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Das Erlebte verarbeiten: Fabian G. vertraut auf den Verein "Aufschrei"

Von Christiane Agüera Oliver
Lesezeit 4 Minuten
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13. Dezember 2023
Sexuelle Gewalt an Männern wird oft von den Betroffenen selbst nicht als solche erkannt. Unser Symbolfoto zeigt einen Tagungsteilnehmer, der bei einer Fachtagung zur Prävention von sexuellem Missbrauch eine Präsentation auch zu diesem Thema betrachtet.

Sexuelle Gewalt an Männern wird oft von den Betroffenen selbst nicht als solche erkannt. Unser Symbolfoto zeigt einen Tagungsteilnehmer, der bei einer Fachtagung zur Prävention von sexuellem Missbrauch eine Präsentation auch zu diesem Thema betrachtet. ©Julian Stratenschulte

Die Benefizaktion unserer Zeitung läuft weiter, weil der Verein "Aufschrei" gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Erwachsenen" erheblichen Finanzbedarf hat. Zum Beispiel, um in die Beratung von Opfern zu intensivieren. Fabian G. erzählt heute seine Geschichte.

"Es war eine schräge Nummer. Im Nachhinein gab es viele Anzeichen als Warnungen dafür", sagte Fabian G. (Name von der Redaktion geändert). Und er ist sich sicher, dass er heute viel früher eine Grenze setzen würde. Seit Frühjahr 2020 ist der Ortenauer im Gespräch mit Fachberater Manuel Tumino von "Aufschrei". Dort habe er gelernt, zu sich selbst zu stehen. "Ich lernte viel über mich, wie ich damit und überhaupt mit Gewalt umgegangen bin", berichtet er. In den Beratungen sei es dabei nicht nur um den "Vorfall", wie er das Geschehene nennt, gegangen. "Es ging um mich."

Über einen Bekannten wurde Fabian G. im Sommer 2018 an einen Mann vermittelt. Der Anfang 70-Jährige habe Hilfe bei Reparaturarbeiten auf seinem Segelboot in Frankreich gesucht. Zusammen fuhren die beiden Männer hin. In der "sehr engen" Bootskabine verbrachten sie zwei Nächte, weil es nur einen Heizlüfter gegeben habe. In der zweiten Nacht habe sich der Mann erst "angekuschelt", kam immer näher. Langsam habe er den Oberschenkel, Bauch und schließlich die Genitalien des jungen Mannes nicht nur gestreift. Wie erstarrt habe er gar nichts machen können. "Das Krasse ist, dass man das währenddessen gar nicht richtig realisiert", erinnert sich G. Erst als der Mann weitermachen wollte, sei er aus der Kabine gegangen.

Gegen Gefühl gewehrt

Bei zwei jüngeren Franzosen, 16 und 17 Jahre alt, habe er dies auch probiert. Es kam G. erst später in den Sinn, dass es bereits frühzeitig Zeichen für die übergriffigen Tendenzen gegeben habe. Bei gutem Essen und nach dem zweiten Glas Wein sei der ältere Mann dem einen Franzosen gegenüber "touchy" geworden. "Für mich war das die darauffolgende Zeit schwer einzuordnen", beschreibt Fabian G. Er habe sich gegen das Gefühl gewehrt und sei innerlich auf Distanz gegangen. "Und ich hatte viel Wut. Gleichzeitig fühlte ich mich schlecht, ließ es aber gar nicht an mich ran." Er habe sich nichts anmerken lassen wollen. Als er es seinen WG-Mitbewohnern auf eine komische und empörte Art, "so wie im Kabarett" erzählte, hätten alle gelacht. Auch er. Dem Freund, der den Kontakt zum Täter hergestellt hatte, sagte er es jedoch deutlich ins Gesicht und wurde als Lügner bezeichnet. Eine Woche später versicherte der Freund, nach Rücksprache mit dem Täter, dass G. etwas falsch verstanden habe und es so gar nicht gewesen sei. "So kommt dieser eklige Typ mit seiner Masche durch."

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Eine Bekannte, die Sozialarbeiterin ist, hat ihm schließlich "Aufschrei" empfohlen. Das war Ende 2019. "Ihr erzählte ich es auch wie im Kabarett, sie nahm es aber direkt ernst", berichtet er. "Du bist Opfer von sexueller Gewalt geworden", habe sie deutlich gemacht. Fabian G. sei es schlagartig übel geworden. "Ich wollte mich so verkriechen, als gäbe es mich gar nicht mehr. Ein nüchterner, gut gemeinter und ernster Satz und meine ganze Abwehr war zerbrochen. Erst dann konnte ich wirklich zulassen, wie es mir damit ging." Ein paar Wochen später nahm er den ersten Kontakt zu "Aufschrei" auf.

Nach außen lustig

"Meine Art von Schutz war, mich innerlich komplett zu verschließen, nach außen aber lustig und heiter zu sein", blickt er zurück. Er habe gemerkt, dass er Sicherheit brauche und nur schwer vertrauen könne. "Dann konnte ich Scham, Wut und Ekel fühlen. Ich denke heute noch, wie dumm und naiv ich damals war, aber wer rechnet auch mit sowas? Und ich glaube auch, dass mir so etwas heute nicht mehr passieren würde", sagt der inzwischen 27-Jährige. Mittlerweile könne er sich besser anvertrauen, "auch wenn es nur wenige Menschen gibt, die vertrauenswürdig genug dafür sind."

In Manuel Tumino hat Fabian G. eine solche Vertrauensperson gefunden. Es sei nicht immer leicht, sich in Gesprächen anzuvertrauen, weiß auch der Fachberater. "Sexuelle Gewalt an Männern wird oft von den Betroffenen selbst und auch vom Umfeld nicht als solche erkannt beziehungsweise bewertet", sagt er. Für männliche Betroffene könne es schwer sein, den Opferstatus zu bekommen, welcher gängigen Männlichkeitsmodellen - stark, unabhängig, er schafft alles selbst - entgegenlaufe. "Das kann dazu führen, dass Männer sich keine Hilfe holen oder erst, wenn es wirklich nicht mehr geht."

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