von zu viel „Kuschelpädagogik“...

Das hat alles nichts mit Kuscheln zu tun. Ein Projekt zu planen, Lösungen zu erarbeiten und diese in die Welt zu bringen, ist viel anspruchsvoller, als einen Lückentext im Arbeitsblatt auszufüllen und sich vom Lehrer immer anweisen zu lassen, was zu tun ist.

Wie viel Struktur und Vorgabe braucht es bei aller Freiheit aber trotzdem?

Freiheit braucht immer Struktur, ansonsten wird sie zu Beliebigkeit. Es heißt aber nicht, dass Lehrer sagen müssen, was zu tun ist. Sie müssen Möglichkeiten und Räume aufzeigen, eine gute Umgebung und auch die Freiheit schaffen, dass Kinder und Jugendliche rausgehen und handeln können. Dass sie eigenen Fragen nachgehen und diese im Projekt konkret umsetzen können.

Wie kann das konkret aussehen?

In der Montessori-Pädagogik ist das zum Beispiel der sogenannte „Erdkinderplan“. Und heute, 150 Jahre später, hätte Maria Montessori sicherlich einem Plan nach dem Motto „Lernen, die Welt zu verändern“ voll zugestimmt.

Was ist der „Erdkinderplan“?

Jugendlichen zwischen 12 und 15 Jahren wird die Chance geboten, sich von der Familie zu lösen und die Grundstrukturen der Gesellschaft zu erleben. Als Ergänzung zum theoretischen Lernen sollen die Jugendlichen deshalb direkte soziale Erfahrungen machen. Siebtklässler könnten zum Beispiel ein Jahr lang in regelmäßigen Abständen einen Bauernhof besuchen und dort mithelfen, um das elementare landwirtschaftliche Leben und Arbeiten kennenzulernen. Oder ein großes Theaterprojekt in Klasse 8, bei dem die Schüler den gesamten Produktionsprozess eines Theaterstücks eigenverantwortlich übernehmen.

Welche andere Reformpädagogik hat ähnliche Ansätze?

Die Waldorfpädagogik zum Beispiel siedelt auch die ästhetische und künstlerische Bildung ganz hoch an. Außerdem gibt es dort viele Praktika und Naturverbundenheit. Aber der Lernstoff wird oft noch sehr oldschool vermittelt, viel Frontalunterricht. Doch auch dort gibt es unterschiedliche Schulen.

Die Digitalisierung ist in aller Munde: Wie wichtig ist sie – jenseits vom Homeschooling – tatsächlich?

Digitalisierung wäre nicht notwendig, wenn sie nicht die Welt bestimmen würde. Zu glauben, die Digitalisierung würde wieder aus der Welt verschwinden, ist ein Irrglaube. Dieses Feld muss also auch in der Schule vorkommen. Einerseits sind es die ethischen Fragen und der richtige Umgang mit Informationen. Und es sollte ein Bewusstsein dafür entstehen, was Algorithmen sind. Es wäre also gut, man würde auch programmieren gelernt haben. Außerdem gibt es ja auch viele kreative Werkzeuge, die toll sind. Über ein Thema ein E-Book erstellen oder einen Podcast einzusprechen, ist natürlich interessanter, als alles nur auf ein Blatt Papier zu schreiben. Digital können sich die Kinder mit der ganzen Welt verbinden und zum Beispiel ein Projekt mit einer Schule in Ruanda machen.

Welche Gefahr birgt das digitale Lernen?

Ob man unbedingt Mathe digital lernen muss, ist schon fraglich. Ich bin immer für haptisches Lernen: rausgehen, etwas vermessen, etwas bauen.

Es reicht also nicht, wenn man Schulbücher und Arbeitsblätter künftig statt auf Papier nur noch auf dem Tablet hat?

Die alte Schule in digitaler Verpackung ist keine Innovation. Der einzige Vorteil daran wäre, dass Kinder nicht so viele Bücher schleppen müssen. Zu denken, man hätte eine moderne Schule, nur weil man alles digital macht und ansonsten alles weiterhin auf Gleichschritt und Noten ausgerichtet ist, ist Quatsch. Darüber wird zur Zeit viel diskutiert, damit wir nicht in diese Falle laufen.

Was, außer Gleichschritt und Druck, stört Sie an den Regelschulen?

Dort ist die Ökonomie eingezogen, alles ist auf Wert und Gegenwert ausgerichtet. Du bist toll, wenn du die Bestnote erbringst. Kinder werden so zum Objekt der Erwartung, und wenn sie die nicht erfüllen, werden sie zur Nachhilfe geschickt. Außerdem ist alles in Fächer-Korsetts unterteilt, und das, wo wir heute Komplexität lernen müssen und erkennen sollten, wie Systeme zusammenhängen. Wir sollten ganzheitlich lernen, mit Kopf, Herz und Hand.

Viele Eltern befürchten aber, ihr Kind könnte auf einer Gemeinschaftsschule zu wenig lernen ...

An den Gemeinschaftsschulen lernen die Kinder selbstständiges Arbeiten, was an den Gymnasien häufig nicht der Fall ist, was Corona deutlich zeigt. Und sie können genauso Abitur machen wie am Gymnasium. Aber man muss sich natürlich fragen, warum immer alle Abitur machen müssen.

Sie unterstützen das Montessori-Zentrum beim Aufbau einer Sekundarstufe I. Welchen Eindruck macht die Schule auf Sie bisher?

Die Kinder arbeiten in einer gelassenen Arbeitsatmosphäre. Und sie haben Lehrerinnen und Lehrer, die mit ihnen auf Augenhöhe in Beziehung stehen. Die Lernumgebung ist anregend und wenn man durchs Haus geht, findet man überall in Form von Bildern, Plakaten und kleinen Details Hinweise darauf, welche Haltung man den Kindern gegenüber hat. Ich werde diese kleine, noch ganz junge Schule bei Fragen gerne beraten und Impulse geben.

Zur Person

Margret Rasfeld

Margret Rasfeld ist Lehrerin und Schulleiterin im Ruhestand sowie Autorin. Sie ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin von „Schule im Aufbruch“. Sie setzt sich für eine Neuausrichtung der Schulbildung nach Leitlinien der UNESCO-Kampagne Bildung für nachhaltige Entwicklung ein. Für ihr Engagement für ein zukunftsweisendes Bildungssystem wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt mit dem Aufbruch Award der Süddeutschen Zeitung.

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