Benefizaktion der Mittelbadischen Presse

Dem Opferstatus entrinnen: Elfi S. berichtet wie "Aufschrei" ihr half

Von Christiane Agüera Oliver
Lesezeit 7 Minuten
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22. Dezember 2023
"Aufschrei"-Fachberaterin Dagmar Stumpe-Blasel bei einer Beratung: Die Sozialpädagogin betreut Elfi S. seit vielen Jahren. "Der Verein hat mir den geschützten Raum für Tränen, Austausch und Rückhalt zur Verfügung gestellt", sagt die betroffene Frau.

"Aufschrei"-Fachberaterin Dagmar Stumpe-Blasel bei einer Beratung: Die Sozialpädagogin betreut Elfi S. seit vielen Jahren. "Der Verein hat mir den geschützten Raum für Tränen, Austausch und Rückhalt zur Verfügung gestellt", sagt die betroffene Frau. ©Stephan Hund

Die 60-jährige Elfi S. wurde als Kind und Jugendliche Opfer sexueller Gewalt. Sie fand Hilfe beim "Aufschrei", für den "Leser helfen" Spenden sammelt. Stolze 101.000 Euro sind bis jetzt zusammengekommen.

Elfi S. heißt eigentlich anders, für diesen Erfahrungsbericht haben wir sie so genannt. Aber ihre "Geschichte" ist echt. Ein eindrückliches, oft bedrückendes Beispiel aus der Arbeit des  "Aufschrei", der Missbrauchsopfer betreut und den die Mittelbadische Presse mit ihrer diesjährigen "Leser helfen"-Aktion unterstützt. Lassen wir Elfi S. erzählen.

"Ich bin Opfer von sexualisierter Gewalt in meiner Kindheit und Jugend. Ich konnte damals mit niemandem darüber sprechen. Da war auch niemand, dem ich mich hätte anvertrauen können. Keine Vertrauenslehrer, keine Anlaufstelle und auch innerhalb der Familie wurde es totgeschwiegen. Es war einfach ein großes Tabuthema über das nicht gesprochen wurde.

Aber ich habe viele Jahre funktioniert und überlebt. Wie ich das gemacht habe? Meine Erinnerungen an die Übergriffe waren einfach nicht mehr da. Mein Körper und meine Seele waren getrennt voneinander. Ich konnte mich nicht als Ganzes fühlen. Weil mich das verwirrte, konzentrierte ich mich ganz auf meine Bildung und wechselte den Wohnort. Ich habe also einen neuen Lebensmittelpunkt gewählt und mein Studium begonnen. Ich bin in einer anderen Stadt komplett neu und alleine gestartet.

Zur innerlichen Ruhe bin ich jedoch nie gekommen. Ich war ständig körperlich und seelisch am Anschlag – immer angetrieben von irgendetwas. In diesem Überlebensmodus konnte ich mich nicht mehr spüren und bin so ständig über meine Grenzen gegangen. Mein Leben bestand aus Extremen – von Powerfrau bis zur völligen Erschöpfung. Und ich verstand ja selbst nicht, was mit mir los war. Da hatte ich noch keine Erinnerungen. Zu meinen Überlebensstrategien gehörten auch, dass ich mich selbst verachtete, mein trockener Humor und alles herunterspielen wollte.

Erst mit Mitte 20 kam dann durch eine unabsichtliche Äußerung einer Person die Erinnerung an meine Erlebnisse mit voller Wucht zurück. Es wurde alles nach oben geholt und es brach in mir aus. Die Erinnerungen ließen sich nicht mehr einsperren. Heute weiß ich, dass ich damals getriggert wurde. Es gab einen Auslöser dafür, dass diese Flashbacks, also Erinnerungen, die sich gefühlsmäßig und körperlich so anfühlen als wäre es wie damals in der Situation selbst, nicht mehr aufgehört haben.

