Ortenau

Die Chancengeber

Autor: 
Thomas Reizel
Lesezeit 5 Minuten
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12. November 2015

Adrian Münzer (22) findet sich nach einem Hirntumor zunehmend besser in der Ausbildung zurecht. ©Christoph Breithaupt

Das Christliche Jugenddorf bildet in 25 anerkannten Ausbildungsberufen junge Menschen aus, die auf Anhieb keine Lehrstelle finden.
»Leser helfen« unterstützt in diesem Jahr das CJD.

Feilen quietschen, es riecht nach warm gewordenem Metall. Bereits seit 7.30 Uhr arbeiten rund 20 Jugendliche in der modernen Werkstatt des Christlichen Jugenddorfs in Offenburg. Sie bohren, fräsen, schleifen, prüfen, bessern nach – und freuen sich, wenn etwas gelingt. »Ich bin motiviert, es ist Montagmorgen«, sagt Adrian Münzer (22) beim Besuch der Mittelbadischen Presse und klatscht in die Hände. Manfred Wolf, Abteilungsleiter Handwerk und Technik, sowie Hans-Peter Reitter, zuständiger Ausbilder für das zweite Ausbildungsjahr Metall, freuen sich.

Vor dem Auszubildenden zum Zerspanungsmechaniker im zweiten Lehrjahr liegen technische Zeichnungen, er fertigt einen kleinen Schraubstock an. »Ich muss im Hundertstelbereich arbeiten«, erklärt Adrian und freut sich, dass er sein Werkstück bald mit nach Hause nehmen darf: »Ich habe selber etwas hergestellt, das ist das Schöne.«

Adrian Münzer war ein sehr guter Realschüler, hatte alle Chancen auf eine reguläre Ausbildung. »Aber 2012 hatte ich einen Hirntumor, der operativ entfernt werden musste. Ich konnte nicht mehr laufen, hatte Hirnblutungen, war ein Jahr in Reha«, erinnert er sich. Doch er kämpfte, besucht jetzt sogar die Beruflichen Schulen in Wolfach. Wer das nicht kann, wird in der Sonderberufsschule des CJD unterrichtet. Dabei sind Bildungsinhalte wie in einer normalen Ausbildung einzuhalten.
Unterdessen schleifen die beiden 18-Jährigen Andreas Trautmann und Lukas Schäfer sprichwörtlich an ihrer Zukunft. Der eine muss von Hand eine Platte nach Vorgaben anreißen, bohren und sägen, der andere an der CNC-Maschine fräsen. Beide haben ein Ziel: Lokführer. »Ich habe eine Modelleisenbahn. Mich interessiert die Technik«, sagt Lukas. Und Andreas erklärt, dass ein Metallberuf hilfreich für sein Ziel sein könnte.

Szenenwechsel: In den Räumen der Büro-Ausbildung sitzt Julia Kreiss (18). Sie arbeitet an einem Lernprogramm in deutscher und englischer Sprache. Der Computer gibt ihr vor, was sie in welcher Zeit fehlerfrei abtippen muss. Am PC kann die angehende Kauffrau für Büromanagement ihre Fortschritte erkennen.
Unterdessen arbeitet die Auszubildende Dinah Ratzinger (24) an einem Erfahrungsbericht nach einem Besuch bei der Hornberger Firma Duravit. »Was wir gelernt haben, ist, wie Bäder früher und heute ausgesehen haben. Ich fand’s toll.« Als zusätzliches Highlight nennt sie das Erinnerungsfoto an der weithin sichtbaren WC-Schüssel. Zur Ausbildung im kaufmännischen Bereich zählt auch der Dienst am Empfang und in der Verwaltung. Christoph Marks-Opitz (22) ist mit Kopier- und Scan­aufträgen, Post und Anfragen betraut. Sein Telefon klingelt, Besucher stehen vor der Tür. Freundlichkeit und Gelassenheit sind gefragt.

