Ortenau

Das war "Leser helfen" 2023/2024

Christine Agüera Oliver
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19. Februar 2024
Es ist vollbracht: Kurz vor dieser Aufnahme wechselte die Spendensumme von 133.000 Euro den Besitzer und ging an den "Aufschrei" (von links): Matthias Geppert, Michael Hattenbach, Marina Busam (alle Vorstand "Aufschrei"), Christine Agüera Oliver, Stefanie Zimmer und Wolfgang Kollmer (alle Mittelbadische Presse und Förderverein "Leser helfen").

(Bild 1/6) Es ist vollbracht: Kurz vor dieser Aufnahme wechselte die Spendensumme von 133.000 Euro den Besitzer und ging an den "Aufschrei" (von links): Matthias Geppert, Michael Hattenbach, Marina Busam (alle Vorstand "Aufschrei"), Christine Agüera Oliver, Stefanie Zimmer und Wolfgang Kollmer (alle Mittelbadische Presse und Förderverein "Leser helfen"). ©Christoph Breithaupt

Nach drei Monaten ist die 28. Benefizaktion "Leser helfen" der Mittelbadischen Presse am Ziel: Stattliche 133.000 Euro kommen dem Ortenauer Verein "Aufschrei" gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Erwachsenen zugute, der damit die Prävention und Beratung ausbauen möchte.

Es ist ein Tabu-Thema, macht oft ungläubig und erschüttert. Umso wichtiger ist es, den Betroffenen zu helfen, aber auch präventiv vorzubeugen und aufzuzeigen, wie geholfen und das Unaussprechliche erkannt werden kann.

Der Ortenauer Verein „Aufschrei“ gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Erwachsenen leistet einen wichtigen Beitrag und stand rund drei Monate lang im Mittelpunkt der Aktion „Leser helfen“. Spendenbereitschaft und Solidarität ist ein sehr wichtiges Gut, das auch die Leser der Mittelbadischen Presse auszeichnet, so dass am Ende der 28. Benefizaktion ein hervorragendes Ergebnis von 133.000 Euro auf dem Spendenkonto stand. In der 27-jährigen Geschichte von „Leser helfen“ ist dieses stattliche Ergebnis als eine bedeutende Spendensumme anzusiedeln (siehe nebenstehende Box). Gerade vor dem Hintergrund der derzeitigen großen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Unsicherheiten ist dieser Beitrag, sich für besonders schutzbedürftige Menschen in der Ortenau einzubringen, nicht hoch genug zu bewerten.

„Wir können es noch immer nicht glauben und sind sprachlos“, zeigte sich die erste Vorsitzende von „Aufschrei“, Marina Busam, dankbar. Gemeinsam mit dem zweiten Vorsitzenden Michael Hattenbach und Vorstandsmitglied Mathias Geppert nahm sie dieser Tage glücklich den Scheck von Wolfgang Kollmer entgegen. Der Herausgeber der Mittelbadischen Presse und Vorsitzende des Fördervereins „Leser helfen“ war ebenso dankbar für die große Spendenbereitschaft. „Gerade weil eine solche Spendenbereitschaft in Zeiten wie diesen nicht selbstverständlich ist, macht diese Art von praktizierter Solidarität mit Menschen, denen es nicht so gut geht, Mut und gibt Hoffnung“, so Kollmer. Und stellt beeindruckt fest: „Auf unsere Leser ist Verlass!“

 

2400 Einzelspenden

Mit 2400 Einzelspenden wurde einmal mehr ein Spitzenwert erreicht, der nur zweimal, seit es „Leser helfen“ gibt, übertroffen wurde. „Unsere Leser haben mit dieser Spendenbereitschaft ein beeindruckendes Zeichen gesetzt. Dafür bin ich sehr dankbar. Außerdem zeigt die Anzahl der Spender das breite und damit stabile Fundament unserer Benefizaktion. Ein Fundament, das Hoffnung macht für die Zukunft.“ Gerade auch über die Vielzahl der Kleinspenden ist Kollmer froh. „Diese sind genauso wertvoll und kommen von Herzen“.

„Leser helfen“ wird nicht nur getragen von dem individuellen Wunsch zahlreicher Ortenauer, zu helfen, sondern traditionell von Vereinen, Firmen und Gruppierungen, die oft mit eigenen Aktionen erhebliche Spendensummen beitragen.

Erwähnt seien hier der SC Durbachal, der jedes Jahr mit beträchtlichem Engagement den Silvesterlauf auf die Beine stellt und natürlich das Neujahrsschwimmen von Weberhaus in der World of Living in Linx, dem traditionellen Schlusspunkt von „Leser helfen“. Dazu zählen aber auch Schulklassen und Vereinsgruppen, die Selbstgebasteltes auf Weihnachtsmärkten verkaufen, und diesmal auch ein Ortenauer, der an seinem 80. Geburtstagsfest statt Geschenke zu Spenden für „Leser helfen“ aufgerufen hatte.

