Ortenau

Darum gibt es immer mehr Pendler in der Ortenau

14. Juli 2017
&copy Ulrich Marx

Zehntausende Ortenauer pendeln täglich, und es werden von Jahr zu Jahr mehr. Wir haben mit Ernst-Jürgen Schröder, Professor für Geographie an der Universität Freiburg, über diese Entwicklung gesprochen. 
 

Frühstücken, Zähneputzen, raus aus dem Haus, fünf Minuten auf dem Rad und danach ins Büro oder in die Fabrik. In dieser glücklichen Lage sind nur die wenigsten Menschen. Stattdessen fahren die meisten mit dem Auto oder der Bahn zur Arbeit.  Wie verbreitet das Pendeln tatsächlich ist, machen die Zahlen für Offenburg deutlich. Laut der Pressestelle der Stadt gab es 2013 30 300 Berufspendler, die nach Offenburg kamen ,und 10 300, die aus der Stadt herauspendelten. Damit ist Offenburg mit seinen rund 60 000 Einwohnern nach Angaben des Statistischen Landesamtes die Kommune mit dem zehnthöchsten Pendlerüberschuss  in Baden- Württemberg. 

Unterschiedliche Zahlen

Die Zahlen, die der Pendlerexperte Ernst-Jürgen Schröder, Professor für Geographie an der Universität Freiburg, für Offenburg nennt, sind aktueller, nämlich aus dem Jahr 2016, mit einem Einpendler-
überschuss von 16  266 aber geringer. Das liege daran, dass die Bundesagentur für Arbeit  – von der die Zahlen stammen – nur sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer, aber keine Beamten und Selbstständigen miteinbeziehe, erläutert Schröder. 
Neben Offenburg gibt es in der Ortenau noch mehrere Städte, in die deutlich mehr Menschen ein- als auspendeln (Einpendlerüberschuss in Klammern). Neben Lahr (3638) sind das auch Kehl (2843), Rust (2012), Haslach (1175), Achern  1156) und auch Hausach (897). Die hohe Zahl der Einpendler führt Schröder auf die wirtschaftliche Stärke der jeweiligen Städte  zurück. Rust habe zum Beispiel wegen des Europa-Parks viele Einpendler.

Herr Professor Schröder, wie hat sich die Zahl der Pendler in den vergangenen Jahren entwickelt?

Schröder: Der Anteil der Arbeitnehmer, die pendeln, hat in Deutschland zwischen 2000  und 2016 von 53 auf 60 Prozent zugenommen. Das hat mich selbst sehr überrascht. Damit sind aber noch nicht alle Menschen, die längere Strecken zur Arbeit fahren, erfasst. Wer von Zell-Weierbach nach Offenburg fährt, ist zum Beispiel statistisch kein Pendler, weil er die Gemeindegrenzen nicht überschreitet. 

Wieso sind Sie von dieser Entwicklung überrascht? 

Schröder: Es widerspricht dem Trend der Digitalisierung der Arbeitswelt. Andererseits ist die Attraktivität der Home-Office-Arbeitsplätze gar nicht so hoch. Face-to-Face-Kontakte sind immens wichtig. Außerdem fordern diese Arbeitsplätze eine enorme Eigendisziplin. Für Mütter hingegen sind sie sehr attraktiv.

Wie empfinden die Menschen das Pendeln? Last oder notwendiges Übel?

Schröder: Das ist sehr unterschiedlich. Manche empfinden die Zeit als entgangenes Lebensglück. Manche empfinden den täglichen Stau als gar nicht so schlimm. Sie nutzen ihn als Ruhepause zwischen dem Stress im Büro und dem Stress zu Hause.  

Welche Gründe gibt es dafür, dass immer mehr Menschen pendeln? 

Schröder: Ein Grund ist die ungleiche  Verteilung der qualitativ hochwertigen Arbeitsplätze. Die sind vorrangig in attraktiven Städten und Universitätstädten konzentriert.

Welche Rolle spielen steigende Immobilienpreise vor allem in den Städten? 

Schröder: Die Leute sind dazu gezwungen, auf günstigeren Baugrund zurückzugreifen. Das führt dazu, dass man sich entlang der Pendlereinzugsschneisen ansiedelt.

Gibt es auch eine gegenläufige Entwicklung? 

Schröder: Ja, manche Kollegen sprechen schon von der Renaissance der Städte. Gerade ältere Menschen erkennen, dass sich das Leben in der Stadt einfacher organisieren lässt ,und ziehen zurück. 

Wie viele Pendler nutzen das Auto, wie viele den Zug? 

Schröder: Das ist von Region zu Region unterschiedlich und hängt von der Qualität der Zugverbindung und des öffentlichen Nahverkehrs ab. Je besser deren Qualität ist, desto häufiger lassen die Pendler das Auto stehen. Der eigene Pkw ist aber immer noch das beliebteste Verkehrsmittel. 

Ist ein Einpendler-überschuss ausschließlich positiv für die betroffenen Gemeinden? 

Schröder: Die Einpendlerzentren, zu denen auch Offenburg gehört, haben morgens wie abends mit überlasteten Verkehrssträngen zu kämpfen. Für die Stoßzeiten müssen sie auch eine entsprechende Infrastruktur vorhalten. Dafür profitieren sie von einem guten Image und von der Gewerbesteuer. 

Welche Auswirkungen hat das Pendeln auf die Umwelt? 

Schröder: Die Klimabilanz ist verheerend, vor allem, wenn das Pendeln sich im Pkw abspielt und wenn keine Fahrgemeinschaften gebildet werden. Man kann nur eine Konsequenz daraus ziehen und die   Bahnverbindungen und den Öffentlichen Nahverkehr ausbauen. Außerdem sollten Neubaugebiete in der Nähe der  Schienennetze konzentriert werden. 

Autor:
Jens Sikeler

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