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Ausbilderin Yvonne Neff, zuständig für die Auszubildenden zum Fachpraktiker für Bürokommunikation, und Tanja Precht, Sozialpädagogin für alle Büroberufe, erklären die Herausforderungen: »Computer, Schneidemaschine, Schredder, Drucker, Ein- und Ausgangspost: Auch das sind anspruchsvolle und komplexe Tätigkeiten.« Gemeinsam mit Ausbilder Jürgen Beier, zuständig für die Kaufleute Büromanagement, betreuen sie derzeit 26 junge Menschen, deren Lehrzeit drei Jahre beträgt. Christoph Gleixner (21), Auszubildender im zweiten Lehrjahr, erstellt Schülerausweise und trägt die ihm per E-Mail übermittelten Daten ein. Er hat MS-Office-Pakete zur Verfügung. »So muss ich auch mein Berichtsheft und einen Geschäftsbrief schreiben.« Sein Ausbilder Jürgen Beier fördert ihn.

Erneuter Szenenwechsel. Vom Engagement des Christlichen Jugenddorfs haben auch Offenburger viel. »Die einst von Familie Schirrmann am Kopernikus-Platz, gegenüber dem Kreisschulzentrum, betriebene Edeka-Filiale wäre nach deren Umzug in die Ortenberger Straße gefährdet gewesen«, sagt Marktleiterin Sibylle Lehmann. Seit neun Jahren bereitet sie junge Menschen auf eine Ausbildung vor. »Ganz wichtig sind für sie praktische Arbeiten, die sie im Echt­betrieb erfahren, um auch für sich selbst eine Berufsentscheidung zu treffen«, sagt sie. Der praktische Teil der Ausbildung findet auch in Kooperationsbetrieben statt, Teile der Ausbildung wie Warenwirtschaft, Kasse und Kundenkontakt werden im Ausbildungsmarkt vermittelt. Denn das kleine Geschäft wird von Edeka zu regulären Preisen beliefert und wird normal geführt, mit allen Arbeitsschritten.

Claudia Lehmann (17) aus Oberharmersbach bestückt das Milchregal, füllt die Tiefkühltruhe, ist an Kasse und Backtheke im Einsatz. Sie befindet sich in einer einwöchigen Berufsorientierung. Die Arbeit macht ihr Spaß, weil sie viel mit Menschen zu tun hat. Doch könnte sich Claudia auch einen Beruf in der Gastronomie vorstellen. Das CJD bietet ihr Möglichkeit dazu.

Robin Imhof (20) aus Villingen-Schwenningen hat die Berufsorientierung in dem kleinen Geschäft bereits hinter sich. »Er ist geeignet für eine Ausbildung. Was er jetzt sucht, ist ein Praktikumsplatz, um die getroffene Berufswahl auch in einem externen Kooperationsbetrieb abzusichern«, sagt Sibylle Lehmann und hofft, dass Robin mit seinen Bewerbungen bald Erfolg hat.

Erfolg für das CJD Jugenddorf wünscht sich auch die Leser-helfen-Aktion der Mittelbadischen Presse. Das Internatshaus Gengenbach samt seinen zwölf Zimmern müsste so barrierefrei wie möglich umgebaut werden. »Leser helfen« hat sich zum Ziel gesetzt, die Sanierung von sechs Zimmern plus Eingangs- und Treppenbereich zu finanzieren. Die Kosten betragen rund 200 000 Euro.

Stichwort

CJD-Jugenddorf

Das CJD Jugenddorf Offenburg ist eine Einrichtung des Christlichen Jugendwerk Deutschlands (CJD) e.V. Seit der Gründung im Jahr 1983 haben in Offenburg mehr als 2500 junge Menschen mit unterschiedlichsten Förderbedarfen ihre Ausbildung absolviert. Weitere 2500 Teilnehmer haben sich in Bildungsmaßnahmen auf die Anforderungen des Berufslebens vorbereitet. Rund 100 Teilnehmer, die nicht zu Hause wohnen können, leben im »Lernort Wohnen« in den Häusern Achern, Kehl, Oberkirch und Gengenbach.

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