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Ortenau

"Dann bringe ich dich um" - Feuerwehr bei Einsatz bedroht

14. Juli 2017
&copy Benedikt Spether

Acherner Feuwehrleute wurden auf dem Weg zu einem tödlichen Unfall behindert und teils wüst beschimpft. Diese Zeitung hat mit Feuerwehrkommandant Michael Wegel gesprochen.

Am Mittwoch gegen 19.30 Uhr geht beim Acherner Feuerwehrkommandant Michael Wegel die Meldung von einem schweren Unfall auf der Nordfahrbahn der A 5 ein. »Uns wurde gemeldet, dass in einem Fahrzeug noch mindestens eine Person eingeklemmt ist, und dass ein Fahrzeug brennt.«  Wegel ist sofort klar: »Jetzt muss es schnell gehen.« Auf dem Weg zum Einsatzort erreicht die Feuerwehrleute die Nachricht, dass der Fahrer des Unfallwagens tot ist. 
Der Verkehr beginnt sofort, sich nach der Unfallstelle zu stauen. Was dann folgt, ist auch für den erfahrenen Feuerwehrmann Wegel ein Schock. »Wir hatten richtig viel Arbeit, an die Einsatzstelle heranzukommen.« Die Rettungsgasse ist an vielen Stellen zu eng für die Lkws der Feuerwehr. »Das war Millimeterarbeit.« 

Nicht so ungewöhnlich
Das ist noch nicht so ungewöhnlich. Dass Auto- und Lkw -Fahrer eine zu schmale Rettungsgasse bilden, kommt häufiger vor. Auch dass, wie am Mittwoch, Autos die Rettungsgasse blockieren, obwohl die Rettungsdienste mit Sirene und Blaulicht auf sich  aufmerksam machen, ist eher die Regel als die Ausnahme. 
Die Geschehnisse auf der A 5 haben aber zumindest für die Ortenau eine neue Qualität.  »Es gab wilde Schreiereien. Wir sind richtig beschimpft worden«, berichtet der Kommandant von der Fahrt durch die Rettungsgasse. 

Angebrüllt worden
»200 Meter vor der Einsatzstelle musste ich dann aussteigen. Es standen einfach zu viele Fahrzeuge rum«, erinnert sich Wegel. Er habe versucht den Autofahrern klar zu machen, dass es um Menschenleben geht. Daraufhin sei er angebrüllt worden, er solle sich nicht so anstellen. 
Einem besonders renitenten Autofahrer droht der Feuerwehrmann damit, sich sein Kennzeichen zu notieren und ihn anzuzeigen. »Dann bringe ich dich um«, schreit ihn der Fahrer an. Mit einigen Stunden Abstand, glaubt Wegel, dass der Fahrer »mit der Situation überfordert war«. Als Wegel am Unfallort ankommt, liegt der Tote zugedeckt auf der Straße. Es habe immer wieder Menschen gegeben, die zum Handy griffen, um die Szene abzulichten. Denen droht Wegel: »Ich bringe Sie zur Anzeige, wenn ich irgendwo die Bilder und Videos finde.«

Extremer Einsatz
Am Tag danach versuchte er das Geschehene einzuordnen. »Das war schon extrem für uns.« Und es ist ein Problem, das, so Wegels Erfahrung, in den vergangenen Jahren immer schlimmer geworden ist. 
Peter Westernmann,Leiter der zuständigen Verkehrspolizei, war nicht bei dem Unfall dabei. Aber er hat gleich am Donnerstagmorgen begonnen, sich einen Überblick zu verschaffen. »Ich kann nicht verstehen, dass man Ehrenamtliche, die helfen wollen auch noch beleidigt«, sagte er im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse. Besonders betroffen gemacht hat ihn, dass ein Feuerwehrmann nach dem Einsatz überlegt, »den Bettel hinzuschmeißen«. Dass die Probleme beim Bilden der Rettungsgasse immer schlimmer werden, will er allerdings nicht bestätigen. »Das ist nicht schlimmer und nicht besser geworden.« Trotzdem wird er intern aufbereiten lassen, »ob so etwas häufiger vorkommt«.

Autor:
Jens Sikeler

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Hintergrund

Deshalb werden die Täter selten bestraft

Die Gaffer und Pöbler vom Mittwoch werden vermutlich ungeschoren davonkommen, obwohl die Gesetze in diesem Bereich erst in jüngster Vergangenheit verschärft wurden. »Natürlich ist ein zugestellter Rettungsweg eine Ordnungswidrigkeit«, erläutert Peter Westermann, der Leiter der Verkehrspolizei in Baden-Baden. 
»Es würde uns helfen, wenn es in Deutschland eine Halterhaftung geben würde, macht Westermann deutlich. Das bedeutet, dass der Fahrzeughalter für mit seinem Fahrzeug begangene Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten haftet. Das Problem für Westermanns Beamte: Es reicht nicht, wenn die Feuerwehr sich die Kennzeichen notiert. »Wir müssen den Fahrer ermitteln«, so Westermann. Wenn jede Minute zählt, ist das ein Ding der Unmöglichkeit. »Die Einsatzkräfte können ja nicht plötzlich stehen bleiben. Auch der Einsatz von Kameras ist nicht möglich, weil mit ihnen der Fahrer nicht identifiziert werden kann.

Kommentar

Verständliche Wut

Erste Journalistenregel: Sich mit einer Sache nie gemein machen. Das fällt hier schwer, denn der Fall macht wütend. 
Es geht in diesem Fall um Menschenleben und um nichts anderes. Da kann sich auch keiner rausreden. Wenn es sich auf der Autobahn staut und sich die Rettungskräfte mit Blaulicht und Sirene durch den Verkehr kämpfen, muss klar sein, wie ernst die Situation ist.
»Jede Sekunde zählt.« Man muss das mal zu Ende denken. Am Mittwoch spielte es keine Rolle mehr, wann die Rettungskräfte eintrafen. Als unmittelbar nach dem Unfall  andere Autofahrer das Opfer aus seinem Auto zogen, war der Mann bereits tot. Aber wer von den Menschen, die mir ihren Fahrzeugen die Acherner Feuerwehrmänner behinderten, konnte sich dessen sicher sein? Die Zeit, die die Feuerwehr aufgehalten wurden hätte auch die sein können, in der das Opfer hätte noch mit lebensrettenden Medikamenten versorgt werden können. Jeder, der bei einem Stau nicht sofort eine Rettungsgasse bildet, macht sich so potenziell mitschuldig am Tod eines Menschen. 
Noch einmal eine ganz andere Dimension hat es, wenn Feuerwehrkommandant Michael Wegel davon berichtet, bedroht worden zu sein, nur weil er sein Arbeit machen wollte. Dieser Egoismus und die Blindheit dem Leid anderer Menschen gegenüber macht fassungslos.

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