Damals hatte ich den Impuls, mir Hilfe in der Therapie zu holen. Ich wollte hinschauen und verstehen, was mit mir los war. Es folgten dann auch Klinikaufenthalte. Wirklich schlimm war, dass anfangs niemand an meine Missbrauchserlebnisse heranwollte. Alle wollten erst einmal meine Erinnerungen wieder deckeln und niemand wollte mit mir darüber sprechen – wie damals als Kind und Jugendliche. Heute weiß ich, dass in der Traumatherapie die Stabilisierung im Vordergrund steht. Aber wegen der Stabilisierung gingen nochmal viele Jahre ins Land.

In der Therapie hat mir am meisten geholfen, die Distanzierungstechniken zu lernen. Mir wurden Methoden an die Hand gegeben, wie ich Erinnerungen, Gefühle von außen betrachten kann, sodass ich davon nicht überflutet werde und keine Panik bekomme. Das war ein langer Prozess. Da gab es die Methode der „Bildschirmtechnik“, alles wie im Film anschauen, der „Tresor“, sich vorstellen, alles Schlimme sicher in einen Tresor zu verstauen, oder die Methode „Gepäck ablegen“, die Vorstellung alles Schwere zu verpacken und irgendwo abzulegen. Das ist jetzt alles vereinfacht dargestellt und ist in Wirklichkeit viel komplizierter. Mein Weg zur Distanzierung lief immer über die Bewegung – also beim Spazierengehen oder andere Körperübungen wie beim Thai Chi, der körperorientierten psychotherapeutischen Methode (KBT) oder WenDo. Das ist ein besonderer Selbstverteidigungskurs für Frauen. Ich weiß noch, wie ich mich beim WenDo das erste Mal wieder spüren konnte und mit meiner Kraft in Berührung kam. Ich spürte, dass ich mich wehren kann.

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Mir wurde eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Das heißt, meine Belastungen haben einen Grund, die auf traumatische Erlebnisse zurückzuführen sind. Zu meinen Symptomen gehören Alpträume, Selbstzweifel, Flashbacks, ein geringes Selbstwertgefühl in Krisenzeiten, die Ablehnung meines Körpers, Durchfall, Kopfschmerz, Erbrechen, Schüttelfrost, Ängste, Panikattacken, Existenzängste. Über Jahre hinweg konnte ich nicht weinen. Ich konnte mich nicht mehr spüren und ich zog mich sozial zurück. Ich entwickelte eine soziale Phobie und starke Depressionen, war ständig erschöpft. Um mich vor diesen Symptomen zu schützen, fing ich an, vieles zu vermeiden. Da war zum Beispiel die Farbe Rot, die schlimme Panik auslöste. Es ist jedoch schwer, überall die Farbe Rot zu meiden und kostet viel Anstrengung. So ging es auch mit Gerüchen oder Geräuschen – wie das Telefon, Deo und Rasierwasser. 

Mir ist heute bewusst, dass ich das alles nicht komplett loswerde. Meine Seele ist unwiederbringlich verletzt worden, mein Urvertrauen erschüttert. Ich kann jedoch jetzt sagen, dass ich all meine Erlebnisse in mein jetziges Leben integriert habe – wohlwissend, dass es immer wieder Phasen in meinem Leben geben wird, in denen es mir besser und auch schlechter geht. Heute habe ich ein geringes, regelmäßiges stabiles Einkommen und umgebe mich mit Menschen, die mir guttun. Um mich sind Menschen, die mich wertschätzen und meine Eigenarten akzeptieren. Ich fühle mich auch nicht mehr als Opfer, denn ich kann mitteilen, wenn es mir schlecht geht und meine Freunde bieten mir Unterstützung an. Ich schaffe es, aus dem Alleinsein herauszukommen.