Nicht zu vergessen die großzügige Spende des bekannten Ortenauer Entertainers und Trompeters Helmut Dold, der als Kolumnist „Hämme“ den Lesern der Mittelbadischen Presse bestens bekannt ist. Er hat den kompletten Verkaufserlös seines ersten Kolumnen-Büchleins für „Leser helfen“ gespendet: 12.500 Euro! „Was für eine Geste“, lobte Herausgeber Wolfgang Kollmer. Einige, die für die Aktion zu den Erfahrungsberichten beitrugen, seien zunächst skeptisch gewesen, da es sehr persönlich, jedoch wichtig für das Anliegen von „Aufschrei“ sei. Umso mehr freuten sich das Vorstandsteam, wie auch die Fachleute von der Beratungsstelle in der Offenburger Hindenburgstraße 28 über die Resonanz und den Zuspruch, trotz eines „so sperrigen Themas“, wie Michael Hattenbach befand. Doch es sei nicht nur die wertvolle monetäre Unterstützung, sondern auch die mediale Präsenz in den rund drei Monaten lang mit immer wieder neuen Themenfeldern. Dies sei von unschätzbarem Wert, wie Mathias Geppert ergänzte.

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Egal ob Betroffene sexualisierte Gewalt in ihrer Kindheit, Jugendzeit oder aktuell erfahren, ermutigt sie „Aufschrei“ nach einer Erfahrung mit sexualisierter Gewalt nicht alleine zu bleiben. Betroffene haben mit den Folgen zu kämpfen, auch wenn sexuelle Gewalt schon lange vorbei ist.  Angehörige und Vertrauenspersonen können sich ebenso beraten lassen, denn oftmals ist das Umfeld ebenfalls stark belastet und benötigt Unterstützung.

Beraten werden Mädchen und Jungen ab zwölf Jahren, Frauen und Männer. Dabei laufen die Beratungen ganz individuell ab. Eine kurze Krisenintervention mit einem einmaligen Gespräch, aber auch Termine über einen längeren Zeitraum sind möglich. Seit 2023 fallen keine Beratungsgebühren mehr an. „Betroffene kommen zu uns, die noch sehr am Anfang auf ihrem Weg der Aufarbeitung stehen“, berichtet Sozialpädagogin Dagmar Stumpe-Blasel.

785 Beratungen

Allein im Jahr 2022 gab es 785 Beratungskontakte, persönliche in den Beratungsräumen, per Online-Beratung, bis hin zum Telefongespräch. So waren von insgesamt 273 Klientinnen und Klienten, unter
anderem 121 Opfer von sexuellem Missbrauch in Kindheit und Jugend, 71 Opfer von sexualisierter Gewalt im Erwachsenenalter, 22 von anderen Übergriffen wie Stalking, 21 Opfer von sexuellen Übergriffen unter Jugendlichen und 15 unter Kindern.

47 Prozent der Betroffenen nahm die Beratung selbst in Anspruch, 21 Prozent waren Angehörige und 30 Prozent Institutionen. Davon lag der Prozentsatz bei Frauen mit 72 Prozent am höchsten, bei Männern waren es 17 Prozent. Die Jüngsten von null bis 13 Jahren waren zum Zeitpunkt des Übergriffs am meisten betroffen, danach die 14- bis 17-Jährigen. Die Herkunft der Betroffenen war hauptsächlich aus Offenburg, gefolgt von Lahr und Achern. Überall wo sich Menschen begegnen, kann es sexuelle Gewalt geben. Meistens passieren sexuelle Übergriffe in der eigenen Familie oder im nahen Umfeld. Sexualisierte Gewalt stellt eine besonders massive Persönlichkeitsverletzung dar. Jeder Mensch kann davon betroffen sein, egal welchen Geschlechts, Alters oder sozialer Schichten und Nationalitäten.

Geschlechterspezifische Beratung und Begleitung, Intervention bei Missbrauchsvermutung, Prävention, Fortbildung und die Erarbeitung von Schutzkonzepten sowie die psychosoziale Prozessbegleitung umfasst das breite Spektrum des Fachteams, das immer mehr an seine Kapazitäten und somit Grenzen stößt. Dabei ist der Wunsch, früh einzugreifen und Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen, groß. Mit wirksamen Maßnahmen der Prävention setzt „Aufschrei“ dieser Gefahr etwas entgegen. Ihre Präventionsprojekte richten sich an Kinder und Jugendliche in verschiedenen Institutionen wie Schulen, Kindertagesstätten, der Jugendhilfe und Vereine und lassen sich gut in die gültigen Lehrpläne einbauen.

Dem Wunsch vieler, nach Fortbildungen und Unterstützung bei der Erarbeitung von Schutzkonzepten konnte nicht mehr nachgekommen werden. Zudem werden auch dringend mehr Kapazitäten im Bereich der Beratung von Betroffenen gebraucht.

Mit den Spendengeldern kann hier nun noch intensiver geholfen werden. „Diese Aktion ermöglicht es uns, unsere Arbeit weiter auszubauen“, dankte die Vorsitzende von Herzen.

 

Info

Für die nächste Aktion jetzt bewerben

„Leser helfen“, die traditionsreiche Benefizaktion der Mittelbadischen Presse, geht in die 29. Runde. Ab sofort können Bewerbungen an untenstehende Mail-Adresse abgegeben werden. Unterstützt werden grundsätzlich nur Projekte, die Menschen zugutekommen, die sich nicht selbst helfen können. Für die Projekte müssen dabei alle öffentlichen Fördermöglichkeiten ausgeschöpft worden sein.

Die Mitgliederversammlung des Fördervereins „Leser helfen“ sichtet anschließend die eingegangenen Bewerbungen und trifft eine Entscheidung. Leser können uns aber auch ein Projekt vorschlagen, sodass wir mit dem Träger Kontakt aufnehmen können. Spätestens nach den Sommerferien steht das nächste Projekt fest. Dann kann es Ende Oktober wieder losgehen mit dem Motto „Leser helfen“. 

Kontakt: wolfgang.kollmer@reiff.de 

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