Leser helfen

Notgemeinschaft: So mühsam ist der Alltag im Frauenhaus

Autor: 
Ursula Gross
Lesezeit 3 Minuten
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10. November 2018
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Der Weg zurück in die Normalität ist harte Arbeit. ©Ulrich Marx

Das Frauenhaus ist ein Schutzraum für Gewaltopfer. Freiwillig ist hier niemand. Doch beengte Verhältnisse sind nur eine Mühsal. Die Frauen müssen sich Schritt für Schritt wieder in die Normalität zurückkämpfen. »Leser helfen« hat ein dringend benötigtes zweites Frauenhaus in der Ortenau zum Ziel.

Das Frauenhaus ist eine Wohneinrichtung des Vereins »Frauen helfen Frauen Ortenau« mit angeschlossener Übergangswohnung. Wo sich dieser Schutzraum für Opfer häuslicher Gewalt befindet, wird aus Sicherheitsgründen streng geheim gehalten. Nur für die Aktion »Leser helfen« berichten die Verantwortlichen, Geschäftsführerin Monika Strauch, Sozialarbeiterin Marie Glaser und Hauswirtschaftsleiterin Karin Homberg, wie der Alltag für Frauen und Kinder dort aussieht. 

Mütter und Kinder wohnen zusammen in den winzigen Zimmern. »Da muss man oft improvisieren«, erzählt Monika Strauch, Geschäftsführerin des Vereins Frauen helfen Frauen. Bis zur Decke reichen die Stock-Betten, Tisch und Stuhl komplettieren die Möblierung. Bisher sind es sechs Plätze im Haus und drei Plätze im Übergangswohnheim. Die sollen auf 20 Plätze aufgestockt werden. Und hier setzt der große Wunsch an die Leser um Spenden an: Das Frauenhaus braucht finanzielle Hilfe für Einrichtung von Zimmern, Gruppenraum, Küchen, eventuell für einen Spielplatz, für Fahrzeuge, Büroraum und den Hauswirtschaftsraum. 

Die Tage im Frauenhaus sollen zurück in die Normalität führen: In die Zeit, als für die spätere Existenz vorgesorgt war. Das erscheint in den ersten Tagen schwierig, denn viele Frauen sind körperlich und seelisch vollkommen erschöpft. Und unselbstständig gemacht worden. »Ich habe eine 40-jährige Frau erlebt, die das erste Mal eine Bankkarte in der Hand hielt«, so die Hauswirtschafterin. Wichtig sei, dass die Frauen ihre finanzielle Unabhängigkeit erreichen. Der Verein hilft unter anderem dabei, den Arbeitsplatz der betroffenen Frau zu erhalten. 

Ein völlig neues Lebensmodell

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»Es ist eine unfreiwillige Wohngemeinschaft«, schildert Karin Homberg die Herausforderungen der Wohngemeinschaft im Frauenhaus. Müssen Frauen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten einen Konsens finden, sich Regeln unterwerfen, überhaupt ein völlig neues Lebensmodell eingehen, ist das kein Zuckerschlecken. Es ist die Verwaltung eines Verlustes: Alle Bewohnerinnen des Frauenhauses geben ihr gesamtes Umfeld auf. Manche Frau kommt ohne Geld oder Ausweis an – von der Polizei aus der Gewaltsituation zu Hause gerettet, direkt aus Kliniken überwiesen, wo sie wegen Verletzungen behandelt wurde. Oft entschließt sich eine Frau nach Kontakten mit der Beratungsstelle, ins Frauenhaus zu gehen. Leicht fällt das keiner Frau.

Dass sie einen Koffer mit passender Kleidung gepackt hat, sei eher die Ausnahme. Dann greift eine Art Erste Hilfe. Im Frauenhaus bekommen viele Frauen als Erstversorgung eine »Notfall-Box«. Da sind zum Beispiel Sanitärartikel drin.  

Luxus erwartet die Frauen im Frauenhaus nicht. Dafür Geborgenheit und Zuwendung. Gerade Kinder verlieren sehr viel. Sie mussten meist Kindergarten oder Schule wechseln. Die Freunde dürfen sie nicht besuchen. Dazu kommt die bange Frage: »Wo ist der Papa?« 

Damit das Zusammenleben auf dem beengten Raum des Frauenhauses eine gewisse Struktur hat, gibt es Wochenplan, Zimmer-Protokoll und Hausversammlung zur Aussprache. Immer wieder betont das Vereinsteam, dass der Alltag in einem Frauenhaus hilft, den geschundenen und gedemütigten Frauen ihr Selbstwertgefühl wieder zurückzugeben. Kleine, eigentlich alltägliche Dinge sind für Menschen, die jahrelang nur Gewalt und Unterdrückung kannten, wie ein Traum aus einer anderen Welt. Die Bewohnerinnen versorgen sich und ihre Kinder selbst. Sie kaufen ein, kochen, halten ihr Zimmer in Ordnung und erledigen ihre Wäsche. 

»Wir schauen uns die Ressourcen der betroffenen Frauen an«, so das Team. Dann versuche man, dort zu fördern. Selbst ein Mittagessen auf den Tisch zu bringen, ohne dafür ausgeschimpft zu werden, ist eine neue, gute Erfahrung.

Info

Wo Sie spenden können

Volksbank in der Ortenau
IBAN DE03 664 900 00 000 2771403

Sparkasse Offenburg/Ortenau
IBAN DE89 664 500 50 0000 530700

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