Es war viel Arbeit, dieses Netzwerk um mich herum aufzubauen. Die über Jahre hinweg gleichbleibende Beraterin Dagmar Stumpe-Blasel bei "Aufschrei" hat mir dabei geholfen. Es hat lange gebraucht, bis ich mich getraut habe, einen Termin bei "Aufschrei" auszumachen. Das ist nun schon viele Jahre her und oft bin ich an der Beratungsstelle nur vorbeigelaufen. Der Name "Aufschrei" hat mich abgeschreckt. Aber irgendwann habe ich es dann doch geschafft. Ich kann sagen, dass ich durch die regelmäßigen Kontakte mit der Beraterin und in der psychotherapeutischen Begleitung gelernt habe, zu laufen. Neben den Beratungsgesprächen hat mir auch die angeleitete Selbsthilfegruppe bei "Aufschrei" gutgetan. Hier habe ich andere Betroffene kennen gelernt und gemerkt, dass ich nicht alleine mit meinen Erfahrungen bin. "Aufschrei" hat uns den geschützten Raum für Tränen, Austausch und Rückhalt zur Verfügung gestellt. Dagmar Stumpe-Blasel unterstützte mich darin, dass ich die Expertin auf meinem Weg heraus bin.

In der Pandemie ist dann das mühsam aufgebaute soziale Netzwerk völlig zusammengebrochen. Das war schlimm. Ich war jedoch froh, dass nicht auch "Aufschrei" mir die Tür vor der Nase zuschlug – wie es mir oft in der Pandemie passiert ist. Hier durfte ich sein und habe Unterstützung bekommen – auch ohne die Maske, die mich triggerte. Meine Beraterin hat mit mir gemeinsam nach Lösungen gesucht, wie wir den Beratungskontakt Aufrechterhalten können – beispielsweise waren wir auch gemeinsam spazieren. "Geht nicht – gab´s nicht!"

Heute weiß ich, dass ich auch in Krisenzeiten wieder zu "Aufschrei" zurückkann und ich auch in größeren Abständen den Kontakt zu meiner Beraterin halten darf. Das stabilisiert mich. Meist reicht dann nur ein Gespräch.

Wenn ich mitbekomme, dass der Verein "Aufschrei" in finanzielle Nöte gerät, löst es in mir Ängste aus und verunsichert mich. Denn dann befürchte ich, dass die Begleitung und Unterstützung wegbrechen kann. Die Institution "Aufschrei" ist nicht nur für mich als Betroffene enorm wichtig in der Ortenau.

Abschließend kann ich sagen, dass es viel Zeit braucht, aber ein Weg aus der Opferrolle heraus ist möglich. Heute kann ich mit Flashbacks umgehen. Ich habe nicht nur überlebt, sondern ich habe angefangen zu leben. Es war ein langer und anstrengender Weg – ich lebe mein Leben – so wie ich es kann."

Info

Wer aktuell gespendet hat

Sonja Giessler, Bernd und Ute Beyer, Rof und Erika Mertz, Manfred und Josefine Ochs, Simon Dietrich, Evmarie Buick, Marina Huber, Carmela D'Orazio, Jürgen und Simone Hübner, Dieter Purper, Franz Suhm, Gerhard Wurth, Elfriede Heidt-Lacker, Dieter und Ingeborg Rapp, Heribert und Annerose Täbler, Brunhilde Armbruster, Klaus und Martina Schneider, Gudrun Rauber, Gisela Rauber, Gerhard und Eva-Maria Sutterer, Sofie Harter, Manfred Harter, Gertrud Himmelsbach, Maria Würth, Edmund Hogenmüller, Manuela Doll, Franz Lurk, Günter und Rosemarie Engelb, Reifen Dinser GmbH.

Martin Hoferer, Anja Sahl, Strohschuhgruppe Elgersweier, Margarete Sommer, Jutta Windisch-Kubin, Gerhard und Lucia Bruder, Michaela und Wilhelm Hoffmann, Essential Bytes GmbH & Co. KG, Mechthilde Schmidt, Miriam Lörz, Joachim Hoffmann, Brigitte Müller und Barbara Busam.

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